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„Die Welt=Literatur“ 1917 Nr. 19 Arthur Schnitzler: Der blinde Geronimo und
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eh! —
mußten sie sich beeilen. Sie standen auf und
alles kannst du ja doch nicht einstecken!
verabschiedeten sich lärmend. Die beiden Brüder
Ihr meint wohl, er gibt mir alles! O nein! Ich
waren wieder allein in der Wirtsstube. Es war
bin ja ein blinder Mann! Aber es gibt Leute
die Stunde, um die sie sonst manchmal zu schlafen
es gibt gute Leute, die sagen mir: Ich habe dei¬
pflegten. Das ganze Wirtshaus versank in
nem Bruder zwanzig Frunken gegeben!“
Ruhe wie immer um diese Zeit der ersten Nach¬
Die Arbeiter lachten auf.
mittagsstunden. Geronimo den Kopf auf dem
„Es ist genug,“ sagte Carlo, „komm!“ Und er
Tisch, schien zu schlafen. Carlo ging anfangs
zog den Bruder mit sich, schleppte ihn beinah die
hin und her, dann setzte er sich auf die Bank.
Treppe hinauf bis in den kahlen Bodenraum, wo
Er war sehr müde. Es schien ihm, als wäre er
sie ihr Lager hatten. Auf dem ganzen Weg schrie
in einem schweren Traum befangen. Er mußte
Geronimo: „Ja, nun ist es an den Tag gekom¬
an allerlei denken, an gestern, vorgestern und
men, ja, nun weiß ich's! Ah, wartet nur. Wo
alle Tage, die früher waren, und besonders an
ist sie? Wo ist Maria? Oder legst du's ihr in
warme Sommerrage und an weiße Landstraßen,
die Sparkassa? Eh, ich singe für dich, ich spiele
über die er mit seinem Bruder zu wandern
— und du bist ein
Gitarre, von mir lebst du
pflegte, und alles war so weit und unbegreiflich,
Dieb!“ Er fiel auf den Strohsack hin.
als wenn es nie wieder so sein könnte.
Vom Gang her schimmerte ein schwaches Licht
Am späten Nachmittage kam die Post aus Tirol
herein; drüben stand die Tür zu dem einzigen
und bald darauf in kleinen Zwischenpausen
Fremdenzimmer des Wirtshauses offen, und
Wagen, die den gleichen Weg nach dem Süden
Maria richtete die Betten für die Nachtruhe her.
nahmen. Noch viermal mußten die Brüder in
Carlo
stand vor seinem Bruder und sah ihn da¬
den Hof hinab. Als sie das letzte Mal herauf¬
mit dem gedunsenen Gesicht, mit den bläu¬
liegen
gingen, war die Dämmerung hereingebrochen
Lippen, das feuchte Haar an der Stirne
und das Oellänepchen, das von der Holzdecke her¬
klebend, um viele Jahre älter aussehend, als er
unterhing, fauchte. Arbeiter kamen, die in einem
war. Und langsam begann er zu verstehen. Nicht
nahen Steinbruch beschäftigt waren und ein paar
von heute konnte das Mißtrauen des Blinden
hundert Schritte unterhalb des Wirtshauses ihre
sein, längst mußte es in ihm geschlummert haben
Holzhütten aufgeschlagen hatten. Geronimo setzte
und nur der Anlaß, vielleicht der Mut hatte ihm
sich zu ihnen; Carlo blieb allein an seinem Tische.
