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Casanovas Heimfahrt
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S er
ohne viel klassizistischen Schliff, aber von lebendiger Natur¬
listik.
. (Ein neuer Schnitzler.] „In seinem dreiundfünfzigste
Lebensjahre“ — so beginnt Schnitzlers neuesie Novelle, die, be
Fischer erschienen, den Titel „Casanoras Heimfahrt“ trägt. De¬
Autor sellst kommentiert in einem Nachworte seine Erzählung
dahin, daß sie im algemeinen frei erfunden, und nur in ge¬
wissen Tetails an hisorisce Taten, besonders den „Erin#
rungen“ Casanoras entrommen, angelehnt sei. Schnitzler ist jegzt
annchernd so alt wie sein Cajanrva, und dieser Uimstand mag
viel dazu keitregen, daß der Tichter in die Novelte eine Fülle
dessen hineinlegt, was nur der große Seelenarzt zu vergeden hat,
der steis mit den Cestalten, die er schafft, zumindest mit den
Hauptsiguren, fühlt und empfindet. Mehr als ein Jahrzehnt ist
verstricken, seit ich in jugendlichem Ungestüm und jugendlicher
Kühnheit eine Studie über Artur Schnitzler veröffentlichte. Neben
der erfrischenden Naivität der Jugend verblüfst mich an diesem
Büchlein gegenwärtig am meisten die Keckheit, die dazu gehörte,
es zu schreiben. Es ist aber vielleicht für Schnitzlers Tätigkei!
und Wertung symptomatisch, daß man ihm als Neunzehnjähriger
kaum wesentlich anders gegenülersteht als in den Dreißigern.
Und so kinnte ich nach der Lektüre von „Cojanovas Heimfahrt“
gereu dasselle Urteil über den Verfasser fällen, das ich domal¬
nach eirgebendem Sirtirm seiner bis dehin erschierenen Wirl
ist reich an sprachlcher
forwulierte. „Casereras Heinsebit“
Schörheiten rrunkt in wurderlar setten Farlen, die nament¬
lich bei Milierschilderurcen harmonisch zu köstlicken Gemilder
verschmelzen. Die üppige Pantasie des Dichters lebt sich, obwol!
in einen geschicktlich treuen Nahwen eingeenat. dennoch nach alle“
Richtungen aus. Die Leichnung derraktere, durchte#
pfrckolreische Arbeit von feinster Präzision, ist eckter Schnitzle¬
Die an sich dürftige Hardlung geminnt durch straffe Durck¬
führung und konsequente Vetonung des Kernes das Ansehe:
eines bis in die kleinste Einzelbeit ausgeseilten dramatischen
Entwurfes. Ich kann mir diese Casanova=Novelle sehr gut ale
ein Theaterstück von stärkster Wirkung vorstellen. Man wird L
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u. deld. pe an bewande
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Milirgs-Zeitur
F. G nerer S#uitzler.] „In seinem dreiundfünszigsten
el#rflie“ — #cles neueste Novel.e, die, bei
isc#r #rclenen, den Titel „Casancras Aeimsehrt“ trügt. Ter
###er#est iemmentiert in einem Nachworte seine Erzohiung
hin, deß sie im el.gen einen frei erfunden, und nur in ge¬
sten####s an hif brische Taten, lesonders den „Crinne¬
#ucer" Colerries entreumen, angeiehnt sei. Schnitzler ist jetzt
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tezu leitregen, deß der Tichter in die Novel.e eine Fülle
deßen hineimert, nas nur der große Seelenarit zu vergeden hat,
deßestets mit den Gestalten, die er schafft, zumindest mit den
Herrtsteuren fühlt und empfindet. Mehr als ein Jahrzehnt ist
verstric en, seit ich in jugendlichem Ungestüm und jugerdlicher
Kühnheit eine Studie über Artur Schnitzler veröffentlichte. Neber
der erfrischenden Naivität der Jugend verblüfft mich an diesem
Büchlein gegenwärtig am meisten die Keckheit, die dozu gehörte,
es zu schreilen. Es ist aber vielleicht für Schnitzlers Tatigkeit
und Wertung srmptomatisch, daß man ihm als Neunzebnjshriger
karm wesentlich anders gegenülerstelt als in den Dreiß gern.
