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27. Das
Tagebuch der Redegonda
box 4/4
zus Tagebuen der Rensgunda
Morgenzeitung und Handelsblatt Baden=Baden
Montag, 12. Januar 1925.
ungen aber — ais
nen über ein Thema von Corelki von Tartint¬
und Schaffens¬
dals verzichtender, hald indränsig nach dem Leben Ver
Kreisler, einen Walzer von Provaznik und ein Stück von
sicklung im Sinne
langender, dämmert und tagt leise, um dann wieder in spie¬
Paganini spielte. Leicht, mühelos und wie selbstverständlich
nicht bloß körper¬
lerischen Sarkasmen ein teilweise ausgleichendes Gegen¬
wird der Bogen geführt, die Finger der linken Hand irren
gewicht zu finden.
füchtigung unserer
sich nie auf dem Griffbrett, auch wenn sie sich wie in tollem
zt, das Höchste ist
Schnitzler las hier meisterhaft. Man war fühlbar ge¬
Strudel auf den Saiten tummeln, jeder Ton ist Wohlklang,
Heranbildung des
bannt durch die bezwingende Anatol'sche Sprach= und Laut¬
Empfindung, Seele. Zündend ist sein sprühendes Tempe¬
prägung.
um Träger eines
rament und lebhaftes musikalisches Empfinden, wenn er
Nühen und Lasten
Tänze spielt. Da ist er geradezu hinreiße
Begeisterter Beifall einer aufmerksam lauschenden Zu¬
Er ist keiner
hörerschaft dankte dem Dichter.
von denen, die mit einem großen Ton etwe#rotzen, sondern
einer der ganz seltsamen Spieler, die den Ton luftig und
schwebend zum Klingen bringen. Von aller Erdenschwere
wald.
befreit, wie aus Ariels Reich stammend, steigt sein Geigen¬
Baden 022.
klang in die Höhe hinauf, dort hinauf und zurück, von wo er
Letzte Nachrichten.
ellenvorletzten.
zu kommen schien.
Selten noch hat ein Künstler solche Beifallsstürme ent¬
Der Beschluß der Zentrumsfraktion.
fesselt, so daß Vasa Prihoda zwei Zugaben — er tat es gern
m Murggan
Berlin, 12. Jan. Die Sitzung der Zentrumsfraktion
spendete: einen böhmischen Walzer und den „Türkischen
igen mit 3 Punk¬
Marsch“ von Beethoven.
des Reichstags war gegen 9½ Uhr zu Ende. Einstimmig
9. Rotensels mit
So schloß dies denkwürdige Konzert mit dem Großen
wurde folgender Beschluß gefaßt: Die den Vertretern der
spiel.
Meister, mit dem es eingeleitet worden war, mit Beethovens
Zentrumsfraktion am 11. Januar in den Verhandlungen
1. Symphonie B=dur, die man von allen seinen Symphonien
mit Finanzminister Dr. Luther übermittelten Erklärun¬
sonderbarerweise am seltensten zu hören bekommt. Schon
berg 4:2.
gen ermöglichen es der Zentrumsfraktion nicht, sich an dem
hier zeigt sich Beethoven als Meister, als der kommende
ern vor sich ging,
Mann unter den Symphonikern. Zur ernsten Größe ist er
vorgesehenen Kabinett zu beteiligen. Von anderer Seite
ervorragende Lei¬
hier, ebenso wenig wie in der zweiten, noch nicht emporge¬
erfährt die Telegraphen=Union, daß es sich bei diesem Be¬
und führte Nabi¬
stiegen, Themen und Thematik nimmt er von Haydn und
ist auch in erster
schluß anscheinend nur um die Erklärungen des Sonntag¬
Mozart, aber die sonnige Heiterkeit, der Humor, die starke
N. war lediglich
handelt und daß sich das Zentrum zu weiteren Verhano¬
gestaltende Kraft und schwungvolle Darstellung gehen doch
er Höhe, dagegen
schon auch hier über das Hergebrachte hinaus.
lungen bereit finden würde. Das Zentrum hat Sonntag
nd raffte sich nie
Der Dirigent Paul Hein bot das freundliche und leicht
den Deutschnationalen einige Anfragen zugehen lassen,
der alte Kämpe
dahinfließende Werk mit großer Feinfühligkeit, prächtig un¬
lubstürmer ihrer
u. a. über ihre Stellungnahme zur Flaggenfrage und das
terstützt vom Orchester, wofür das Publikum ungewöhnlich
segen gefürchtet
Verhalten des deutschnationalen Vizepräsidenten beim Be¬
herzlichen Beifall spendete. Mit Interesse wurde auch das
rkem Nebel, der
erstmals hier aufgefü e „Tanzspiel“ von Franz Schrecker
such des Reichstagspräsidiums beim Reichspräsidenten.
ausgenommen, das Werk eines großen Könners, das aber
In parlamentarischen Kreisen nimmt man an, daß die
zwingende Gestaltungskraft vermissen läßi. Paul Hein ent¬
Deutschnationalen den früheren Reichstagspräsidenten
faltete in den einzelnen Tanzarten eine große Subtilität,
Wallraf als Reichsinnenminister vorschlagen werden.
auch hier vom Orchester trefflich unterstützt.
erte.
Der ideelle Erfolg entsprach dem materiellen in Gestalt
Die Deutschnationalen und die Regierungsbildung.
einen ausverkauften Hauses.
