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28. Frau Beate und ihr Sohn
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AIA Aan
Neue deutsche Erzählungskunst.
Von Rudolf G. Binding (Frankfurt).
(Für Monate stand der ganze Gestirnhimmel unter dem
Zeichen von Thomas Mannsggroßer Novelle: „Der Tod
in Venedig“. Leser, (Dichter und Beurkeiler von Beruf.
diese noch mehr als jéyé, stauden unter ihrem Eindruck wie
unter dem eines Kometen, sö daß es sos kkeihen Sinn zu habei
schien, über andere Erscheinungon (zu sprechen. Der Tod in
Venedig ist fast allenthalben so ausgiehia überwürdigt wor¬
den, auch an dieser Stelle in besonderer Besprechung bewertet
worden, daß es nur deshalb notwendig ist, seiner noch zu
erwähnen, um anderes Gute zu ehren, was zugleich mit ihm
auftauchte, ohne sich zunächst neben dem kometenhaften Glanz
behaupten zu können. Daß der Ruhm der Mannschen Novelle
ein trügexischer war, soll damit keineswegs gesagt sein: sie
war zu niederträchtig zeitgemäß, um nicht ihrer Wirkung
sicher zu sein, und zu gut, um nicht diese Wirkung vollauf
zu verdienen. Daß ihr eigenster innerster Feind aber das
Geständnishafte an ihr war — was gemeiniglich Kunstwerken
nie gut bekommt und ihnen fast immer die Unsterblichkeit
kostet — wurde zu spät oder ist vielleicht noch nicht einmal
voll erkannt.
Immerhin: der Tod in Venedig hat uns anspruchsvoll
gemacht. Mit einer besonderen Berechtigung fahnde ich in
der Flut der Neuerscheinungen auf das Beste. Auch der
Kritiker will einmal genießen, indem er sich an der Kunst
unterhält und literarisches Gewerbe und Kunstgewerbe in
ihren Erzeugnissen ausschaltet.
Reden wir von Werken der Erzählungskunst!
Unbedenklich stelle ich, nicht wegen seiner Güte, sondern
wegen seiner Ursprünglichkeit. Neuheit, Eigensinnigkeit, auch
wegen seines Reichtums das Buch eines wohl noch Unbekann¬
#ten an erste Stelle: Philipp Keller, „Gemischte Gefühle“')
Die Geschichte eines Mädchens; gegenständlich kaum von In¬
teresse, spannungslos. Aber mit einer so souveränen Bewertung
des Alltäglichen, mit einer so glückhaften Symbolisierung des
Alltäglichen, mit einer so herrlichen Entdeckerlust im Alltäg¬
lichen geschrieben, daß ich insoweit in der deutschen Erzäh¬
lungsliteratur nicht seinesgleichen kenne und schon bis zu
Thackeray ja bis zu Laurence Sterne zurückgehen muß, um
Aehnliches zu finden. Das Buch ist als Roman keineswegs
glücklich konzipiert. Aber das ist für seine Kunst bedeutungs¬
los: es hat das Zeug, als Torso zu wirken. Denn nur in
der Art der Anschauung liegt sein künstlerischer Wert;
——
1) Ernst Rowohlt Verlag. Leipzig.
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lich den Dingen gegenüber zu bet
womit denn freilich das höchste Lob ausgeteilt ist, dessen ich
Aber wie fein ist seine Rede bei ih
fähig bin.
so etwas:
Ein Mädchen; Bertheline: als sie mit 15 Jahren konfir¬
Fast gleichzeitig mußten sie beid
miert wurde und die Schule verließ, war sie vom Leben sehr
in das sie sich verstrickt fühlten,
enttäuscht. Sie konnte nicht begreifen, daß sich nun nicht alles
geradezu erwartet, daß er leise
ändere. Bertheline wartete zunächst noch einige Zeit, vertrieb
dir zu helfen. Verzeih mir.