gefehlt, es auszusprechen. Und alles, was Carlo
Es war ihm, als dauerte seine Einsamkeit schon
für ihn getan, war vergeblich gewesen; vergeb¬
sehr lange. Er hörte, wie Geronimo drüben laut,
lich die Reue, vergeblich das Opfer seines ganzen
beinahe schreiend, von seiner Kindheit erzählte:
Lebens. Was sollte er nun tun? — Sollte er noch
daß er sich noch ganz gut an allerlei erinnerte,
weiterhin Tag für Tag, wer weiß wie lange noch,
was er mit seinen Augen gesehen Personen und
ihn durch die ewige Nacht führen, ihn betreuen,
Dinge: an den Vater, wie er auf dem Felde ar¬
für ihn betteln und keinen anderen Lohn dafür
beitete, an den kleinen Garten mit der Esche an
haben als Mißtrauen und Schimpf? Wenn ihn
der Mauer, an das niedrige Häuschen, das ihnen
der Bruder für einen Dieb hielt, so konnte ihm
gehörte, an die zwei kleinen Töchter des Schu¬
ja jeder Fremde dasselbe oder Besseres leisten als
sters, an den Weinberg hinter der Kirche, ja an
er. Wahrhaftig, ihn allein lassen, sich für immer
sein eigenes Kindergesicht wie es ihm aus dem
von ihm trennen, das wäre das Klügste. Dann
Spiegel entgegengeblickt hatte. Wie oft hatte
mußte Geronimo wohl sein Unrecht einsehen
Carlo das alles gehört. Heute ertrug er es nicht
denn dann erst würde er erfahren, was es heißt,
Es klang anders denn sonst: jedes Wort, das
betrogen und bestohlen werden, einsam und
Geronimo sprach, bekam einen neuen Sinn und
elend sein. Und er selbs, was sollte er beginnen?
schien sich gegen ihn zu richten. Er schlich hin¬
Nun, er war ja nicht aut; wenn er für sich allein
aus und ging wieder auf die Landstraße, die nun
war, konnte er noch mancherlei anfangen. Als
ganz im Dunkel lag. Der Regen hatte aufgehört
Knecht zum mindesten sand er überall sein Unter¬
die Luft war sehr kalt, und der Gedanke erschien
kommen. Aber während diese Gedanken durch
Carlo beinahe verlockend, weiterzugehen, immer
seinen Kopf zogen, blieben seine Augen immer
weiter, tief in die Finsternis hinein sich am Ende
auf den Bruder geheftet. Und er sah ihn plötzlich
irgendwohin in den Straßengraben zu legen
vor sich, allein am Rande einer sonnbeglänzten
Plötz¬
einzuschlafen, nicht mehr zu erwachen. —
Straße auf einem Stein sitzen, mit den weit offe¬
lich hörte er das Rollen eines Wagens und er¬
nen, weißen Augen zum Himmel starrend, der
blickte den Lichtschimmer von zwei Laternen, die
ihn nicht blenden konnte, und mit den Händen
immer näher kamen. In dem Wagen, der vor¬
in die Nacht greisend die immer um ihn war.
überfuhr, saßen zwei Herren. Einer von ihnen
Und er fühlte so win der Blinde niemand ande¬
mit einem schmalen, bartlosen Gesichte fuhr er¬
ren auf der Welt hatte als ihn, so hatte auch er
chrocken zusammen, als Carlos Gestalt im Lichte
niemand anderen als diesen Bruder. Er ver¬
der Laternen aus dem Dunkel hervortauchte.
tand, daß die Liebe zu diesem Bruder der ganze
Carlo, der stehen geblieben war lüftete den Hut.
Inhalt seines Lebens war, und wußte zum ersten
Der Wagen und die Lichter verschwanden. Carlo
Male mit völliger Deutlichkeit, nur der Glaube,
stand wieder in tiefer Finsternis. Plötzlich schrak
daß der Blinde diese Liebe erwiderte und ihm
er zusammen. Das erste Mal in seinem Leben
verziehen, hatte ihn alles Elend so geduldig tra¬
machte ihm das Dunkel Angst. Es war ihm, als
gen lassen. Er konnte auf diese Hoffnung nicht
könnte er es keine Minute länger ertragen. In
mit einem Male verzichten. Er fühlte, daß er
einer sonderbaren Art vermengten sich in seinem
den Bruder gerade so notwendig brauchte, als
dumpfen Sinnen die Schauer, die er für sich selbst
der Bruder ihn. Er konnte nicht, er wollte ihn
empfand mit einem quälenden Mitleid für den
nicht verlassen. Er mußte entweder das Mi߬
blinden Bruder und jagten ihn nach Hause.
