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28. Frau Beate und
ihr Sohn
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ansedtr und anr Sean

—— —
Blüte Getroffene, finden sich Mutter und Sohn wieder Daß sie
eine Leidenschaft zu dem gleichaltrigen Freund ihres Kindes
gefaßt, das erscheint der nun Zusammenbrechenden als ein Inzest,
als ein Vergehen gegen die Würde ihres eigenen Frauentums,
dem nur der Tod Sühne hieten kann. In nächtlicher Stunde
begeben sich die beiden auf den See hinaus, um in seinen Wellen
Erlösung zu finden. In einem ruhigen Rhythmus der Dar¬
stellung, der hie und da nur von den auflodernden
Leidenschaften stärker bewegt wird, rührt Schnitzler
hier an letzte Dinge des Empfindens. Man wird sein Problem
peinlich, seine Lösung etwas forciert und seine Seelenanalyse allzu
überfeinert, ja grausam finden. Aber alles ist hier von einer
wundersamen Anmut des Wortes gemildert, von Schönheit ver¬
klärt. Aus dieser Erzählung spricht eine tiefe ethische Lebens¬
anschauung, ein tiefes Wissen um Menschliches, und sie bietet sich
mit der ganzen Reise und dem bezaubernden Reiz, die Schnitzlers
Kunst eigen ist.
Unter den jüngeren deutschen Romanciers hat Bern¬
hard Kellermann ein besondere Wandlungsfähigkeit
seiner Begabung dokumentie Er begann voll lyrischer
Subjektivität mit der zarten schichte von „Yester und Li“,
ging in die Schule Knuh Hamsuns als Dichter von „Ingeborg“,
die wie ein einziger Monolog, eine pantheistische Verherrlichung
sich liest. Dostojewskis und Gottfried Kellers Einfluß sind in
seinem Kleinstadtroman „Der Tor“ zu merken. Zuletzt gab er
eine Apotheose des Meeres, die harten Kämpfe von primitiven
Menschen an der bretonischen Küste, lyrische Orgien in einem
hinreißenden Stil. Hier zeigte Kellermann sich bereits mit den
Spuren einer dichterischen Persönlichkeit und nicht nur als er¬
staunlicher Imitator frem#er Stile. In seinem jetzt Aufsehen
erregenden Roman „Der Tunnel“ (Berlin, S. Fischer) hat
Kellermann mit seiner dichterischen Vergangenheit ganz gebrochen.
Hier wurzelt er ganz in der Gegenwart, in einem wechanistischen
Zeitalter, dessen Symbol er zu geben versucht, einer der gewal¬
tigen Unternehmungen, von Herrenmenschen und ihren rücksichts¬
losen Energien dirigiert. Der Tunnel, der weit hinter dem Meeres¬
grund als Weg von Amerika bis nach Europa von Mac Allan,
dem einstigen Pferdejungen eines amerikanischen Bergwerkes, unter
ungeheuren materiellen und Menschenopfern erbaut wird, ist wie
ein Moloch, das Sinnbild amerikanischen Geistes, von
dem auch das alte Europa nach und nach ergriffen
wird. Dus Ganze ist durchbebt von diesem Geiste, ist ein
Spiegelbild dieser neuen Kultur, dieser ungeheuren
menschlichen Anstrengung, die Natur ihren Diensten zu unter¬
werfen. Die Menschen, die in dieser großzügigen Darstellung
agieren, haben etwas von Ueberlebensgröße, sind selbst wie über¬
ragende Symbole, in denen die wirkenden Mächte des modernen
Lebens verkörpert erscheinen: das Geld, die auf ein einziges Ziel
gerichtete Willenskraft jedes einzelnen, die alles niederkämpfende
Herrschaft des Maschinellen. Es sind Menschen, die Balzac mit
seinem leidenschaftlichen und grandiosen Gestaltungsdrang dichterisch
sixiert, Symbole, die Zola zuerst mit einer ungeheuren Plastik for¬
Anschuit ane hrun Winer Hlnn, in
muliert hat. In Kellermanns Roman kehren sie wieder, die gewaltigen
Finanzgenies, die, in Armut begin#end, mit ihrer übermenschlichen
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vom
Energie zu Despoten im Reiche des Beldes, der Unternehmungen
und des Weltmarktes werden; die Unerschrockenen und Mitleids¬
Theater und Kunst.
losen, die mit ihren Arbeiterbataillon; die Erde unterwühlen,
die Verschwender und Geldgeige, die bei Millionen in der Gold¬
truhe verhungern. Die alle wirken an diesem großen
Moderne Erzähler.
Drama der Arbeit, des modernen Heldentums, an der Ver¬
wirklichung einer technischen Utopie mit. Schaut man aber näher
Hermann Menkes.
hin, so macht man die Wahrnehmung, daß der Dichter
uns hier Figuren gibt, aber keine Menschen. Für keinen
S
itz Larz „Frau Beate und ihr Sohn.“ — Bernhard
KeteDer Tunnel.
die mit
Raoul Auernheimer: Moment kommen uns diese Gestalten näher,
„Laurenz Hallers Praterfahrt".)
der Größe der antiken Sage äußerlich ausgestattet sind. An nichts
Ein Merkmal des modernen, artistisch gesinnten Poeten ist wird hier gespart, um den Leser zu bluffen, ihn in Atem zu
halten. Es gibt hier Versammlungen von Milliardären auf dem
seine Angst vor der Banalität. Er ist ein Wissender in einem
Zeitalter der intellektuellen Verfeinerung und des Raffinements
Dachgarten eines märchenhaften New=Yorker Hotels, Gruben¬
und findet eine Kunst vor, die alle Stoffgebiete erschöpft zu haben
katastrophen, Weltstreiks, Brände von Wolkenkratzern, Morde,
finanzielle Zusammenbrüche und allerhand Uebermenschliches.
scheint. Ihm fehlt das naive Zugreifen, die der Art eines Kindes
Diese Helden schreiten über brennende Dächer, ohne für einen
gleichende Beobachtung, der das Leben wie ein eben erst ent¬
Moment nur ihren Gleichmut und ihre eiserne Ruhe zu ver¬
decktes Neuland erscheint. Deshalb sehen wir ihn zum Abnor¬
lieren, begeben sich über Leichen in die qualmenden Stollen und
malen, zu einem hinter der Overfläche sich abspielenden Leben, zu
siegen über Tod und Verderben. Es gibt Szenen, wie sie Ohnet
den noch unenthüllten Rätseln und Verirrungen des Empfindens
dichtet, Herzensaffären mit der Psychologie einer Marlitt. Die
flüchten. Das noch Ungesagte, Irrationale ist es, das ihn noch reizt.
Geschichte des im Kohlenbergwerk verschütteten kleinen Mac
Dichten ist ihm einen Schlüssel finden zu einer verschlossenen
Pforte; die Seele ein geheimer Garten, wo die Blume
vollführt, sind wie ein Abklatsch aus Zolas „Germinal“. Trotz¬
des Bösen „neben dem Wunderbaren“ blüht. Dies erklärt das