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28. Frau Beate und ihr Sohn
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Zeitung: Sgalesztg.
Ert:
AIlSA 8
Datum: 1/6 100 10
X
Literatur.
Arthur Schnitzler, Frau Beate und ihr Sohn. Novelle. Ver¬
ag S. Fischer, Berlin.
Dis neue Novelle Arthur Schnitzlers „Frau Beate und ihr
Sohn“ gleicht einem schwülen Sommernachtstraum, heiß und
schwelland, füberschäumend und verworren, bar aller Gesetze. Der
Novellédem Traum, folgt das Erwachen, die Wirklichkeit, die an¬
gesichtslwes Traumes schrecklich erscheint, so schrecklich, daß die,
die ihn erlebt, daran zugrunde geht.
Die Novelle setzt mit einem heißen Sommertag ein. Frau
Beate, schön, 35jährig, verstehend, heiß von Blut aber klug und
Awägend im Handeln, verbringt den Sommer mit ihrem
17jährigen Sohn, einem kindlich=fröhlichen, wohlerzogenen Gym¬
nasiasten, im Gebirge, an einem Seeufer, in einem Dorfe, i
dem man sich bequem ein wenig gehen lassen kann und in
trotzdem Komfort und Gesellschaft zu haben sind. Im Nichtstun
verbringt man seine Tage; man genießt die Berge, den See, das
Grün, ohne sich große Sorgen zu machen, ohne nähere oder
ferntere Ziele. Frau Beate ist seit 5 Jahren Witwe; ihr Man
war ein berühmter Schauspieler, ein Hamlet, ein Richard III.,
den alle Welt kannte. Er konnte zu ihr ein Kind sein und ein
Wüterich, ein überschäumender Jüngling und ein philiströser Ehe¬
mann. Sie hat niemals einen andern Mann gekannt und doch ist
ihr, als habe sie in ihrem Gatten Dutzende geliebt. Ihm gilt ih
Gedenken und sie kann es sich nicht vorstellen, daß sie einmal einem
anderen werde gehören können. Ihrem Bub war sie immer eine
Freundin; er erzählt ihr, wenn ihn eine Tanzstundenliebste auf die
Wange küßt und wenn er verbotene Wege ins Wirtshaus geht.
Aber sie sieht, er wird ihr verloren gehen; denn eine Bekannte,
eine verheiratete Frau in mittleren Jahren, wirft nach ihm Netze
aus. Frau Beate aber wehrt sich dagegen; sie besucht die Dame
in ihrer Villa und bittet sie, von ihrem Sohn zu lassen. Ein¬
ebenso komische wie peinliche Unterredung findet statt; die ge¬
schminkte Baronin verspricht Frau Beate, was diese wünscht. Ist
es die Hitze des Sommers, ist es das Blut, das
sich so lange nicht
regte, ist es die Atmosphäre bei der Geschminkte
die Frau Beate
atmete, kurz und gut, mit einem Male bemer!
wie begehrlich
die Männer die Blicke auf sie richten, die
ten und wohl¬
situierten, gut bürgerlichen Freunde aus
tadt, die Ver¬
heirateten wie die Unverheirateten, ja sel
er Schulkamerad
Fritz ihres Sohnes. Und mit einem Male
znet Frau Beate
im Nachtgewand Fritz im Salon, mitten
er Nacht. Frau
Beate weist den Jungen zurück, aber er ki
sie läßt sich von
ihm küssen und wird seine Geliebte. Fi
je Wochen. Sie
lebt taumelnd weiter, sie lehnt sich nie
gen auf, wie si
sieht, daß ihr Bub Nacht für Nacht bei d.
enhaften Baronin
verbringt. Sie denkt nicht mehr, sie lebt
Rausch des Augen¬
blicks. Doch unversehens erlauscht sie ei Tages ein Gespräch
zwischen ihrem Geliebten und einem a# en Schüler, ein Ge¬
sprä, das sie erwachen läßt. In schamlem Jungenton erzählen
sich die Schüler ihre Liebesabenteuer und der andere bekommt die
Details von Fritzens Liebesnächten mit Frau Beate zu hören.
Frau Beate beschließt, allem ein Ende zu machen, bevor es zu spät
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ist. Sie will mit ihrem Sohn verreisen. Sie findet den Buben
verstört in seinem Zimmer, nimmt ihn mit sich spazieren, glaubt,
er sei von seiner Geliebten verlassen worden und dringt in ihn,
er solle ihr alles erzählen. Noch in der Nacht, als sie beide allein
im See rudern, erzählt ihr der Sohn, daß er alles wisse und daß
er nicht mehr leben könne. Frau Veate sieht ihr ganzes Leben
zusammenbrechen und ihr einziges Verlangen steht nach dem Tod.
Noch eine entsetzliche, unnatürliche Stunde der beiden im Kahn,
dann kippt das Fahrzeug um.