trauen erdulden oder ein Mittel finden, um den
Als er in die Wirtsstube trat, sah er die beiden
Blinden von der Grundlosigkeit seines Verdach¬
Reisenden, die vorher an ihm vorbeigefahren
tes zu überzeugen . . . Ja, wenn er sich irgendwie
waren, bei einer Flasche Rotwein an einem Tische
das Goldstück verschaffen könnte! Wenn er dem
sitzen und sehr angelegentlich miteinander reden
Blinden morgen früh sagen könnte: „Ich habe es
Sie blickten kaum auf, als er eintrat.
nur aufbewahrt damit du's nicht mit den Arbei¬
An dem andern Tische saß Geronimo wie
tern vertrinkst damit es dir die Leute nicht steh¬
früher unter den Arbeitern.
oder sonst irgend etwas...
len“...
„Wo steckst du denn, Carlo?“ sagte ihm der
die
Schritte näherten sich auf der Holztreppe;
Wirt schon an der Tür. „Warum läßt du deinen
Reisenden gingen zur Ruhe Plötzlich durchzuckte
Bruder allein?
seinen Kopf der Einfall, drüben anzuklopfen, den
„Was gibt's denn?“ fragte Carlo erschrocken.
Fremden wahrheitsgetreu den heutigen Vorfall
Mir kann's
„Geronimo traktiert die Leute.
zu erzählen und sie um die zwanzig Franken zu
ja egal sein, aber ihr solltet doch denken, daß bald
bitten. Aber er wußte auch gleich: das war voll¬
wieder schlechtere Zeiten kommen.“
kommen aussichtslos! Sie würden ihm die ganze
Geschichte nicht einmal glauben. Und e. erinnerte
Carlo trat rasch zu dem Bruder und faßte ihn
sich jetzt, wie erschrocken der eine blasse zusam¬
am Arme. „Komm!“ sagte er.
mengefahren war, als er, Carlo, plötzlich im Dun¬
„Was willst du?“ schrie Geronimo.
kel vor dem Wagen aufgetaucht war.
„Komm zu Bett,“ sagte Carlo.
Er streckte sich auf den Strohsack hin. Es war
„Laß mich, laß mich! Ich verdiene das Geld,
ganz finster im Zimmer. Jetzt hörte er, wie die
ich kann mit meinem Gelde tun, was ich will
Arbeiter laut redend und mit schweren Schritten
über die Holzstufen hinabgingen. Bald darauf
wurden beide Tore geschlossen. Der Knecht ging
noch einmal die Treppe auf und ab, dann war es
ganz still. Carlo hörte nur mehr das Schnarchen
Geronimos. Bald verwirrten sich seine Gedan¬
ken in beginnenden Tränmen. Als er erwachte
war noch tiefe Dunkelheit um ihn. Er sah nach
der Stelle, wo das Fenster war; wenn er die
Augen anstrengte, gewahrte er dort mitten in
dem undurchdringlichen Schwarz ein tiefgraues
Viereck. Geronimo schlief noch immer den schwe¬
ren Schlaf des Betrunkenen. Und Carlo dachte
an den Tag, der morgen war; und ihn schauderte.
Er dachte an die Nacht nach diesem Tage, an den
Tag nach dieser Nacht, an die Zukunft, die vor
ihm lag, und Grauen erfüllte ihn vor der Ein¬
amkeit, die ihm bevorstand. Warum war er
abends nicht mutiger gewesen? Warum war er
nicht zu den Fremden gegangen und hatte sie um
die zwanzig Franken gebeten? Vielleicht hätten
sie doch Erbarmen mit ihm gehabt. Und doch
vielleicht war es gut, daß er sie nicht gebeten
Ja, warum war es gut? ... Er setzte sich
hatte.
und fühlte sein Herz klopfen. Er wußte,
äh auf
warum
es gut war: Wenn sie ihn abgewiesen
so ware er ihnen jedenfalls verdächtig ge¬
hätten
... Er starrte auf den grauen
blieben
so aber
matt zu leuchten begann ... Das, was
seinen eigenen Willen durch den Kopf
hm gegen
war ja unmöglich, vollkommen unmög¬
gefahren,
— und
Die Tür drüben war versperrt
lich!
