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44. Nelch eine Melodie
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„OBSERVER
I. österr. behördl. konzesst#niertes
Unternehmen für Zeitungs-Ausschnitte
WIEN, I., WOLLZEILE 11
TELEPHON R-23-0-43
Ausschnitt aus:
zer Tag, Wien
vom:
30.3
Welch eine Melodie
Von Artur Schuitzler,
Es hört sich an wie ein Märhen... Ein keuschen Sinn des jungen Mädchens noch gar
Knabe saß beim Fenster eines Landhauses und nicht aufgegangen war. Nun trat er zu ihr
blickte nur ab und zu in den Wald hinunter,
ins Zimmer. Sie war allein, die Mutter bei
der gleich an die Villa grenzte und so ftill da¬
einer Verwandten. Der Geliebte setzte sich nach
lag, als regte sich kein Zi#eig in seinem gan¬
einer flüchtigen, beinahe hastigen Begrüßung,
zen Bereiche. Es war ein schläfriger Sommer¬
zum Flügel und hob an, auf den Tasten zu
nachmittag, und die tiefblaue Luft lag schwer
phantasieren. Sie setzte sich zu ihm still, mit
und heiß über der Erde. Der Knabe hatte vor
holder, ruhiger Freundlichkeit im Auge und
sich auf dem Fensterbrett ein Notenblatt
lauschte seinem Spiel. Nach einigen Tönen
liegen, auf welches er musikalische Zeichen, wie
und Akkorden aber änderte sich der Ausdruck
sie ihm eben einfielen, planlos eintrug. Ganz
ihres Gesichtes. Sie hörte gespannter und auf¬
mechanisch, während er an alles Mögliche
merksamer zu. Auf ihren blassen Wangen stieg
dachte, zeichnete er vielerlei Notenköpfe auf
eine leise Röte auf — ihr Auge, eben nech
das Papier und versah sie in einer Art von
klar und ernst, erschien in einem sonderbaren
kindischem Eifer mit Taktzeichen, Kreuzen, bis
feuchten Glanz. Eine heftige Bewegung gab
eine ganze Zeile ausgefüllt war, worauf er
sich in ihren Mienen kund. Sie sah aus, als
seine Spielerei mit befriedigtem Lächeln über¬
ware sie mächtig ergriffen, als hätte sie etwas
blickte. Er hatte keine Ahnung, was nun
inendlich tief berührt: „Welch eine Melodie!“
flüsterte sie.
eigentlich auf dem Blatte stand. Die Schwüle,
Der junge Künstler improvisierte weiter,
welche zum offenen Fenster hereingezogen
immer über jenes Thema, welches ein lächer¬
kam, machte ihn müde, er legte den Bleistift
licher Zufall ihm im Walde zugetragen. Seine
aus der Hand und schaute nur so vor sich hin,
Finger zauberten eine prächtige Fülle von
mit offenen Augen träumend. Es kam ein
Pariationen aus den Tasten hervor, und aus
leiser, ganz leiser Wind: der wehte das
allen tönte jene eine wundersame Melodie, die
Notenblatt hinaus, und ohne Bedauern sah
mmer herzlicher, immer schöner erklang, je
ihm der Knabe nach . .. wie es sich zuerst in
öfter sie gebracht wurde. Welch eine Melodie!
den Asten verfing und dann langsam auf den
Nur ein Genius hat solche Gedanken! Ein
schmalen Waldweg herunurglitt, an dessen
Genius nur kann durch ein kurzes, einfaches
Saume es liegen blieb. Der Junge kümmerte
Motiv so außerordentlich wirken, daß der Zu¬
sich nicht weiter darum und ging nach kurzer
hörer wie weltentrückt in der höchsten, unver¬
Zeit auf sein Zimmer, setzte sich ans Klavier
gleichlichen Entzückung schwelgt...
und übte Skalen.
