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„Die Welt=Literatur“ 1917 Nr. 19 Arthur Schultler: Der blinde 6eronimo und sein brudker der Chrentag
S =
Wände dringen müßte, hinaus ins Freie, und
stand er hinter den Kulissen. Einige Choristen
um ihm die nötige Energie zu verleihen, es auf
Roland war es, als ob man das Lied jetzt überall
sagten ihm guten Abend. Roland ging ein paar
eigene Faust zu versuchen. So war es das beste,
in der Welt zugleich hören könnte, wenn man
Schritte weiter und stellte sich knapp hinter die
sich zu bescheiden, und wie andere stille Arbeiter
nur recht aufpaßte. Es war gut von ihr, daß sie
Tür, aus der er auf die Szene hinaustreten
sein Tagewerk zu verrichten, um doch zu leben.
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lange sang, denn er hatte Angst vor dem
sollte. Er hörte die Blandini singen: er erwar¬
Er war sehr einsam geworden; weder mit den
Ende der Arie; er erinnerte sich, wie damals,
jetzt war es da;
So
tete sein Stichwort ...
Großen noch mit den Kleinen mochte er zu tun
bevor sie begonnen, das Klatschen und Gelächter
der Inspizient, der neben ihm stand, gab ein
haben. Früher war er regelmäßig nach dem
getönt hatte; das würde sicher wieder kommen...
Zeichen; zwei Arbeiter zu beiden Seiten öffneten
Theater in ein Wirtshaus gekommen, wo eine
und er fühlte, er müßte stark sein, um das noch
die Tür, und Roland trat auf die Bühne. Aber
harmlose Gesellschaft von Theaterbediensteten
einmal ertragen zu können — es war entsetzlich
es war etwas zu früh. Der Inspizient hatte vor¬
und kleinen Bürgern sich zusammenfand, die
— Die Arie war aus. Die Blandimi
gewesen.
eilig das Zeichen gegeben die Tür zu öffnen.
stolz waren, mit Leuten von der Bühne zu ver¬
reichte ihm den Schmuck. Und Roland fragte:
Denn eben hatte sich ein starker Applaus er¬
kehren. Aber auch hier hatte es an Späßen nicht
Und die
meld' ich meinem Herrn?“ —
„Was
hoben, der offenbar der Blandini galt. Ihre
gefehlt, wenn Roland erschien; manches herzliche
Blandini sagte: „Nichts.“ — Sie sagte es mit
Beliebtheit wachst noch immer, dachte er, selbst
Wort, mit dem er begrüßt wurde, faßte er in
Zittern der Stimme wie niemals früher.
einem
nach den paar Takten ein solcher Beifall!
wachsendem Mißtrauen als spöttisch gemeint
sah sie ihn mit flehenden Augen an, als
Dabei
Das wollte ja gar nicht aufhören. — Und Roland
auf, und so konnte es ihm auch dört schon lange
sie ihn dabehalten auf der Szene, und er
wollte
sah unwillkürlich die Blandini an, die anfangs
nicht mehr behagen. Er ging jetzt nur mehr hin,
doch abgehen. Er verbeugte sich, die Tür
mußte
ins Publikum hinausgeschaut hatte und sich jetzt
wenn er vorher anderswo allein ein paar Glas
wurde geöffnet, er tat einen Schritt hinaus
zu ihm wandte. Er hörte sie flüstern: „Ver¬
Wein getrunken hatte; da wurde es ihm leichter,
da fing es so an wie vorher: „Bravo! Roland!