**
Ja, dort —
überdies: sie konnten aufwachen ...
der graue leuchtende Fleck mitten im Dunkel war
der neue Tag
Carlo stand auf, als zöge es ihn dorthin, und
berührte mit der Stirn die kalte Scheibe. War¬
um war er denn aufgestanden? Um zu über¬
Was denn?
* *
... Um es zu versuchen?
legen?
— und überdies war es
Es war ja unmöglich
**
ein Verbrechen. Ein Verbrechen? Was bedeu¬
ten zwanzig Franken für solche Leute, die zum
Vergnügen tausend Meilen weit reisen? Sie
würden ja gar nicht merken, daß sie ihnen fehl¬
Er ging zur Türe und öffnete sie leise.
ten
*
Gegenüber war die andere, mit zwei Schritten
zu erreichen, geschlossen. An einem Nagel im
Pfosten hingen Kleidungsstücke. Carlo fuhr mit
der Hand über sie ... Ja, wenn die Leute ihre
Börsen in der Tasche ließen, dann wäre das
Leben sehr einfach, dann brauchte bald niemand
mehr betteln gehen ... Aber die Taschen waren
leer. Nun, was blieb übrig? Wieder zurück ins
Zimmer, auf den Strohsack. Es gab vielleicht
doch eine bessere Art, sich zwanzig Franken zu
eine weniger gefährliche und recht¬
verschaffen —
lichere. Wenn er wirklich jedesmal einige Zen¬
tesimi von den Almosen zurückbehielte, bis er
zwanzig Franken zusammengespart, und dann
das Goldstück kaufte... Aber wie lang konnte das
dauern — Monate, vielleicht ein Jahr. Ah, wenn
er nur Mut hätte! Noch immer stand er auf
...Was
dem Gang. Er blickte zur Tür hinüber
war das für ein Streif der senkrecht von oben
auf den Fußboden fiel? War es möglich? Die
Tür war nur angelehnt, nicht versperrt? ... War¬
um staunte er denn darüber? Seit Monaten
schon schloß die Tür nicht. Wozu auch? Er er¬
innerte sich: nur dreimal hatten hier in viesem
Sommer Leute geschlafen, zweimal Handwerks¬
burschen und einmal ein Tourist, der sich den Fuß
verletzt hatte. Die Tür schließt nicht — er braucht
etzt nur Mut — ja, und Glück! Mut? Das
Schlimmste, was ihm geschehen kann, ist, daß die
beiden aufwachen, und da kann er noch immer
eine Ausrede finden. Er lugt durch den Spalt
ins Zimmer. Es ist noch so dunkel, daß er eben
nur die Umrisse von zwei auf den Betten lagern¬
den Gestalten gewahren kann. Er horcht auf: sie
atmen ruhig und gleichmäßig. Carlo öffnet die
Tür leicht und tritt mit seinen nackten Füßen
völlig geräuschlos ins Zimmer. Die beiden Bet¬
ten stehen der Länge nach an der gleichen Wand
dem Fenster gegenüber. In der Mitte des Zim¬
mers
ist ein Tisch; Carlo schleicht bis hin. Er
mit der Hand über die Fläche und fühlt
einen Schlüsselbund, ein Federmesser ein kleines
Buch — weiter nichts
.Nun natürlich!... Daß
er nur daran denken konnte, sie würden ihr Geld
auf den Tisch legen! Ah, nun kann er gleich wie¬