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27. Das Tacebuch der Redevonda
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— A . del ge en eneneere enn en de neneneeen
der Sieger in diesen Duellen jederzeit bereit wäre, sich dafür
beim Gegner zu entschuldigen, daß er ihn getötet hat. So sind
auch diese Kampfpositionen nur schöne Geste, die in sich zu¬
sammenbricht. (Auflehnung wie Demut kommen gleicher¬
maßen von Gotty, heißt es irgendwo.
Stärke ist sicher nicht die Sache von Schnitzlers Menschen.
Schnitzler geht jenen Verknüpfungen nach, die ein stilles
Leiden an der eigenen Wesenheit seiner Gestalten voraus¬
setzen, die ein wenig Mühe haben, sich mit dem Leben zu ver¬
ständigen. Was heißt hier Leben? Es heißt Liebe und Lust in
stetem Wechsel, ohne daß weiter moralisiert wird. Und doch
hat diese Freiheit etwas rührend Bürgerliches. Man ist ver¬
heiratet, sieht, daß die Ehe denn doch nicht alle Wünsche
stillt, und so kommt man auf Wege, die man als gefährlich und
eigentlich unstatthaft empfindet, die man aber begeht, weil
man eben kein Tropf sein und genießen will. Immer wieder
staunt man, wie Schnitzier diese Problematik des Liebeswebens
zeigen darf, ohne je zu verletzen oder ein allgemeines sittliches
Empfinden zu kränken. Denn auch dies scheint der Atmo¬
sphäre seiner Dichtungen zu eignen: die unbezwingbare Lie¬
benswürdigkeit, an der jeder Einwand scheitert. Diese Liebens¬
würdigkeit im weitesten Sinne muß ja die einzige Waffe werden,
wo alle Stärke mangelt. Eine Liebenswürdigkeit der Ver¬
zweiflung schließlich, die zum Selbstbetrug aushelfen muß.
Darum ist der Ton bei Schnitzler aus Leiden und Entsagung
stets von einer Wehmut durchflutet, die Sterbensreife an¬
deutet. Könnte man sonst so vom Tode reden wie im folgenden
Zwiegespräch:
(Warum reden Sie denn vom Sterben?)
(Gibt es einen anständigen Menschen, der in irgendeiner
guten Stunde in tiefster Seele an etwas anderes denkt?)
Für solche Einstellung ist diesen Menschen vieles vergeben,
die das Leben dadurch wieder schön gestalten, daß sie um seine
Grenzen im Tode wissen. Sie bauen und schätzen die (leben¬
digen Stunden), die so inhaltsschwer sind, aber auch so kurz,
daß man oft meint, man müsse, wie die alternde Marschallin
in Hofmannsthals (Rosenkavalier), hingehen und alle Uhren
abstellen, damit die Zeit nicht weiterrinne. Den also zitternden
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