Welch eine Melodie: Und als sie jetzt, zum
Ein junger Mensch, dessen Außeres auch
letzten Male angeschlagen, allmählich verhallte,
einem flüchtigen Beobachter den angehenden
als der junge Künstler geendet — wie zitterte
Künstler oder mindestens den Kunstenthu¬
ie ach, als schlürfe die Luft den Wohllaut ein
siasten zu erkennen gab, schritt bald darauf,
und wollte sich daran berauschen.
irgend ein Lied vor sich hinträllernd, über
Und das Mädchen, hingerissen, wie in einen
jenen Waldweg der Hauptstraße zu, als sein
himmlischen Traum verloren saß unbeweglich
Auge auf dem Blatt Papier haften blieb,
da. Nur wenige Sekunden freilich, dann heftete
welches der Wind hergeweht hatte und das
sie die großen Augen auf ihn, und ihr Blick
nun seine beschriebene Seite dem Jüngling
hing an ihm mit dem Ausdruck einer leiden¬
zukehrte.
schaftlichen, rückhaltlosen Bewunderung. Er
wollte eben die Lippen zur Rede auftun, als
sieh doch!“
betrachtete es neuaieria: „Ei
HEE
Er ließ lange auf sich warten, während er, der
als der glückliche Erfinder jener schönen, musi¬
kalischen Idee angesehen wurde, in allen Ge¬
sellschaftskreisen gefeiert, in manchen Kreisen
in den Himmel erhoben wurde und in den
Armen der schonsten und elegantesten Damen
der Stadt sein Annchen bald vergaß... Denn
die Frauen sind Künstlern gegenüber außer¬
ordentlich nobel, sie lieben es, sich für die gebo¬
tenen Genüsse zu revanchieren.
Sein Klavierstück wurde popular, man
arrangierte es für Streichorchester, und das
Motiv machte die Runde durch alle Musiksäle
der Welt.. Aber wann wird er wieder etwas
schreiben? Man wartete, wartete vergebens
und begann enttäuscht zu sein. Man kannte
bald nur jenes herrliche Motiv, und es war
daran, daß der Name des Komponisten lang¬
sam ins Vergessen kam.
Da, nach einem Jahr vielleicht, lief die Nach¬
richt in der Stadt herum, der kürzlich erst so
sehr Gefeierte habe sich eine Kugel ins Herz
gejagt. Und es war so — der junge Künstler
war tot! Warum haite er sich erschossen? Unter
allen, mit denen er gelebt, konnte es freilich
keiner wissen. Ob etwas Großes mit ihm
dahingegangen war, wer durfte es entscheiden?
Wahrscheinlich ist nur, daß in einer dunklen
Stunde das Bewußtsein in ihm erwacht war,
er verdanke seine plötzliche Berühmtheit weni¬
ger seiner eigenen Kraft, als dem Wirken
eines sonderbaren Zufalls, dem glücklichen Ge¬
danken irgend eines Träumers, der jenes
Notenblatt im Walde verlor: und was ihn ge¬
tötet, war vielleicht Reue, gekränkte Eitelkeit,
vielleicht selbst Neid auf den, welcher jenes
Thema geschaffen.
Gleichviel, er schied aus der Welt, seines
Bleibens war nicht mehr unter denen, die ihn
verehrten.
Und der, welcher jene Melodie in der Tat,
wenn auch unbewußt, geschaffen? Hört es sich
nicht an wie ein Märchen? Wie eine Historie,
lächerlich, trübselig und erstaunlich zugleich.
Jener Knabe versuchte, das berühmte
Klavierstück zu spielen, er brachte es nicht zu¬
wege und ließ es sich von seinem Lehrer vor¬
tragen. Den Kopf auf die Hand gestützt, saß
er da und lauschte andächtig den wunderbaren
Klängen... und es war ihm wie jedem, der
sich in die Schönheit des Themas versenkte.
Eine neue, ungekannte Welt stieg vor ihm auf,
es überkam ihn wie eine Ahnung von einer
fernen, phantastischen Herrlichkeit, die man
wohl tief empfinden, aber kaum zu fassen ver¬
mag..
Es war Musik der Sphären, die ihn um¬
quoll. „Welch eine Melodie!“