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Seen eneneeen een enenench
ein Versprechen beruhigt, durch einen jener Schwüre, deren Cupido
lächelt.
Sie bliebe nicht sorglos, wenn sie nicht, unbewußt, selbst in den
Kreis der Gefahr gezogen wäre, vor der sie mit Ueberhast ihren
Sohn zu retten vermeint. Ihre sorgende Mutterschaft war längst,
ehe sie es ahnte, in das Fieber der Eifersucht geraten, und ihre in
den Vorstellungen der Furcht mitschwingenden Sinne werden zu
ihrer eigenen Ueberraschung empfänglich für jede Anregung der
erotischen Welt, die sie umgibt. In diesem Zustande, vermeintlich
sicher, wie ein unerfahrener Gletscherwanderer auf trügerischem
Schneeboden, wird sie selbst zur Beute einer Knabenleidenschaft,
wie sie sie für den Sohn befürchtete; ein etwas älterer Kollege
ihres Hans, den sie als Gast ins Haus genommen, überrumpelt sie
durch seine stammelnde Leidenschaft, und aus dem demütigenden
Rausche, in den sie hineingezogen wird, erwacht sie in einem Zu¬
stande, in dem ihr jeder Halt verloren gegangen. Hatte das er¬
niedrigende Abenteuer sie vorher blind gemacht, so wird sie jetzt
übersichtig: sie sieht nicht nur plötzlich, daß ihr Hans längst in den
Venusberg der Nachbarvilla geraten, sie erkennt mit einem Male
auf Grund eines zugeflüsterten Gerüchts, das sich nie vorher an
sie herangewagt hätte, daß ihr Gatte sie hundertfach betrogen, die
Glut für fremde Weiber in ihr Ehegemach getragen, und daß sie
selbst eigentlich niemals ihn, sondern die wechselnden, lockenden
Gestalten der Bühne, die ihre Sinne entzündeten, geliebt und um¬
armt habe. Ein von ihr belauschtes Gespräch, in dem ihr knaben¬
hafter Geliebter, wenn auch in leiser Verhüllung, von den Ent¬
zückungen seines Glücks berichtet, leuchtet grell in die Niederungen
der Erotik hinab, in die sie hineingeraten. Noch einmal möchte sie
sich aus der Umgarnung herabzerrender Vorstellungen retten, in
der sie sich selbst zum Ekel geworden; sie will mit ihrem Sohne
nach Italien fliehen und mit ihm gemeinsam in besserer Luft ge¬
nesen. Aber vergeblich sucht sie den reinen Klang zwischen Mutter
und Kind wiederherzustellen; die beiden Menschen stehen einander
wie Mitwisser der Erniedrigung gegenüber; bei einer gemeinsamen
nächtlichen Bootfahrt, die die Herzen entladen soll, dringt das Gift
der Sinnlichkeit selbst in die Küsse, die die entheiligte Mutter mit
ihrem durch eine wilde Orgie befleckten Sohne tauscht; beide, von
Furcht vor sich selbst erfaßt, versinken in einem Meer von Scham
und Verzweiflung und verschwinden zuletzt für immer in dem
Gebirgssee, in den die Selbstmörderin den Knaben mithinabzerrt.
Aus der Welt weicher Sinnlichkeit und unbewachten Genu߬
triebes, die uns Schnitzler so oft mit überlegener Ironie geschildert
hat, arbeitet er in dieser Meisternovelle eine erschütternde Tragik
heraus. Verwegen und doch niemals verletzend, frei von aller
Philistermoral, aber vertraut mit allen unheimlichen Gefahren,
die nur energische Selbstzucht bezwingen kann, leuchtet er in den
*
Konflikt zweier weiblicher Urtriebe, des Muttergefühls und der
erotischen Hingebung, hinein und ergreift uns weit tiefer als ein
vielgenanntes Buch durch die verhängnisvollen Verirrungen des
gefährlichen Alters. Die spannende Handlung bot manche Gelegen¬
heit, durch äußere Nötigung, krasse Enthüllungen und kämpfende
Rivalitäten den Untergang der Hauptpersonen herbeizuführen.