sich die Langeweile mit Büchern, lag nackt im Bett und war¬
hatte, habe ich mich auf deine Anl
tete. Sie war überzeugt, daß eines Morgens der Indianer¬
weiß ich jetzt nicht, was ich dir sa
häuptling, von dem sie vielleicht gerade las, vor ihrem Beit
ar nicht bedacht, was hier geschehe
stehen, sie anherrschen und dröhnend sagen würde: „Zieh dich
so natürlich ist, uns diese Möglic
Jetzt sind wir der Zeit so ohne E
an. Mein Roß stampft vor der Tür; ich führe dich in mein
wir sicher sein können sie wird nicht
Wigwam, das du als meine Squaw fegen wirst. Du brauchst
haben. Verzeih mir, Bertheline, der
dich nicht zu waschen, wir haben Eile.“ — Als aber nichts
wo ich kaum etwas sehe. Ich habe
dergleichen geschah und auch alle Dinge so flach blieben wie
es Wirklichkeit gibt. Jeden Traum
zuvor, und keine Höhlung bekamen, um sich von innen be¬
ich durch ein Erwachen beenden, al
greifen zu lassen, begann Bertheline zu weinen.
wachen aus der Wirklichkeit?
Ich habe soeben (im wesentlichen) zitiert. In diesem Ton
Dinge, die auf der Straße lie
der Berichterstattung geht es durch das ganze Buch. Wie
Hat sie vielleicht vor diesem Philipz
wohltuend ist diese Enthaltsamkeit, dieses völlige Verschwin¬
gehoben?
den hinter der Erzählung, dieses Unterlassen jeglichen Urteils,
Nach der Geburt des Kindes
dieses Nichtanderhandführen des Lesers! Da steht alles ruhig
Beziehung zu dem ersten Empfän
nebeneinander gleichgültig, wie man es aufnehmen wird, und
reinstes, eine Liebe zu einem Jünge
seiner Wirkung deshalb um so sicherer.
liche Hingabe entweiht wird. V
Bertheline wird, in noch unverstandenen nur sich ihr halb
drängt sies plötzlich nach Hause.
enthüllenden Gefühlen, schwanger von einem Stubenten. Sie
det; Mutter und Bruder waren ni
entdeckt sich, dem Kommenden ruhig ins Auge sehend, ihrer
Eine Nachbarin, die sie erkan
älteren Frundin, einer Klavierlehrerm:
Zimmer legte Bertheline ab, sah i
und freute sich über ihre Heimkehn
Eines Tages sagte die Klavierlehrerin: „Siehst du,“ sagte
sie belehrend, „hier habe ich noch Wäsche. Daß ich doch nicht) die noch auf den Stühlen ausgebr
sich gleich in allen Spiegeln wiede
gleich daran dachte! Die schenke ich dir für dein Kind. Ich
schirr gespült hatte und Staub gem
habe sie noch von meiner Mutter. Laß sie einstweilen hier,
ich werde dir ein Monogramm darein sticken. Wie soll denn
ster zufrieden auf die Straße.
Kind heißen?“
1s
Gewiß! Der verwöhnte Leser
Bertheline antworteie: „Theodor.“
finden, wie bei einer Chronik.
„Gut,“ fuhr die Klavierlehrerin fort, „so will ich ein Th.
den Dingen so teilnahmlos gegen
darein sticken. Wenn es aber ein Mädchen ist?“ fragte sie
Hand an der Kurbel eines Kino=Au
hilflos. Bertheline schwieg.
dem Pulsschlag des Kurbelnden
„O Gott,“ stöhnte Marthe auf, „es ist doch traurig, daß du
und ohne rhythmische Beeinträchtig
nicht weißt, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist.“
schreibt, was alles vor der aufne
Unter Schluchzen gestand sie endlich dies: „Die Wäsche
Schreckliches, Träges und Schnelles
ist auch gar nicht von meiner Mutter. Ich war auch einmal
so daran wie du. Aber das Kind hat gar nicht gelebt.“
tiges vorbeizieht. So eminent ep
so sehr ich sie rühmen darf als die
Wie ergreift uns dies! Kein Versuch, unser Gefühl zu
zig erlaubte Kunstfertigkeit des erz
bestimmen. Die Tatsachen allein verraten uns das, was in
leitet die unerbittliche Anwendung
der armen Marthe vorgeht, als sie der Freundin die Wäsche
will begreiflicherweise — zu Geschn
ihres Kindes schentt, das nicht gelebt hatte.
hie und da entbehren; aus dem Fil
Bertheline, Schutz, Hilfe, Rat suchend, reist dem Studen¬
ten in die Universitätsstadt nach: in einer Art von Zuge= Nebensächliches betreffen, wegfallen
hörigkeitsempfinden. Dieser versucht sich ritterlich und männ= wenig erspart; das Licht über den