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ihr Sohn
Beate un
28. Fra
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Seite 4.
Pilsen, Montag,
Ohnmächtig steht die verwitwete Mutter dem erwachen¬
Hugos wird ihr in sommerheißer Abendstunde zum ##
den Sinnesleben des Sohns gegenüber. Ohnmächtig, doch
Verhängnis er wird ihr Geliebter. Und als Beate
nicht wilkenlos. Sie tut, was sie einst in jungen Jahren
ein Gespräch des Letzteren mit einem Gleichaltrigen
der Geliebten ihres späteren Gatten gegenüber getan hat:
belauscht, in dem er sich der Buhlschoft rühmt, steigt
sie begibt sich zu der Frau, die ihrem Sohn gefährlich
in der Mutter, der Hüterin ihres Sohnes, der furcht¬
geworden ist, spricht mit ihr offen, bittet sie rückhaltlos,
bare Verdacht auf, der Sohn könne davon hören.
den Sohn freizugeben. Erreicht wird diesmal nicht, was
Hugo tritt ihr verstört entgegen, Beate will sich auf
doch damals glückte. Aber Vergangenheit und Gegenwart
sind dadurch plötzlich irgendwie eins geworden. Nur daß es
einsamer Kahnfahrt mit dem Sohne Gewißheit ver¬
nicht die Vergangenheit ist, die reinigende Gewalt über die
schaffen er „weiß“ und beide gehen in den Tod. —
Gegenwart gewinnt, sondern: die wirre Gegenwart beginnt
Schnitzler versteht die Seelenmartern von Mutter
sich des Vergangenen zu bemächtigen.
und Sohn so erschütternd herauszuschälen, er spitzt
das liebe Bild tragisch packend mit soviel Geschick und
Diese Frau Beate, die doch in Treue und Wunsch¬
Folgerichtigkeit zu, er malt die Gedanken sostreulich
losigkeit das Gedächtnis ihres Gatten, des berühmten
und zergliedernd, daß man dem Werke meisterhaf###
Schauspielers, wahrte, erwacht an dem erotischen Erle#mis
Können nicht absprechen darf.
ihres Sohnes. Sie erwacht -
zu einem Traumzus and.
Ihre ganze Umgebung scheint verwandelt, derart, daß
Einen Sprung in Preußens markante# Ge¬
aus jedem Männergesicht der Faun grinst, uro in
schichtstage bedeutet Karl Bleibtreus Roman „Zwei
jedem Frauenaugenaufschlag die Nymphe lockt. Wis ihr
wackere Helden" (Verlag Grethlein & Co.,
als fester Besitz galt, die Frinnerung an ihre gut Ehe,
Leipzig). Der Verfasser ist uns aus vielen historischen
wird in Zweifel und Schmutz gezogen. In solchem Traum¬
Denkmalen besonders dem „Diesirae“ rühmlich
zustand, auf der schwanken Brücke zwischen Vergangenem
kannt. Dem Patriotismus und der Be¬
und Gegenwärtigem, fällt sie dem plötzlichen unt un¬
blieb er auch in diesem Werke treu und n
vorhergesehenen Werben eines Altersgenossen ihres arg
er der Skepsis und dem Zynismus in
jugendlichen Sohns zur Beute.
gel schießen um de
Alles hat sich ohne greifbaren Anhalt in sein Gegen¬
ortes gerecht w.
teil verkehrt. Das Alter wollte die Jugend meistern, und
Geißel aud
st in sein Treiben hineingezogen worden. Das Gegen¬
ns Mi
wärtige sollte sich an Vergangenem klären, und hat dieses
Mai¬
s aller
statt dessen getrübt. Waches Bewußtsein, zur Tat auf¬
Bleibtreu
Helena,
gerufen, ist von den dunklen Schwaden seelischer Däm¬
Spitzeleien
haar
nerungszustände umnebelt worden. Aus dem Traumdasein
en Zug, die beiden fran¬
aber ersteht die dem Traum eigentümliche verbrecherische
ie „zwei wackeren Hel¬

Tragik des Inzestes. Es ist kein Unte chied mehr zwischen
korrumpierten Zeit, die
en“, als
der Liebe zum Sohn und dem trüben Sinneserglühen zu
im Vordergrund.
s ist
dem Verfall
dessen Altersgespielen. Über der Leidenschaft vergißt sie
eine Satyre stärkster Art, denn der bewährte Kenner
und das ist das
den Sein, in dieser Leidenschaft
nBlatt vor
der Navolegnidenzeit nimmt tatsächlich
Wesen vieser Tragik — beginnt sie ihn neu und anders
zu finden.
Damit steht man an dem neuen Übergangsstege, an
dem sich Schnitzlers feine analytische Kunst zu vollem
Dichtertum erhebt. Wie sich vordem der Traumzustand
der Wirklichkeit bemächtigte, so greift nun grelles Tages¬
besergaseserne mterwun mu.
erleben in den Traum hinein. Frau Beate wird Zeugin,
wie der dumme Bube, den sie zum Gefährten ihrer Nächte
olrahme Tege
machte, mit seinen Erlebnissen prahlt. Zugleich erfährt der
Sohn, was die Mutter getan. 65o, zwischen Traum und
Wirklichkeitsbewußtsein, gehen beide zusammen in den Tod —
rt:
ein Liebespaar. Etwas von kleistscher Gefühlsverwirrung ist
Serttar
in diesem Untergang. Etwas von Sagendunkel in dem
scheinbar harmlosen Liede von der Liebe der alternden
aum:
Frau.
Es besteht ein eigentümlicher Gegensatz zwischen dem
lichten und lebensfrohen Milieu aus der wiener Gesell¬
schaft, das Schnitzler sich auch diesmal gewählt hat, und
solcher Tragik; zwischen der klaren und anmutigen Dar¬
stellung und diesen seelischen Finsternissen; zwischen der
äußerlichen Frivolität und der unbarmherzigen inneren
Herbheit. Ein modischer Fastenprediger, aus dem ein
Kurze Anzeigen
alttestamentlicher Prophet grollt. Aber die Kraft ist da,
auch wenn sie sich hinter Anmut oder Eleganz zu verstecken
beliebt.
Romane und Novellen
Aus der Beschäftigung mit sehr modernen Problemen
Nr.
ich denke an die freudschen Theorien — mag Schnitzler
Frau Veate und ihr Sohn. Novelle. Von Arthur
seine Novelle von Frau Beaie und ihrem Sohn entstanden
Schnitzler. Berlin 1913, S. Fischer Verlag.
sein. Ist dem so, so gewann er damit den Zugang zu
An einem Problem, das der Literatur des Tages
Mysterien; ohne doch selbst in pathetische Gesten und
ganz geläufig ist, ist Arthur Schnitzler zum Entdecker ge¬
der liebens¬
Mystagogendeklamation zu verfallen
worden. Aus den erotischen Gefährnissen des Alterns
würdige und elegante und gesellschaftliche Mann bleibend,
lugt, wie er sie begreift, ein Neues. Vergangenheit und
dessen Rolle er zu der seinen, scheint es für immer, ge¬
Gegenwart, Wirklichkeit und Traumleben lösen sich gleich¬
macht hat. Und das mag berlagen, wer die Mannigfaltig¬
sam in chemischem Seelenprozesse ineinander auf, um sich
keit und die Masken des Lebens nicht liebt.
zu einem Ungeahnten und Furchtbaren zu verbinden. Zur
Ernst Heilborn
Berlin
Tragödie wird, was Satyrspiel gewesen.