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und ihr Sohn
au Bea
28. F
box 4/5
Ausset-#et. Alse uburger Cont. mee
Hambuig.
vom:
eue Belletriftik.
Tlicher romantischer Brome ergahrt. —.
Von Grete Massé.
dorff mit einem modernisierten und ebenfalls zu einem glücklichen
Arthur Schnitzlers Novelle „Frau Beate und ihr
Ende geführten Leben eines Taugenichts, für den der liebe Gott,
en Rundschau bereits bekannt
Sohn“,
in dem besondern Fall der gräfliche Attaché der deutschen Gesard¬
geworden ist, gibt der Verlag von S. Fischer, Berlin, jetzt in
schaft in Paris, in großer, wenn auch etwas egoistischer Büte, sorgt.
Buchform heraus. Sie reibt sich würdig den stillen, feinen
Novellenbüchern, die wir bereits von Schnitzler besitzen, an und
Frau Beate und ihr Sohn (S. Fischer, Verfag, Berlin)
ist wie sie geschrieben in einem Stil voll Anmut und Klarheit.
heißt das neueste Werk, mit dem die als weich und uienerisch tän¬
Auch ihr haftet der nachdenkliche Ernst und die leise Melancholie
delnd etikettierte Kunst Axthur Schnitzlerssfeinen Lesern
an, die Schnitzler nicht verlassen. So rot und lebensheiß die
deu Gegnern eine
aufwartet und den Anhängern Entzuee
Herzen seiner Mitmenschen auch sind, so werden doch alle ihre
freudige Ueberraschung bereitet. Die Novelle erzähkt die Tragödie
Wege überdunkelt vom Schatten des Todes und auch die arme,
einer entweihten Mutterschaft. Frau Beate ist die noch jugend¬
schöne Beate findet den Frieden, den sie verlor, erst in den glei¬
liche Witwe eines bedeutenden Schauspielers, derin ihrer Erinne¬
tenden Wellen wieder, als sie den Sohn, vom Kahn herab, zu
rung und trauernd=verehrenden Liebe und in Im Knaben Hugo
sich hernieder zieht in die Nacht des Todes.
Wie diese feine, sensible Frau, die nur dem Andenken des
fortlebt, dem Ebenbild des großen Valers. Frau Beate sieht den
toten, geliebten Gatten und der Erziehung ihres einzigen Kindes
an der Schwelle der Mannbarkeit stehenden Knsben von einer ver¬
lebte, aus Reinheit und Kühle langsam, halb wie im Dämmer¬
führerischen Abenteuerin sich entrissen — trotzfihrer mütterlichen,
zustand, hinabgleitet in Rausch und Schmach, wie sie, die Treue,
mit zärtlicher Eifersucht gemischten Fürsorge. Dem Erwacher des
S
bebrängt von der Spätsommerglut dort draußen und in dem
Knaben zum Leben der Liebe geht parallel ein heißtrunkenes Wie¬
Taumel ihrer plötzlich erwachten Sinne in Wirnisse des Herzens
dererwachen in den Sinnen der Mutter. In einer dämmernden ##
gerät und das Bild des Gatten in schwülen Liebesnächten, in den
Sommernacht, in der Erinnerungen aus der Vergangenheit über¬
Armen eines jungen Geliebten vergißt, ist von Schnitzler mit
mächtig werden und die leidenschaftlich=kindlich stammelnde Liebe O#
feinster Kunst gestaltet und mit dem Blick des Psychologen ge¬
eines Jungen — des Gymnasiastenfreundes von Beates Sohn —
sehen, vor dem das dunkelste Traum= und Triebleben sich offenbart.
Auch das Buch von Hermann Stehr „Geschichten aus¬
die jugendliche Frau bestürmen, erliegt sie dem Rausch ihres Blutes.