Und so kinrte ich nach der Lektüre von „Ca anoras Heimfahr!“
gereu desselle Urteil über den Verfasser füllen, das ich demali
rech eirgelertem Stutium seiner bis dahin erschienenen Werk
foinrlierte. „Caseroras Heimsehit“ ist reich an spracklicher
Schirkener, rernki in nunderlar setten Farlen, die nament¬
lich dei Mlierschilderungen harmonisch zu köstlichen Gemülber
berich melzen. Die üppige Pbantasie des Tichters lebt sich, obnol!
in einen geschicktlich treuen Rahmen eingeen“ dennoch nach alle“
Die Zeichnung der C# aktere, durchwegs
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##deiressche #rleit von seinster Präziste; ist eckter Schnitzle“.
d dürftige Handlung gewinnt durch straffe Durch¬
fehrung und konsequente Vetonung des Kernes das Anseher
eines bis in die kleinste Einzelheit ausgefeilten dramatischen
Enworses. Ich kann mir diese Casanova=Novelle sehr gut ale
eim Theaterstück von stärkster Wirkung vorstellen. Man wird
euse Meillage-Zeitung
—4—
Schnitler für seine jüngste Gabe — ershatz
rar gemacht — herzlichen Tank wissen. 1. ####! Zeit
4.-OEZ IA 8
Bsnes Wiener Jourhal Wier
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Feuilleton.

Eine neue Erzählung Artur Schnitzlers.
„Casanovas Heimfahrt“ (S. Fischers Verlag, Berlin),
ma
Von
Hermann Menkes.
Ein Leben bis zum Rand gefüllt mit allen Köstlichkeiten, K##
jede Stunde von Liebe, Abenteuern und Glück umschimmert, und Vo
nun das nahende Alter, Einsamkeit, Vergessenheit, Armut: ansso
dieser Wende voll von Bitternissen zeigt uns Schnitzler den be- der
rühmten Abenteurer in seiner Novelle „Casanovas Heimfahrt“
Die Jugend ist vorbei, aber er will daran nicht glauben. In den
seinem alternden Herzen zucken noch einmal die Leidenschaften Go
auf, brennt das Begehren nach Schönheit; noch ist der Horizont #uoc
dieses verlöschenden Daseins vergoldet. Nur die Sehnsucht nach eit
seiner Heimatstadt Venedig, deren Bleikammern er einst in einer ##
verwegenen Flucht entkam, umweht Casanova wie herbstliche
Schauer.
Viel von psychologischem und dichterischem Reiz birgt die mit
Lebenswende des Mannes zu kühleren, besonneren Tagen. Es seit
ist ein Moment zwischen zwei ineinandergreifenden, sich be¬
fehdenden Seelenlagen. Das gefährliche Alter um die Fünfzig M
heium, von dem Goethe mit liebenswürdiger Ironie gesprochen;
ein noch aufglühender Herbst mit allem Schmerz einer drängenden bri
Resignation. Kaum ein anderer konnte dem Dichter ein solches
Objekt psychologischer Feinkunst werden wie der alternde Liebes¬
held, nichts dem Meister der erotischen Finesse zur Darstellung
so viele Möglichkeiten bieten, als Casanovas Lebensabend.
Schnitzler gibt hier eines seiner delikatesten, reifsten, von Dust#
und Süße erfüllten Werke, Kunst für raffinierte Feinschmecker. ein
Die Erzählung beginnt mit kühlen, verhaltenen Akzenten, um a
wie mit Vollkönen einer berauschenden Musik auszuklingen.
Dreiundfünftig Lebensjahre zählt Casanova und er steht vor
einem Abend, über den die Schleier der Vergessenheit sich herab= wäl
zusenlen beginnen. Er will nach Venedig zurückkehren, und von Na#