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und ihr Sohn
28. Frau Beate
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# 14dhn
das Auge auf ihnen zu scharf und ungnädig. Das zerstört
Lob ausgeteilt ist, dessen ich lich den Dingen gegenüber zu betragen und zu behaupten.
halb ausgelöste Empfindungen im Leser und zerrt die feine¬
Aber wie fein ist seine Rede bei ihrer Ankunft; wie wahr ist
ren Nerven zu sehr heraus an Stellen, wo sie nur zittern
so etwas:
als sie mit 15 Jahren konfir¬
dürften. So hätte die Schilderung einer Studentin, die den
Faft gleichzeitig mußten sie beide an ihr Schicksal denken.
krließ, war sie vom Leben sehr:
Mut, sich an die Liebe zu verlieren, noch nicht gefunden hat
in das sie sich verstrickt fühlten, und Bertheline hatte es
greifen, daß sich nun nicht alles
und um so gieriger auf dem Sofa hingestreckt der Erzählung.
geradezu erwartet, daß er leise sagte: „Ich werde versuchen,
ächst noch einige Zeit, vertrieb
Berthelines über deren Liebesspaziergang lauscht, mit dem
dir zu helfen. Verzeih mir. Seitdem ich davon Nachricht
i, lag nackt im Bett und war¬
Bilde zu schließen „und über ihren ganzen Leib rieselten die
hatte, habe ich mich auf deine Ankunft vorbereitet; dennoch
eines Morgens der Indianer¬
weiß ich jetzt nicht, was ich dir sagen soll. Wir haben das
vorgestellten Bilder“. Dies ist sapienti sat! Aber: es wird
t gerade las, vor ihrem Bert
gar nicht bedacht, was hier geschehen ist, und haben, obgleich
weitergekurbelt — für wen eigentlich? — bis zu einer psycho¬
es so natürlich ist, uns diese Möglichkeit immer fern gehalten.
Hnend sagen würde: „Zieh dich
pathologischen Vorlesung über den physiologischen Vorgang.
Jetzt sind wir der Zeit so ohne Erbarmen ausgeliefert, daß
er Tür; ich führe dich in mein
Eine Inhaltsangabe des Buches wäre sinnlos; ich sagte
wir sicher sein können sie wird nicht viel Gnade für uns übrig
Huaw fegen wirst. Du brauchst
schon: es ist nicht der Gegenstand, der dies Buch ausmacht.
haben. Verzeih mir, Bertheline, denn ich gehe hier auf Wegen,
hen Eile.“ — Als aber nichts
Der Verfasser wird Schwierigkeiten haben, sich durchzu¬
wo ich kaum eiwas sehe. Ich habe niemals so empfunden, daß
le Dinge so flach blieben wie
setzen. Die Leser sind der Selbständigkeit zu sehr entwöhnt.
es Wirklichkeit gibt. Jeden Traum, der häßlich wurde, konnte
kamen, um sich von innen be¬
Er diszipliniere sich für uns, wenn wir auch wenige sind.
ich durch ein Erwachen beenden, aber wohinein soll man er¬
heline zu weinen.
War dieses Buch Neuland, das wir voll der Freude einer
wachen aus der Wirklichkeit?
neuen Entdeckung nicht ganz ohne Enttäuschungen, ohne Ver¬
lichen) zitiert. In diesem Ton
Dinge, die auf der Straße liegen, wird man sagen. —
letzungen durchdrangen, so mutet die Kunst Arthur Schnitz¬
durch das ganze Buch. Wie
Hat sie vielleicht vor diesem Philipp Keller ein Deutscher auf¬
lers in seiner Novelle „Frau Beate und ihr Sohn“)
keit, dieses völlige Verschwin¬
gehoben?
wie ein schön gepflegter Park an, in dem man mit der Gewi߬
s Unterlassen jeglichen Urteils,
Nach der Geburt des Kindes (es lebt nicht) erkaltet die
heit lustwandelt, daß einem darin nicht Unangenehmes begeg¬
Lesers! Da steht alles ruhig
Beziehung zu dem ersten Empfänger ihrer Gefühle, deren
nen wird. Da ist alles reif, warm, wohlig, edel, ausgesucht,
man es aufnehmen wird, und
reinstes, eine Liebe zu einem Jüngeren, nicht durch die äußer¬
safterfüllt und blutdurchströmt. Die Sprache ist wie ein edler
sicherer.