Die Novelle schildert wenige Wochen und birgt doch ein ganzes
Leben, das in harmonischer Gleichmäßigkeit, in glücklichem Frieden
verläuft, einer Nuhe, die vielleicht nichts ist als die Vorbereitung
zu der regellosen Lebensäußerung, die allem ein Ende setzt.
Sch itzler erzählt in ruhigem, von jeder Affektiertheit weit ent¬
ferntem Ton; er schildert keine Situationen und keine Milieus,
und doch entstehen in seiner Erzählung Bilder von unendlicher
Zartheit und ergreifender Naturtreue. Die Navelle geht von
Anfang an auf ihr Ziel los, erst gemächlich, versonnen, fast ver¬
schlafen, dann schneller und unbedenklicher, schließlich heiß,
taumelnd, zitternd, zuletzt in Wahnsinn. Es ist das Leben einer
energischen, denkenden Frau, die sich immer der Gesellschaft fügte
und vielleicht immer fügen würde, wenn nicht plötzlich ein an und
für sich belangloses Ereignis einen Stum entfesselte, dem sie sich
wiverstandslos hingibt. Als Kunstwerk erscheint die Novelle durch¬
aus geschlossen. Die Komposition ist sogar unzweifelhaft besser wie
bei allen vorangehenden Erzählungswerken des Dichters. Wenn
die letzte, von Schnitzler kurz gestreifte Stunde, ein Gedanke, der
mit dem Thema kaum etwas zu tun hat und den Schnitzler besser
zu einem eigenen Werk gestalten würde, weggeblieben wäre, so
wäre das kein Verlust.
Martin Feuchtwanger.
Die unechten Kinder Adams. Ein Geschichtenkreis von Munk.
Erschienen im Inselverlag, Leipzig.
„Die unechten Kinder Adams“ sind jene unheilstiftenden, un¬
glückseligen Geschöpfe. die von Adam „mit den blanken, geschmei¬
digen Töchtern der Dunkelheit“ von Eva „mit den Dämonen der
Erde“ erzeugt sind und die — als Adam sowohl wie Eva Scham
deswegen empfanden — von ihnen „vor dem Auge des Herrn in
Busch und Abgrund“ verborgen wurden, wo sie nun ewig weilen
müssen. „Wenn aber einer aus ihrer Art durch irdischen Mutter¬
schoß heimlich ins Leben eingeht, so muß er viele Irrwege tun":
sich selbst zur Last, anderen Mühsal und Kummer bereitend, so
vollendet sich sein trauriges Los.
In einer in archaisierendem Stile gehaltenen Einleitung gibt
Munk, dessen erstes Werk soeben in einer ebenso einfachen, wie
vornehmen Ausstattung des Inselverlags erschienen ist, die Er¬
klärung für den seltsamen Titel, den er seinem 6 Erzählungen um¬
fassenden „Geschichtenkreis“ gegeben hat.
In der ersten, „die Alpe Masola“ betitelten Erzählung, ist
Matteona jene unechte Tochter Adams, die, mit einem Fluche be¬
laden, jeden, der mit ihr in Berührung kommt, mit fast magischer
Kraft in ihren Bannkreis zieht, um ihn dann elend zugrunde
zu richten. Sylvester, der kraftstrotzend und kerngesund aus
schweren Kämpfen im Dienste Venedigs, das Heimweh im Herzen,
nach Hause zurückgekehrt ist, findet durch Matteona seinen Tod,
und mit ihm viele wagemutige Senner, hoffnungsvolle Söhne
ihres Heimatdorfes. In knappen, gedrungenen Sätzen berichtet
der Dichter die Entwickelung dieser nicht weit gefaßten, aber in¬
haltsreichen Begebenheit, und es hieße sich ins Unermeßliche rer¬
steigen, wollte man auf den Inhalt näher eingehen, als oben ge¬
schehen.
Die letzte und wohl beste Erzählung betitelt sich „Farahild“
und schildert den Lebensgang eines feinnervigen, von einer hei߬
blütigen (heißblütig sind — ein charakteristisches Merkmal — alle
jene „unechten Kinder") Mutter geborenen Sohnes, der — abge¬
stoßen von dem wildgeschlechtlichen Triebe seiner Gebärerin — sich
in ein Kloster flüchtet. Aber auch dorthin folgt ihm die „Un¬
holdin“; bei einem Schneesturm findet er in ihren Armen — sie
elbst ist wieder eine überirdische Dämonin geworden — Ruhe
und Tod.
Zwei der bemerkenswertesten Arbeiten sind hier zu einer
flüchtigen Skizzierung herausgegriffen worden. In dem vielfach
unklar behandelten Stoff und den oftmals unnatürlich geschraubten
Stil bleiben sich alle 6 Erzählungen gleich. Sie überraschen aber
auch alle durch Originalität und verraten die feine Dichterhand,
die unbekümmert eigene Wege wandelt.
Das Buch wird Freunden aparter Literatur starkes Interesse
und entschiedenes Wohlgefallen abnötigen.
Julius Blumenthal-Leinzig.