Schnitzler spielt mit diesen Möglichkeiten und läßt sie fallen. Nicht
durch die Verstrickung solchen Zwanges, sondern ausschließlich durch
die feinstfädigen inneren Vorgänge wird die Katastrophe herbei¬
geführt. Mutter und Sohn haben nichts Aeußerliches verloren,
das die Gesellschaft nehmen und geben kann, wohl aber ihr eigenstes
Selbst, und das so unwiederbrinalich, daß sie als höher ge¬
Wie die
stimmte Naturen nicht weiterleben können.
Empfindung dieses Selbstverlustes in dem bewußteren der beiden
Charaktere in Beaten emporsteigert und zugleich mit der Gegenwart
auch die Vergangenheit in schwere Schatten hüllt, das ist in dem
belauschten Innenleben der Mutter, in der ganzen Umstimmung
ihrer Vorstellungswelt mit einer psychologischen Vollendung dar¬
gestellt, die den vielbewunderten Dialog des „Leutnants Gust#
noch weitaus übertrifft. Schnitzler hat in dieser novellistischen
Tragödie der entweihten Mutterschaft sein Stärkstes gebotenz
Alfred Klar.
sschnittehner B#sen Heitung, Berlin
n:
St. Mie 194#
Büchertisch¬
— Frau Beate und ihr Sohn. Novelle von
Arthurch#von S. Fischer in
Berlin. Eine Fülle von Lebenswahrheit enthält
dieses Buch und die Schilderung der Empfindung
einer jungen Witwe eines Künstlers, die ihren sieb¬
zehnjährigen Sohn vor den Gefahren einer Circe be¬
wahren möchte und selbst die Geliebte eines etwas!
älteren Kameraden des Sohnes wird, ist als höchst ge¬
glückt zu bezeichnen. Der Sohn kommt hinter das
Geheimnis und fühlt sich entweiht im Heiligsten.
Die Mutter erwacht aus ihrem Liebesrausch und
beide sterben freiwillig im See. Man wird die Un¬
glücklichen nicht vergessen. Schnitzlers große Kunst
hat Menschen gestaltet, deren Irrtum, deren Leid
tiefes Mitleid beim Leser auslöst.
f
Frau Beat
und ihr Sohn
28 Snee e e e e enen.
Tauehenangade oine Gewahr.)
Börsen Courier, Berlin
Ausschnitt aus:
gabe
c0. Mil 1913
vom:
Frau Beate und ihr Sohn.
Me
663
Von Arthur Schulb
Be
In seiner neuen Novelle versenkt sich Arthur Schnitzler
in das Mysterium der Witwenschaft. Eine gereifte, noch
sehr reizvolle Frau, der ein Sohn zur Männlichkeit her¬
anblüht, verliert ihre menschliche Sicherheit in dem Augen¬
blick, wo sie wahrnimmt, daß der Siebzehnjährige in die
Netze einer galanten Frau gelockt wird. Noch hält sie für
Mutterliebe, was bereits vom heimlichen Stachel der Eifer¬
sucht in ihr aufgereizt ist, und in eingebildeter Besorgnis
sucht sie die Verführerin auf und bittet sie in einer leider
nicht sehr glaubwürdigen Szene, den Jüngling aus dem
Spiele zu lassen. Die gütige Mondäne verspricht alles
und man bedarf keiner Scharfsicht, um zu erraten, daß
sie nicht Wort halten wird. Frau Beate, die seit dem
Tode ihres Mannes fünf Jahre in Zurückhaltung und
Pietät lebte, gerät durch den psychischen Schmerz um den
Sohn in ein schauerndes Martyrium ihrer Sinne. Sie
beginnt wieder die Blicke der Männer zu verstehen, die
Formen ihres Körpers zu fühlen, und das Unausge¬
sprochene intrigiert sie bis in ihre Träume. Als sie einmal
in nachtlicher Unruhe vor die Türe ihres Schlafzimmers
tritt, entdeckt sie dort den Schulkameraden ihres Sohnes,
und der junge Mann, den ihr Zorn nicht ernüchtert,
wird ihr Geliebter. Auch die vorsichtige Bewerbung der
anderen, die ihr nahe zu kommen suchen, regt ihr Blut
auf. Sie ahnt ein in Erlebnisse und beschämende Aben¬
teuer verstricktes Schicksal, sie fühlt sich herabgleiten und
hadert mit Erinnerungen, kämpft gegen den Schatten des
betrauerten Gatten, an dessen Treue — er war Schauspieler
— sie zu zweiseln beginnt.