liche Hingabe entweiht wird. Von anderen Dingen satt,
Wein, der Duft und Wohlgeschmack zugleich verbreitet, die
hiverstandenen nur sich ihr halb
drängt sie's plötzlich nach Hause. Sie hat sich nicht angemel¬
Darstellung führt uns auf den geebneten Wegen der anerkann¬
er von einem Studenten. Sie
det; Mutter und Bruder waren nicht in der Wohnung:
ten Kunst mühelos dahin, die Begebenheit, das Problem fes¬
ruhig ins Auge sehend, ihrer
Eine Nachbarin, die sie erkannte, schloß ihr auf. Im
selt, der Dichter nimmt gefangen. Eine lückenlos konzipierte
ehrerin:
Zimmer legte Bertheline ab, sah sich unter den Möbeln um
Novelle, nach Stoff, Darstellung, Haktung, Lösung vollkommen,
und freute sich über ihre Heimkehr. Sie machte die Betten,
pierlehrerin: „Siehst du,“ sagte
juwelenhaft in sich selbst ruhend. Aber wir blicken in Schnitz¬
die noch auf den Stühlen ausgebreitet waren, und erkannte
pch Wäsche. Daß ich doch nicht
lers Menschen auf gam andere Weise hinein, als in die des
sich gleich in allen Spiegeln wieder. Nachdem sie noch Ge¬
#ke ich dir für dein Kind. Ich
I schirr gespült hatte und Staub gewischt, schaute sie vom Fen¬
Philipp Se## Nicht ihr Handeln allein wird uns als Aus¬
stter. Laß sie einstweilen hier,
darein sticken. Wie soll denn
ster zufrieden auf die Straße.
druck ihres anerlichen Lebens und Empfindens vorgestellt,
sondern sie machen es uns beaumer. Der Dichter erzählt
Gewiß! Der verwöhnte Leser wird dabei so wenig emp¬
heodor.“
uns was sie denken und gönnt uns weder die Mühe noch den
finden, wie bei einer Chronik. Denn dieser Dichter scheint
erin fort, „so will ich ein Th.
den Dingen so teilnahmlos gegenüber zu stehen, wie eine
Reiz, dies nur aus den Tatsachen zu schließen. Und Beate,
ein Mädchen ist?“ fragte sie
Hand an der Kurbel eines Kino=Aufnahmeapparates, die, von
die mit dem ihr in die Mannbarkeit entgleitenden Sohn als
dem Pulsschlag des Kurbelnden unabhängig, gleichförmig
Witwe Ferdinands Zurückgelassene, kann sich also (beispiels¬
uf, „es ist doch traurig, daß du
und ohne rhythmische Beeinträchtigungen registriert und auf¬
weise) darauf besinnen, daß der Verstorbene sein Andenken nicht
bder ein Mädchen ist.“
schreibt, was alles vor der aufnehmenden Linse Liebliches,
anders geweiht wünschte als durch heiteres Erinnern, ja durch
sie endlich dies: „Die Wäsche
Schreckliches, Träges und Schnelles Erregtes und Gleichmü¬
ein unbekümmertes Ergreifen neuen Glücks. Und darum heißt
Mutter. Ich war auch einmal
tiges vorbeizieht. So eminent episch diese Eigenschaft ist,
nd hat gar nicht gelebt.“
es weiter:
Und Beate dachte: Ist es nicht zum Erschauern, wie man vom
so sehr ich sie rühmen darf als die eigentliche, im Grunde ein¬
KKein Versuch, unser Gefühl zu
Fruchtbarsten in blühender Zeit zu sprechen vermag, scherzend
zig erlaubte Kunstfertigkeit des erzählenden Dichters, so ver¬
lein verraten uns das, was in
und leicht, als drohe dergleichen anderen nur und könnte einem:
leitet die unerbittliche Anwendung dennoch — und wenn man
ls sie der Freundin die Wäsche
selber gar#t widerfahren! Und dann kommt es wirklich,
will begreiflicherweise — zu Geschmacklosigkeiten. Man könnte
gelebt hatte.
und man faßt es nicht, und nimmt es doch hin; und die Zeit
hie und da entbehren; aus dem Film dürften Ausschnitte, die
Rat suchend, reist dem Studen¬

Nebensächliches betreffen, wegfallen; es wird dem Leser zu
nach: in einer Art von Zuge¬
2) S. Fischer Verlag, Berlin,
rsucht sich ritterlich und männ=“ wenig erspart; das Licht über den Dingen ist zu gleichmäßig,