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Bruder
und sein
Geronino
blinde
9. Der
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San Francisco, Stockholm, St. Petersburg.
(Quallenangabe ohne Gewähr.)
Ausschnitt aus: SOHEMIA, PRAG
-C 11. 1905
Ausschnitt aus:
vom:
S
# Tagblatt
vom:
%* Vorlesung Arthur Schnitzler. Trotz
□1
1
des gefahrdrohenden Zustandes, in welchem sich
der Graben und die angrenzenden Straßen
Vorträge.
in den Nachmittagsstunden befanden, fand die
Vorlesung Arthur So
Vorlesung Artre De
10
e
3 im Spiegel¬
65
saale des deutschen hr vor einem
geisterung, mit der vorgestern unser deutsches Publikum
9
ungemein zahlreichen Publikum statt, das dem
zu Arthur Schnitzlers Vorlesung erschien, hatte einen
5
6
Dichter lebhafte Ovationen darbrachte. Auf die
ganz besonders erhöhten Schwung: Keiner unter den
1.
Vorlesung kommen wir selbverständlich noch zurück.
5
lebenden Autoren hat von der Bühne aus, keiner hat
durch seine Novellen so dief und so nachhaltig an die
8
Herzen gegriffen wie Schnitzler und keines andern
9
Schriftstellers Gestalten und feingeprägte Worte fol¬
gen uns so weit und so dauernd hinaus in den Alltagg
wie die seinen. Am Sonntag las er uns zunächst eine

der Perlen seiner novellistischen Kunst, die Geschichte
Ausschnitt aus: EOHIEMIA, PRAG
vom „blinden Geronimo und seinem Bruder". Es ist

die Geschichte zweier Brüder, von denen der eine als
vom:
∆- HOVEHBER 1905
Kind den andern beim Sviele um sein Augenlicht ge¬
bracht hat: nun weiht er sein ganzes Leben dem einen—
Aus dem Vortragssaale.
Ziele, dem Blinden durch Zärtlichkeit zu ersetzen, was
* „
be¬
Vorlesung Ar
er ihm absichtslos in jenen frühen Tagen geraubt.
Der berühmte Wiener Poer e Persollich¬
Ein Sonderling aber säet Mißtrauen zwischen dem
2
keit sich das Originalste und Charakterfesteste an
0.
Blinden und dem Sehenden und nun beginnt für den
9
Jungösterreichischer Kunst vereinigt, was im letzten
armen Bruder, der wehrlos gegen all den Verdacht
2.
Jahrzente geschaffen wurde, las am Sonntag als
8
des Blinden ist, ein wahrer Leidensweg. Das Ganze
Gast der Konkordia einer freudig bewegten Zu¬

ist außerordentlich erschütternd erzählt und die Psyche
hörerschaft zwei Novellen vor. Beide Werke liegen
9
bereits in gedruckter Form vor und haben sich
des Plinden, der, weil die Welt einen Zugang weniger
9
längst einen dankbaren Leserkreis geworben. Trotz¬
zu einem Inneren hat, seine übrigen Sinne desto mehr