Berlin, 12. Jan. Der Vorstand der deutschnationalen
Vien.
Decker
##uen
Reichstagsfraktion und der deutschnationalen Preußen¬
nliches offenbaren,
Vortrag.“
2%
nicht der Sänger,
fraktion schloß seine Sitzung gegen 8 Uhr abends. Wie die
ie begrenzt ist und
deutschnationale Pressestelle mitteilt, hat der Fraktions¬
Morgenveranstaltung: Arthur Schnitzler.
n. Der Geiger ist
vorstand gestern nachmittag über die Regierungsbildung
Sämtliche literarisch Interessierten unserer Stadt scharten
absolute Gebieter.
sich am Sonntag Morgen um Artbur Schnitzler. Es war
beraten. Die von Dr. Luther bisher gestellten Fragen sind
les hinaus ist, was
selbstverständlich, daß der Kleine Bühnensaal bis auf den
strument wie sein
alsbald beantwortet worden. Darüber hinaus konnten
letzten Platz besetzt war. Literarische Morgenveranstaltun¬
Rusik seiner Seele
bindende Beschlüsse nicht gefaßt werden, da die Entschei¬
gen, besondes jene, in denen bekannte Autoren aus eigenen
ihm an Gefühlen
dung immer noch bei der Zentrumsfraktion liegt, über
Werken lesen, haben stets ihr spezisisches charakteristisches
ie weiß es zu sa¬
Gepräge. So auch bei Schnitzler. Jeder kennt, jeder weiß
deren endgültige Beschlüsse den Deutschnationalen nichts
um ihn; es gab eine Fülle des Interessenten und außer¬
einer, trotz seiner
bekanntgegeben ist. Wie die Telegraphen=Union erfährt,
#rdentlich Bemerkenswertem. Schnitzler hat seine ganz be¬
mwart fast möchte
handelt es sich bei diesen Fragen Dr. Luthers um Vor¬
sondere Note, auch im Vorlesen. Seine spielerische Art, die
Spiel auch nichts
fragen für die Beteiligung der Deutschnationalen. Reichs¬
die feinsten Nüancierungen, Unterscheidungen zum aus¬
tung bedarf. Der
finanzminister Dr. Luther verließ, weil sich die Zentrums¬
schließlichen Hauptfaktor seiner künstlerischen Aeußerungen
piels haftet nichts
nnte alles andere
erhebt, leuchtet und erhellt aus seinem die Worte leicht, sitzung außerordentlich in die Länge zog, um 8 Uhr den
uweilen sehr gute
graziös und flüssig sprechenden Vortrag. Man höre seinen Reichstag.
I nur etwas per¬
Anatol, wie er spricht, wie er das Wesen, die Umwelt seiner
süßen Mädels schildert und man hat den ureigenen Schnitz¬
tigen aber mit der
ler.
Ich kenne keinen
Verhaftung eines Geldfälschers. In einer Milchwirt¬
Hubermann, dessen
Das Tagebuch der Redegonda las Schnitzler mit starker
schaft am Lastropweg in Hamburg wurde ein Mann angehal¬
seint wie bei Pri¬
ten, der einen falschen 20=Markschein verausgabte. Er ver¬
innerer Anteilnahme, mit einer Feinhörigkeit für die ent¬
mit bezaubernder
suchte zunächst, zu entfliehen und warf unterwegs eine Brief¬
legendsten Empfindungen andeutenden Ausdruck. Dann der
sang z. B. die G¬
tasche mit zahlreichen 20=Markscheinen der Hamburgischen
Einakter „Die letzten Masken“. Hier zeigte sich in beson¬
t=Konzert, obgleich¬
Bank von 1923 von sich. Er wurde aber ergriffen. Es hau¬
ders hohem Maße, wie Schnitzler feinste verzweigteste See¬
er ist, überhaupt
delt sich um einen 45jährigen Drucker einer großen Firma
lenregungen durch geradezu wunderbar exakte Ziselierarbeit
Virtuose, zu eigen¬
in Eimsbüttel, der seit längerer Zeit im Betriebe seiner Ar¬
künstlerisch verwertet und Gestalt werden läßt. Ist nicht die
beitgeberin 10= und 20=Markscheine hergestellt hat.
à Orchester z. B.
Sterbeszene des alten herabgekommenen armen Journali¬
i Intentionen zu
sten ein Musterbeispiel dieser Art!
Mozart=Prihoda,
Zum Schluß die 1. Szene dieses Anatol. Darüber darf
Veranstaltungen.
m nichts weniger
man nicht viel sagen, sonst verliert sich der Zauber, der die¬
mit Klavierbeglei¬
sen Bildern bei der Interpretetion durch Schnitzler selbst
Montag, den 12. Jannar.
Solopunkte: Auch
doppelt eigen wird. Beiches, Hindämmerndes, Wehmütig¬
6,36 und 8,30 Uhr: Aurelin=Lichtspiele: „Rositta, die Straßen¬
brigens in seiner
Ironisches taucht auf, bewegt sich linde hin und her, taucht
sängerin“
n), Variatios unter, schwindet. Die ganze traurige, düstere Melancholie F 8 Uhr: Kurhausbühne: „Der Meisterboxer“, D 17.
25. Witheim Ernst Haeberle, Schlofser, und
5. Karola Elsa; V.: Waldemar Bender, Kauf¬
Helena Schnurr, ohne Beruf, beide wohn¬
mann in Staufenberg.
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