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rau Beate und ihr Sohn
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Die Erotik als Schicksal
Karl Rosner
über sie kommt — der Verrat des eitlen dummen Buben, der seinen Erfolg
nicht verschweigen konnte. Nun weiß auch Hugo um den Fall der Mutter,
und er erkennt: was da geschehen ist, kann nie mehr wieder gut
werden. Mit dem Sohne fährt Frau Beate in dieser Stunde auf
den nächtlich ruhenden See, in schmerzlichen Erschütterungen finden
sich Mutter und Sohn zu einem letzten Verstehen und gehen unter,
nachdem ihre fiebernden Triebe sie bis vor die frevelvollen Grauen des
Incestes führten.
Den Inhalt dieser jüngsten großen Novelle Arthur Schnitzlers
erzählen, hieß ihre Vorzüge darlegen und ihre Schwächen aufdecken zugleich.
Sie ist das Werk eines Virtuosen, eines großen Könners, der hier in der
Freude an der Bewältigung technischer Schwierigkeiten, an dem Aufbau
und der Lösung eines verwirrenden Problems schwelgt. Ist nicht so sehr
das Werk des Dichters, der seinen „Weg ins Freie“ mit dem Herzen fand,
als des Artisten Schnitzler, der ein feiner Kenner und ein diskreter Vor¬
bereiter aller Wirkungen ist. Der hier nicht eine herzbeklemmende Tra¬
gödie des Lebens sah und vor ihr stand, und von ihr zu uns sprach: seht,
welch ein Grauen! — sondern der zu Verknüpfungen, die seinen Verstand
verlockten, die Menschenbilder suchte, die Schicksalslinien bog. Der
alle „Teile in seiner Hand“ vereinigte und so zu einem Werke kam, vor dem
der Leser nur zu oft an Goethes encheiresin naturae denken mag.
Daß der Novelle, trotz dieser Konstruiertheit, die Schnitzler mit
aller Kunst des Erfahrenen umkleidet, und trotz des zum mindesten über¬
flüssigen Ausfluges in die Sexual=Pathologie am Schlusse, große Schön¬
heiten zueigen sind und daß vielfach der Dichter den Artisten energisch
beiseite drängt, soll besonders betont werden. In einer Zeitspanne von
wenigen Wochen spielt die Erzählung, aber die Reflere aus den vollen
Menschenleben ihrer Akteure zucken in ihr. Was war und lange ruhte,
reckt sich noch einmal aus dem Grabe, greift in das Leben: Und nichts,
was wir erlebten, stirbt -
Diesen Gedanken hat auch Konrad Vollert in seinem
Romane gestaltet. Durch die Entwicklung seiner „Sonja“*) bekennt
er sich zu ihm und gibt er zugleich die These von seiner Unzulänglichkeit.
Denn wo ist Anbeginn und wo ist Ende unseres Erlebens? Lebt in der
neuen Blüte nicht der Zweig, der Ast, der Stamm, das Erdreich, das die
Wurzeln nährte? Und wird nicht einst im Fruchtkorne, das wieder neue
Blüten birgt, auch etwas von dem Erbe der lang Verwelkten umschlossen
sein — sich treibend, drängend rühren, wenn die Sonne leuchtet, die ihm
schon einmal in versunkenen Vergangenheiten schien? Weit über das
Maß unserer Erdentage hinaus geht das Erleben unseres Blutes, und
ahnende Erinnerungen an die Schicksalswege unserer unbekannten und
hinweggenommenen Vorderen zucken in uns, greifen feindlich oder gütig
ein in unseren Willen, bestimmen mit über unser Tun.
Schon in Frau Agnes Marcus, der Mutter, die sich wenige Monate
nach ihrer Hochzeit von einem Freunde küssen ließ, war Sonja, so wie
später in Sonja die Tat der Frau Agnes ist. Zwei Söhne hat die Mutter
dem Gatten, mit dem sie auf dem schönen Schloßgut lebt, geboren, dann
stirbt er, und die junge Frau bleibt nun allein. Und nach Jahren dieser
Witwenschaft, in der Frau Agnes ihre Musik wieder mit Leidenschaft
*) J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und Berlin.
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