dem war es ein feiner, in intimen Reizen be¬
geschärft hat, ist geradezu wunderbar vor uns entfaltet
gründeker Genuß, den Dichter selber als Ver=B
Wir empfinden mit tiefster Bewegung den Gemüts¬
mittler seiner edlen Prosa auf sich einwirken zu
zustand des treuen Carlo mit, der verzweifelnd=vor
lassen. Die erste Novelle ist die Geschichte des
dem Rätsel steht, das der plötzliche Seelenwandel des
bligden Gironimo, eine feinfühlige Studie, die
geliehten blinden Binders ihm auferlegt: und wit
mit idyllischer Zartheit das Leben eines italieni¬
schen Straßensängers erzählt, dem ein treuer
sich dann der Entschluß, dem armen Bruder zu Liebe
Bruder mit rührender Zärtlichkeit zur Seite
die Bahn des Unrechts zu beschreiten, in seinen.
steht. Das unverkennbar Schnitzlersche Gepräge
Inneren allmählich losringt, wie er dann jubelnd der
erhält die Dichtung in dem Augenblick, wo das
Verhältnis der Brüder sich infolge eines seltsa¬
Buße entgegensieht, weil er sich so das Vertrauen des
men Konfliktes dramatisch zuspitzt. Ein durchrei¬
Blinden wieder erworben hat, — das alles ist mit
sender Fremder raunt dem Blinden zu, er habe
unübertrefflicher Kraft und hinreißender Lebenswahr¬
seinem Bruder ein Zwanzig=Frankstück geschenkt.
heit geschildert. Und so wirkte auch trotzdem die
Diese auf Unwahrheit oder Irrtum bernhende
Novelle schon seit Monaten in aller Händen ist, das
Mitteilung weckt einen schweren Verdacht bei
Sujet und seine meisterhafte Durchführung durch das
dem Bedauernswerten. Obzwar ihn Bruder Carlo
Medium des Vortrags wie eine spannungsvolleNeu¬
versichert, er habe nichts als 20 Centesimi be¬
heit und ließ die Hörer nochmals alle Qualen des
kommen, hält sich Geronimo von nun an für
verkauft und verraten und kränkt den Treuen
Mitempfindens durchkosten. Nach einer Pause las
unaufhörlich. Wie nun Carlo alles Mögliche
dann Schnitzler eine köstliche Humoreske, „Exzentrik",
versucht, um das Mißtrauen des Blinden zu
ein Kabinetstück des Humors, über dem die Lichter
hannen, wie er in seiner Betroffenheit zum Diebe
der feinsten Ironie schweben. Ein mit seiner idenien
wird, um die 20 Franks zur Stelle zu schaffen,
Neigung zu einer Variêté=Dame bankrott gewordener
wie er unter Gewissensqualen den Weg zum
junger Mann erzählt seinem Freunde die Geschichte
Herzen des Bruders sucht und ihn erft im Augen¬
blicke findet, wo er alles verloren glaubt, das
seiner Liebesleiden, nämlich wie er nach und nach alle
meisterlich, mit dem intimsten Blick für seelische
„Attraktionen“ des Variêté=Programmes bei seiner
Vorgänge geschildert und in einer Form darge¬
Liebsten als Nebenbuhler wiederfindet und wie ver¬
stellt, die zum dichterischen Reize des Motives
schieden er sich zu all diesen Rivalen verhält. Der
noch die virtuose Kunst der Spannung hinzuge¬
Schluß mit seiner überraschend entnüchternden Pointe
warmen
sellt. Schnitzler las die Novelle mit
— der arme Verstoßene läßt sich seinen bei jenem
Akzenten, die nur im Dialoge lebhafter wurden.
Kampfe eingedrückten Zylinder neu bügeln, — ist von
Das zweite Stück ist das übermütige Kaffeehaus¬
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porträt „Exzentrik“, das bei aller Lustigkeit des
unwiderstehlicher Wirkung. — So bot Schnitzler in
Stoffes und bei allem Witze in der Pointierung
wohlersonnener Auswahl ein tragisches und ein humo¬
dennoch mehr als eine Humoreske ist und viel¬
ristisches Werk. Man konnte aus den beiden Erzäh¬
leicht als die beste Satire auf das sogenannte
lungen sozusagen die Spannkraft seines Könnens er¬
Lebemännertum aufgefaßt werden kann. Die
messen, das von den erschütternden Tönen bis zu den
schlug noch
heitere Note dieser zweiten ?
neckischen Geistern des Humors reicht. Das Publi¬
e für eine
tiger ein als die empfin
kum, das alle Räume des Spiegelsaales bis auf das
hichte des
rlesung aber etwas län
Vo
den Geronimo. Der
urde vom
letzte Plätzchen füllte, dankte dem Dichter mit einem,
usgezei
Publikum durch lebhafte Ovat
Beifall, dessen stürmische Form sich bedeutsam von der
Waren doch im Saale lauler
landläufigen Münze des Applauses abhob.
versammelt, die selbst die Gefahren des Tages
nicht geschent hatten.