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27.
Das Tavebuch der Redegonda
box 4/4
1 d. Taeeteereeeereeeererere Aer e enenereente
Jüdische Presszentrale Zürich
Nr. 328
Lehnstuhl gesessen ist, und zu uns geredet hat, oder auch
halten und bei der Betrachtung der einzelnen Momente, die
das Schaffen des Künstlers beeinflußten und sich in der Art
geschwiegen, aber da ist sie gewesen, da, und sie hat
gelebt, gelebt!' Wenn sich ein Schnitzler’scher Mensch
seiner Gestaltung äußerten, daran festhalten, daß diese
entschließt, freiwillig aus dem Leben zu scheiden, was aber
Gegebenheiten wohl vieles verständlicher machen, aber nichts
erktoren.
sehr selten geschieht, so ist das nur aus seiner Stimmung
heraus zu erklären, es ist nur eine Folge eines momentanen
geboren, als Sohn des bekannten Larungologen an der
Affektes, keineswegs aber eine durchdachte Tat, keineswegs
dortigen Universität. Er studierte Medizin, promovierte und
die letzte Konsequenz eines gereiften Gedankens. Sie lieben
war zwei Jahre als Assistenzarzt im Allgemeinen Kranken¬
es ja überhaupt nicht zu denken, die Gestalten Schnitzler’s,
haus zu Wien tätig, wonach er sich als praktischer Arzt in
denn denken heißt sich aktiv mit der komplizierten und
seiner Vaterstadt niederließ. Bald widmete er sich jedoch
verwickelten Problematik des Daseins auseinandersetzen,
ausschließlich literarischen Arbeiten. Seine medizinische Bil¬
denken heißt wählen und ablehnen, bejahen und verneinen.
dung und Praxis haben nicht nur die Wahl seiner The¬
So schwach aber sind die Menschen, daß sie die endlose
mata beeinflußt, sondern sind auch für seine künstlerische
Pein des Ungewissen, des nagenden Zweifels, der ein¬
Distanz zum Leben ausschlaggebend gewerden. Weder be¬
maligen Gewißheit vorziehen („Anato?“). Soviel Kraft brin¬
trachtet er es von olumpischer Höhe herab, noch verfällt
gen seine Menschen nicht auf, ihre Lebensenergie reicht
er einem Taumel. Die Kühle des diagnostizierenden Arztes
knapp dazu aus, die passiv, ohne ihr Zutun entstehenden
am Lager des Kranken ist für ihn charakteristisch; er bleibt
und vergehenden Stimmungen voll auszukosten und neben¬
immer vornehm und wird niemals warm.
bei noch etwas zu ironisieren, ihre eigenen Gefühle und
Seine frühesten Gedichte und Novellen, die er in der
die ihrer Mitmenschen zu glossieren. Und das ist wieder¬
Wiener Zeitschrift „An der schönen blauen Donau'' ver¬
um ein für die Charaktere Schnitzler’s eigentümlicher und
öffentlichte, lassen bereits die Richtung seiner Kunst ver¬
bezeichnender Zug, — sie sind in ihrem Innern dualistisch
muten. In „Mlkandis Zied'’ seinem ersten dramatischen Ver¬
und sich dieses Dualismus stets bewußt. Ihr „Ich' ist
such, beschäftig ihn der Zwiespalt zwischen Traum und
mit ihren Trieben nicht identisch, fällt mit ihren Leiden¬
Wirklichkeit. Ein Thema, das er immer wieder aufgreift und
schaften nicht zusammen, vielmehr ist es etwas Autonomes.
verwertet. Die Unfähigkeit seiner Menschen, Wirklichkeit
von ihrem Erleben Getrenntes, das dem innern Kräftespiel
und Schein voneinander zu unterscheiden, ihr verloren
zusieht, ohne miteingreifen zu können und gewöhnlich nur
gegangenes Bewußtsein der Realität sind Symptome, von
leise spöttelt. Die Wesen Schnitzler’s sind bewußte Be¬
denen aus auf das Wesen ihrer Seelen und ihre Stel¬
obachter ihrer selbst und anderer. „Wir spielen immer
lungsnahme zum Leben geschlossen werden kann.
wer es weiß, ist klug''.
