Faksimile

Text

27.
Das Tagebuch der Redevonda
box 4/4
den en enen Si den ene en denchet e den dun K. at. — an g d a a
Grundton bei Schnitzler hört man wohl am besten aus dem
Dialog heraus. Man hat Fontane, um den Vergleich nochmals
aufzunehmen, den Meister im Romandialog genannt. Schnitz¬
lers Dialoge in den dramatischen Stücken sind gleichermaßen
reich und voll in feiner Schwingung und manchmal wieder so
grausam klar wie bei lbsen. Sie sind wie von Musik getragen,
von schwermütigen Klängen und oft taktvoll verhalten. Er¬
greifend schweben die Zwiegespräche zwischen Amadeus und
Cäcilie im (Zwischenspiel).
Aber, möchte man fragen, ist es der Mühe wert, so viele
Worte wie Schnitzler zu machen um das besagte Wienertum?
Lohnt es sich um solche Nichtigkeiten, wie ein wenig Liebe und
Glück des Augenblicks, derart liebenswürdig zu sein? Hof¬
mannsthal hat sich in seiner Komödie Der Schwierige) einmal
in diesem Ton wienerischer Tändelei versucht. Aber was dort
artig gespielt wird, ist bei Schnitzler um eine Nuance ernst¬
hafter und zeigt einen Lebensausschnitt und eine bestimmte
Seinsart, die nach ihrem formenden Künstler verlangte. Zu
hoher Tragik hat auch Schnitzler die milde Problematik des
lächelnden Wienertums nie gesteigert, sondern worin es sich
verknäuelte, ließ sich im Stil dämmernder Komödie fassen.
Deswegen darf man Szenen wie den (Anatol) oder die (Lie¬
belei) gelten lassen als Darstellung einer Lebensform, die ihre
eigenen Bedingungen und ihre eigene Wahrheit hatte. Skep¬
tiker mögen einwenden, daß Schnitzler mit seinen Wiener
Werken an der Zeit und ihrem größeren Geschehen vorbei¬
gegangen sei. Ihnen ist zu antworten, daß gewissermaßen als
Demonstration seines Menschtums im Wirbel der Ereignisse
Schnitzler seine Welt an den Rand des Abgrundes gestoßen
hat, in den sie dann auch stürzte. Die (Komödie der Verfüh¬
rung) (1915) spielt im Sommer 1914, der letzte Akt am
1. August. Nichts ist so klar, als daß den Verführern und
ihren Opfern, den Salonmenschen und ihren Künsten hier der
Atem ausgehen muß, wo der große Sturm heranbraust und die
Schwachen hinwegfegt. Bezeichnend genug, daß die Gestalten
dieser Komödie von der kommenden Gefahr etwas ahnen, daß
sie aber unfähig sind, sie zu realisieren. Die einen segeln mut¬
willig ins Weite, die andern stürzen sich in die Tiefe des Meeres,
60