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Ta
27. Das
buch
der Redegonda
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Nr. 328
Jüdische Presszent
——
diese Art von dem ewigen Fluch loszukaufen glauben, der
auf ihnen lastet, oder von dem, was sie eben als Fluch
empfinden. Das sind übrigens beinahe immer solche Juden,
die im Gefühl ihrer eigenen, höchst persönlichen Schäbigkeit
herumgehen und dafür bewußt oder unbewußt ihre Rasse
verantwortlich machen möchten. Schnitzler glaubt nicht
an eine allgemeine Lösung der Judenfrage. „Ich glaube
überhaupt nicht, daß solche Wanderungen ins Freie sich
gemeinsam unternehmen lassen.., denn die Straßen dort¬
hin laufen ja nicht im Lande draußen, sondern in uns
selbst. Es kommt nur für jeden darauf an, seinen inneren
Weg zu finden.
Auch wir halten daran fest, daß der Weg ins Freie
ein innerer Weg ist, jedenfalls ursprünglich ein solcher
sein muß. Nur wer diesen inneren Weg zu sich selbst,
zum Urgrunde seiner eigenen Seele eingeschlagen hat, ob
Einzelwesen oder Volk, nur demjenigen kann es gelingen,
sich zur völligen äußeren Freiheit durchzuringen.
M. Schön.
Weizmann beim deutschen Reichskanzler
und bei führenden Politikern.
(JPZ) Berlin. Am 12. Januar wurde Dr. Weizmann
um Reichskanzler Dr. Marr empfangen, den er im Verlauf
über die Situation in Palästina
tentrale Zürich
Nr. 328
Debatte über verschiedene Agudafragen, an welcher teil¬
nahmen die Herren Dr. Lewenstein, A. W. Rosenzweig,
Ch. I. Eiss, M. Weinstein, Rothschild, Koschland u. a.
Arthur Schnitzler-Abend.
Wzm. - Der Vorlesungsabend des großen Dichters
Arthur Schnitzler vermochte am 19. ds. den kleinen Tonhal¬
lesaal bis auf den letzten Platz zu füllen, besonders war
auch die Zürcher Judenschaft stark vertreten, um den
jüdischen Dichter zu feiern. Als der Herr mit dem grauen
Malerbart und der bis zur Brille herabhängenden Locke
an den Vortragstisch trat, ward er herzlich begrüßt.
Schnitzler wählte drei seiner Werke, die für seine Ge¬
dankenwelt und seine Schaffensart bezeichnend ist. Er ist
der Dichterarzt, der mit sanfter Skepsis und zuweilen beis¬
sender Ironie seine Tupen darstellt. Scheinbar einfache
Vorgänge, manchmal allerdings bizarr, knapp und schlagend
dargestellt, werfen mannigfache Probleme auf. Zuweilen
gibt der Dichter eine Antwort, manchmal läßt er den
Hörer darüber nachdenken. Immer aber ist seine Sprache
scharf und klar und stets herrscht das Wiener Milieu vor.
Dazu paßt der ruhige Ton und die vornehme Art Schnitz¬
lers in seinem Vortrage. Als erstes las der Dichter „Das
Tagebuch der Redigonda?’, in dem Wirklichkeit und Phan¬
tasie ineinander spielen; eine Vision der Visionen; eine
Tragödie mit sich selbst. In starkem Gegensatz dazu stand
das zweite Stück der Vorlesung „Die letzten Masken'
ein tiefes Lebensbekenntnis zwischen Tod und Leben. Als
letztes las Schnitzler die Humoreske „Wurschter“’, ein geist¬
reiches Marionettenspiel, in dem Scherz und Ernst mit
beissender Ironie gemischt sind. Im Hintergrunde dieses
Possenspiels blitzen stetsfort Gedanken über Kunst und
Menschlichkeit auf, ohne daß eigentlich eine abschließende
Lösung geboten würde. Der Zweck des Abends, die Phusiog¬
nomie Schnitzlers näher zu bringen, darf als vollauf ge¬
lungen bezeichnet werden und wir wissen dem Lesezirkel
Dank, daß er uns die Bekanntschaft mit dem hervorragenden
Dichter vermlittelt hat.
(Siehe die Würdigung der Persönlichkeit Schnitzlers Seite 1.)