Aber sie wehrt sich auch und tiefer Schreck
befällt sie, als sie in einer psychologisch dic
unterstrichenen Situation das Gespräch ihres jugendlichen
Liebhabers mit einem neugierigen Kollegen belauscht. Noch
verschwieg der aus seiner Reserve Hervorgelockte ihren
Namen, aber sie fühlt sich schon jetzt preisgegeben und ge¬
schändet. In diesem Zustand der Erbitterung kommt sie
zu ihrem Sohne, den ein plötzlicher Schmerz nach Hause
getrieben hat, und sie sucht ihn zur schleunigen Abreise aus
der verhängnisvollen Sommerfrische zu bewegen. Der
Mutter fällt das Fragen leichter, als dem Sohne das
Sprechen. Die beiden wandern zum See, und als sie
ein Boot besteigen, um hinauszurudern, hat es Frau
Beate ihrem Sohne bereits angemerkt, daß er alles weiß
Aus dem Dämmern der abendlich verlöschenden Welt sucht
das Paar den Weg ins Dunkel. Nicht mehr Mutter und
Sohn, sondern Mann und Frau, die sich einem letzten
Sinnenrausch hingeben, denen eine unerträgliche Gefühls¬
angst den Atem zuschnürt, sinken mit sterbenden Blicken
ins Wasser.
# Arthur Schnitzler hat uns das Schicksal der Frau Beate,
*
dieser Blutverwandten seiner Berta Garlan, zu differen¬
zieren gesucht, indem er sie als die Witwe eines be¬
rühmten Schauspielers vorstellt. Er motiviert damit ihren
Hang zur Varietät des Sinnenlebens und ihre so jähe
Unabhängigkeit von bürgerlichen Hemmungen. In ihrem
Gatten, dem maskenreichen Bühnenkünstler liebte sie viele
Männer zugleich und seine wechselnden Rollen schufen ihr
ebensoviele Illusionen. Diese Aufklärung ist so präzis
gescheidt, so lückenlos witzig, daß sie mir gar nicht gefällt.
Ich glaube nicht an derartig gelungene Späße der Natur.
Zumindestens ist diese Komplikation — etwas primitiv
und sicherlich verschiebt und verengt sie das interessante
Problem zugunsten eines singulären, pathologisch merk¬
würdigen Falles. Um ihn zu jener Bedeutung empor¬
heben, die auch das Untypische kraft eindringlicher
Sondierungsprozesse erringen kann, erweist sich die Form
dieser Novelle zu ungeduldig, zu findig im Ermitteln von
flinken Drehungen und Wegabschneidungen. Noch bevor
unser Interesse vertieft, werden wir in katastrophale
Auffassungen gedrangt, und wer etwas Spannung nicht
mit innerer Ergriffenheit verwechselt, sieht sich von der
tragischen Zuspitzung der Dinge mehr überrascht als ins
Zentrums des Empfindens getroffen.
Man hat trotz allem vieler Feinheiten zu gedenken, wobei
ich besonders an die sich wandelnden Erinnerungen der Frau
Beate denke. Seitdem sie Erlebnissen verfallen ist, erscheint
ihr das Bild ihres Mannes unechter und komödiantenhafter.
Und sie hört ihn in ihren Träumen jetzt ganz anders
sprechen, mit einer Stimme, wie sie zu ihrem nachträglichen
Enrsetzen ein jugendlicher Salonwurstel kopierte. Meister¬
haft schildert Schnitzler— wie oft vorher — den Zirku¬
lationsprozeß erotischer Farbstoffe. Und als sich die
Novelle zum tragischen Abschluß erhitzt, kommt fes zu
poetisch starken Entladungen, die nur zu verfrüht sind um
zu bezwingen. Aber sie schützen eine unausgeglichege, über¬
hastete Dichtung vor dem Verdachte, mit Berechnung seriöse
Emil Fäktor.
Pikanterie getrieben zu haben.
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