S
dem Mandelhause“ (Verlag: S. Fischer, Berlin) ist da
Aus dem Rausch erwacht, will sie sich und den Sohn aus der ent¬
Buch eines echten Dichters. Nur drei Menschen: ein mager
weihten Atmosphäre retten, aber es ist zu spät. Mutter und Sohn
stehen sich als schuldbeladene Menschen, die gegenseitig von ihrer
Erniedrigung wissen, gegenüber. In einsamer Nachtfahrt auf dem #
Gebirgssee bekennen die armen Schächer — Hugo hat von der
Abenteuerin, die ihn betrogen und verlassen hat, den Fall seiner
Mutter erfahren — ihre Schuld und Schmach:
In schreckensvoller Ahnung fragte sie [Beate): „Seit heute weißt S
Ausschnitt aus:
S #8
Du? Dort haben sie Dirs gesagt?“ Hugo erwiderte nichts, doch ein
. Osterreichischt FraneasRhndschan:
Zucken lief durch seinen ganzen Körper, so wild, daß es ihn willenlos S
vom:
—SEPTaN
auf den Grund des Bootes warf, an Beatens Seite hin . .. Sie zog ihn
Wien.
näher zu sich heran, drängte sich an ihn; eine schmerzliche Sehnsucht stieg
aus der Tiefe ihrer Seele und flutete dunkel in die seine über. Und
beiden war es, als triebe ihr Kahn, der doch fast stille stand, weiter und
Snse überschwengtien ais-Iiteressant.
weiter in wachsender Schnelle. Wohin trieb er sie? Durch welchen
artur kehnitzler: Frau Beate und ihr
Traum ohne Ziel. Nach welcher Welt ohne Gebot? Mußte er jemals.
F Sohn. Novelle. Verlag S. Fischer, Berlin.
wieder an Land? Durfte er je? Zu gleicher Fahrt waren sie verbunden.
Die Psychologie der Frau und die Psychologie der
Der Himmel barg für sie in seinen Wolken kein Morgen mehr; und im &#
verführerischen Vorgefühl der ewigen Nacht gaben sie die vergehenden
Verstehend, verzeihend, erlöst schloß er S
Lippen einander hin
Liebe haben stets zur Domäne Schnitzlers gehört, in
die Augen; die ihren aber faßten noch einmal die in drohendem Däm¬
der er Vertrauter und Meister ist. Seine Frauengestalten
mer aufsteigenden grauen Ufer, und ehe die lauen Wellen sich zwischen
ihre Lider drängten, trank ihr sterbender Blick die letzten Schatten der
waren immer interessant — sympathisch waren sie fast
verlöschenden Welt.
nie. Die Frau als Sexualwesen und immer nur so ge¬
Diese den Schluß der Schnitzlerschen Novelle bildende Probe ist
S
deutet zu sehen — das macht müde. So rollt sich auch
so schön und groß, daß sie für das ganze Werk Zeugnis ablegt.
das Schicksal Frau Beates, der Witwe nach einem großen
Neben die Prosa Thomas Manns im Tod in Venedig stellt sich
Künstler, die ihre unverbrauchte Lebensfreudigkeit ohne
ebenbürtig die Sprache Schnitzlers in Frau Beate und ihr Sohn.
Würde, ja ohne Rausch an einen grünen Jjungen hinwirft,
Es sind zwei Werke, auf die die deutsche Literatur der Gegenwart
den Schulkameraden ihres 17 jährigen Sohnes, ohne tiefere
S
stolz sein darf.
Anteilnahme im Leser zu erwecken, ab. Der Dichter führt
uns Frau Beate erst als zärtlich-besorgte Mutter vor, die
ihren Sohn vor den Armen einer Kokotte bewahren will,
und zeigt uns dieselbe Mutter dann als die Geliebte seines
Freundes. Und diese innerlich würdelose Frau findet den
Mut zu einer großen moralischen Geste: sie sucht im
Schuldbewußtsein auf nächtlicher Kahnfahrt den Tod —
und nimmt uns auch hiefür das Mitleid, denn sie reißt
ihren Sohn mit sich in die schweigenden Tiefen. Was
Schnitzler hier an Psychologie und Schönheit der Schil¬
derung auch zu einem Blendwerk vereinte — das mensch¬
liche Empfinden erwehrt sich Frau Beatens mit ugsäg.
lichem Grauen.