Der moderne Stadtmensch, der überkultivierte, der
Dieser Zwiespalt zwischen der rücksichtslosen Genu߬
überverfeinerte, steht im Mittelpunkt Schnitzler’schen Schaf¬
sucht und dem Hang zur Grübelei ist ein in fast allen
fens. In jedem seiner Helden lebt das Gejühl der Müdigkeit,
Gestalten Schnitzler’s nachweisbarer Zug, für den er in
welches einer gealterten und bis in ihre letzten Seelen¬
„Der Weg ins Freie“' das Judentum verantwortlich macht.
möglichkeiten erschöpften Kultur eigen ist. Ohne Willen
In diesem rein persönlichen Bekenntnisbuche spricht sich
das Leben zu gestalten, es zu bewältigen, zu lenken, um¬
Schnitzler's Stellung zum Judentume klar aus. Es seien
zuformen, ihren Zielen und Zwecken dienstbar zu ma¬
hier einige Zitate aus dem letztgenannten Werke des Künst¬
chen, handeln sie vielmehr stets aus einer Stimmung her¬
lers angeführt, die nicht kommentiert zu werden brau¬
aus, dier nur allein noch die Fähigkeit besitzt, sie zum
chen. „Aber daß ich den Fehlern der Juden gegenüber
Handeln anzuregen. Aber wozu auch kämpfen, wozu sich
besonders empfindlich bin, das will ich gar nicht leugnen.
wehren, wenn man doch im tiefsten Innern davon über¬
Wahrscheinlich liegt es nur daran, daß ich, wir alle, auch
zeugt ist, daß alles unabwendbares Schicksal, „Kismet',
wir Juden meine ich, zu dieser Empfindlichkeit sustematisch
ist, daß es kein Entrinnen gibt? Sich den Verhältnissen
herangezogen worden sind. Von Jugend auf werden wir
fügen, unterwerfen, immer wieder einsehen, daß alles Ge¬
daraufhin gehetzt, gerade jüdische Eigenheiten, als be¬
schehen streng determiniert ist, daß menschliche Kräfte
sonders widerwärtig oder lächerlich zu empfinden, was
zu schwach sind, um der Schicksalsmacht wirksam ent¬
hinsichtlich der ebenso lächerlicnen und widerwärtigen Ei¬
gegentreten zu können, — nach diesen Grundprinzipien
genheiten der anderen eben nicht der Fall ist. Ich will
gestaltet Schnitzler seine künstlerische Welt, diese Be¬
wenn sich ein Jude in meiner
es gar nicht verhehlen
ziehung zum Leben ist seinen Menschen eigen. Die Folge
Gegenwart ungezogen oder lächerlich benimmt, befällt mich
einer so gearteten Einstellung ist notwendigerweise eine
manchmal ein so peinliches Gefühl, daß ich vergehen möch¬
lautlose Resignation, ein Verzichten ohne Kampf und Wi¬
te, in die Erde sinken. Es ist wie eine Art von Scham¬
derstand. Aber die Helden sind doch zu starke Genießer,
gefühl, das vielleicht irgendwie mit dem Schamgefühl eines
hängen doch zu sehr am Leben, das für sie Liebe und
Bruders verwandt ist, vor dem sich seine Schwester ent¬
Lust bedeutet, daß sie sich nur schwer entschließen können,
kleidet.“
ihre Beziehungen zu ihm völlig abzubrechen. Die starke
Dann weiter seine ganze Verachtung den ihr Juden¬
Betonung des Lebens, des lebendigen Fühlens gegenüber al¬
tum verleugnenden Juden gegenüber: „Aber es gibt schon
ier Abstraktion, aller Literatur, findet ihren Ausdruck in
Juden, die ich wirklich hasse, als Juden hasse. Das sind
den Worten Hausdorfers in „Lebendige Stunden'': „Was
die, die vor anderen und manchmal auch vor sich selber
ist denn Deine ganze Schreiberei, und wenn Du das größte
tun, als wären sie keine, als wenn sie nicht dazu gehörten.
Genie bist, was ist sie denn, gegen so eine Stunde, so
Die sich in wohlfeiler und kriecherischer Weise bei ihren
eine lebendige Stunde, in der Deine Mutter hier auf dem
Feinden und Verächtern anzubiedern suchen und sich auf
Arznei und Stärkungsmittel zugleich
Jeleuchtungskörper
in reicher Auswahl
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ilagen und Rebaraturen