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Text

Fluch
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Finsternis
36 ine Masuh
box 6/3
DOESERVERC
I. österr. behördl. konzessioniertes
Unternehinen für Zeitungs-Ausschnitte
WIEN, I., WOLLZELLE 11
TELEPHON R-23-0-43
Ausschnitt aus:
SIRLTREE ROREN-SOGALRE
72 OKT, 1931
vom:
ABENDAUSGABE
heit umsetzen, das Unterscheidungsver- Lzweifelten Unghwißheit über di
mögen zwischen tatsächlichen und imagi¬
Fragen und Dinge. Und vielleicht
Schnitzlers
nierten Vorgängen planvoll verwirren.
Auebe
diese fragend geneigte Haltun
Die Erscheinungswelt beginnt sich imErscheinung und dem Werk Arthur
letztes Werk
Verlauf dieses Prozesses aufzulösen, zu Schnitzlers Dauer und Bedeutung
durchdringer mit den Schatten gewesener I wahren soll.
Es muß jeden, der in den anscheinen¬
Pritz Walteg
Gestalten, wirklicher und halluzinatori¬
den Zufällen des Lebens gebeimnisvolle
scher Erlebnisse und mit den Phantasie¬
oder jedenfalls unserer Erkenntniskraft
gsbilden aus dem Urgrund eines erkrank¬
nicht durchsichtige
Zusammenhänge
ten Unterbewustseins — soweit überhaupt
wahrzunehmen glaubt, seltsam und er¬
noch, und um diesen gefährlichen Zweifel
griffen anrüähren, daß der Titel von
war es Schnitzler zu tun, auf die Unkon¬
Arthur Schnitzlers Novelle, die seine
trollierbarkeit dieser seelischen Tiefen¬
leiste werden sollte, so nachdrücklich an
bezirke die Begriffe „krank“ und „ge¬
Trennung, Abschied und Dunkel anklingt. 1 sund“ anwendbar sind.
„Flucht in die Finsternis*): das ist im! Aber der Krankheitsrapport erhöht
Wortsinn, in der inhaltlichen Bedeutung
rich, durch die dichterische Kraft seines
dieser Erzählung das Ende eines Men¬
Verfassers, unmerkbar und allmählich
schen in der Umnachtung des Gsistes. Sic
zum Gleichnis: für die Last des Lebens,
ergreift einen öst reichischen Fektions¬
die zu bestimmten Wende- und Krise¬
rat, einen Mann von einigen vierzig Jah¬
punkten eines Schicksals so bedrohlich
ren, späten Abkömmling aus der Reihe
anwächst daß der Betroffene von ihr
jener müden, verfeinerten Familien, die
überwältigt wird und sich nun entschei¬
Schnitzler vielfach und immer wieder ge¬
den muß „zwischen Gesundheit und
Schildert hat, einen leise, ängstlich und
Krankheit, Klarheit und Verwirrung,
behutsam lebenden Menschen, desren
zwischen Leben und Tod“. Für Schnitz¬
äuperlich korrekte und geregelte Lebens¬
ler und seine Menschen liegt in der Frage¬
führung in grausamem Widerspruch zun
Aufrahr und zur Auflösung seiner inni¬
zür Untergang und Vernichtung ausfallen.
ren Kräfte steht.
Doch von hier ab vollzieht sich eine
Schnitzlers ärztliche Schulung, grand¬
Wandlung im Gefüge dieser Novelle,
legendes und förderndes Element seiner
deren tieferer Sinn sich vielleicht erst in
gesamten Produktion, verhalf ihm zu dem
ihrer nun endgültig aufgehaffenen Voll¬
klinisch genauen und lückenlosen Krank¬
endung erschlossen hätte: Die Flucht in
heitsbild eines seellsch-geistigen Verfalls,
die Finsternis führt in eine Landschaft,
von den anfänglich und flackernd auf¬
deren starrende, gläsern aufgerissene
tretenden Störungen bis zum total aus¬
Härte und Kantigkeit nichts mehr von den
gebildeten Wahnsystem der Verfolgung
milden, weichen, verschwimmenden Kon¬
und Tötung durch den eigenen Bruder
turen Schnitzlerscher, österreichischer
des Patienten. Meisterlich, wie sich die
Natur, sondern viel eher die gespenstisch¬
Zwangsvorstellungen des Kranken, in der
fahle Ueberwirklichkeit Matthias Grüne¬
zugleich breiten und aussparenden, locker
waldscher Landschaftsaspekte hat, Das
und dicht geknüpften Erzählerkunst
Ende dieser Erzählung, das Ende von
Schnitzlere, durch die Beharrlichkelt
Schnitzlers Werk liegt nicht mehr im
ihrer Wiederkehr auch beim Leser lang¬
Schein einer friedlichen Abendrôte es ist
sam in geglaubte Wirklichkeit und Wahr¬
durchweht von apokalyptischen Schauern
des Todes, von der grübelnden und ver¬
* S. Fiecher Verlag.