Faksimile

Text

27.
ut¬
deeres,
Das Tagebuch der Redegonda
enebad box 4/4
und ein einziger geht halb aufrecht dem Ungewissen entgegen.
Das Ganze ist ein Abgesang, eine Totenklage beinahe auf die
gesamte schöne, leichte und liebe Wiener Welt. Es muß
Schnitzlers letztes Werk dieser Richtung sein.
Der jüngsten Schöpfung Arthur Schnitzlers, (Fräulein
Elsey, mag noch ein kurzes Wort gelten. Es ist eine Icherzäh¬
lung, ein epischer Monolog, wenn man will, und hat den Vor¬
läufer im (Leutnant Gustl). Die Novelle behandelt, wie an
eine junge Dame aus zerrütteten Familienverhältnissen um
eines Darlehens willen für den Vater das AAnsinnen gestellt
wird, sich entkleidet dem um diesen Preis borgenden Manne zu
zeigen. Die Zumutung läßt sie verzweifeln, so daß sie sinn¬
beraubt in der Hotelhalle sich in Nacktheit enthüllt und an der
Schwelle des Bewußtseins dann das Glas mit dem Veronal aus¬
trinkt. Jeder Gedanke und alles Geschehen dieser Novelle
wird monologisiert. Hier entfaltet sich Schnitzlers psycho¬
logische Schau aufs eindringlichste, in der Potenzierung so¬
zusagen, da sie nie vorher so scharf sich erwiesen hat. Er geht
den Verschlingungen im psychischen Ablauf so gewandt nach,
als wäre er bei den Psychoanalytikern in die Schule gegangen
und hätte bei Freud beobachtend in der Sprechstunde ge¬
sessen. Es war entschieden ein Wagnis des Dichters, die un¬
endlich vielen Einzelmo##utehen im Seelenleben Fräulein Elses
aneinanderzureihen, ### von ihr aus gesehen, teils als Reaktion
auf die Vorgänge in ihrer Umgebung, trils als Reflex ihres psy¬
chischen Eigenlebens. Aber die vollkommene Objektivierung
wirkt überaus stark, besonders am Schlusse, wo Fräulein Else,
schon in der Agonie der Seele, bewußtlos für die sie Umstehen¬
den, die Realität noch wahrnimmt und von unbewußtem Drang
erfüllt, dem Leben zu entfliehen, mit schwerer Hand nach dem
Cift greift. Man darf behaupten, daß diese Novelle Schnitzlers
in der deutschen Literatur als eine der stärksten Schöpfungen
dasteht, wenn es gilt, das unmittelbare Erleben eines Menschen
in hellstem Kristalle zu piegeln. In Schnitzlers Gesamteuvre
türmt sich die Novelle als schöne Kuppelung auf das bisher
Geschaffene, das die literarische Welt respektvoll betrachtet.
Arthur Schnitzler hat Gunst und Ungunst des Publikums
und der Zeit mannigfach erfahren. Aber immer hat seine Kunst
67
11