Und der Applaus wurde
tehen Sie das?“
an die Freundlichkeit der Menschen zu glauben,
Roland! Bravo!“ Er stand bereits hinter der
immer stärker. Roland blickte auf die Galerie...
und selbst kleine Bosheiten nahm er dann mit
Szene, neben ihm der Inspizient, ein paar Cho¬
Plötzlich glaubte er ganz deutlich unter den
Gleichmut hin. Ja, er erlebte dann sogar Augen¬
risten, die sich herzugedrängt hatten. Auch der
Bravorufen auch seinen Namen zu hören
blicke, in denen seltsame Hoffnungen einer gro߬
ugendliche Komiker war da. „Meisterleistung
Ah —
er hatte sich gewiß getäuscht. Die Blan¬
artigen Wandlung in ihm emportauchten; er
sagte er zu Roland. Der Direktor trat hinzu.
dini sagte: „Hören Sie?“ Roland antwortete:
hielt Zufälle für möglich, die ihn mit einemmol
was heißt das? Sind die Leute toll?
„Ja,
an einen würdigeren Platz stellen konnten, und
„Ihr Name“, sagte die Blandini
„Ja.“
Wissen Sie, Roland, was das zu bedeuten hat?“
Der Applaus dauerte in gleicher Stärke fort.
durfte allen Spott verachten, der ihn laut und
Roland schüttelte den Kopf. „Ja, was machen
Da ihm aber auch der Wein
Und die Rufe „Roland“ wurden immer lauter.
leise umklang
* *
wir denn?“ rief der Direktor. „Die klatschen
„Was ist das?“ dachte Roland, „bin ich wahn¬
diese Stimmungen nur selten gab, ging er meist
draußen weiter. Es bleibt nichts übrig, Sie
„Reden Sie,
sinnig geworden? Träum' ich?“
als ein tief Verletzter herum, dem nie Genug¬
müssen hinaus, sich verbeugen“ sagte der
flüsterte die Blandini. — „Was?“ fragte Roland
tuung werden konnte. Früher hatten kleine Aben¬
Direktor. „Ja,“ sagte Roland. Jetzt merkte er,
vom Ge¬
— „Nun, Ihre Worte
teuer mit Frauen die letzten Jugendschimmer in
daß er den Kranz noch immer in der Hand
schmeide.“ —
Und Roland begann zu sprechen:
sein Leben gebracht; aber seit ein paar Jahren
hielt; er wollte ihn fallen lassen. „Der bleibt“
Aber er
* *
war auch das vorbei, und zartlichen und fragen¬
„Schöne Dame, dieses Geschmeide
sagte der Direktor: „das wirkt ganz gut. Auf!“
drang nicht durch. Der Applaus dauerte fort;
den Blicken, die noch zuweilen auf ihm ruhen
rief er. Die Tür flog auf, und Roland trat auf
einige Zischlaute mischten sich drein, worauf er
blieben, glaubte er nicht mehr. Seit ein paar
die Szene. Die Bravorufe verstärkten sich;
sagte die
Wochen geschah es manchmal, daß er auf dem
noch larmender wurde. „Kränze“
helles Lachen tönte mit. Der Komiker sagte zum
kleinen Tisch in seiner Garderobe Veilchen fand;
Blandini. Und Roland, in der Ueberzeugung,
Direktor: „Meiner Ansicht nach handelt es sich
sie seien für die Blandini bestimmt, eilte zur
er forschte gar nicht, woher sie kamen; gewiß war
um eine Wette.“
Rampe vor, bückte sich und nahm einen riesigen
es ein Scherz, wie man sie schon manchmal an
Direktor, „so kommt jeder einmal zu seinem
Lorbeerkranz, den er sofort der Sängerin über¬
ihm verübt hatte; ein Scherz, wie die süßen
Ehrentag.“
reichen wollte. Aber sie flüsterte: „Für Sie.
Briefchen, mit denen man ihn zu Stelldicheins
Roland trat wieder zurück, die Tür wurde ge¬
gelockt, wo entweder niemand erschienen war
schlossen. Er ließ den Kranz fallen; er wollte
die Schleifen, und er erblickte seinen Namen.
oder der Souffleur oder gar ein paar Damen
langsam in die Garderobe gehen. Ein paar
vom Chor, die sich köstlich über sein verdutztes
Eine Sekunde lang ging jetzt etwas ihm selbst
Mädel vom Chor wollten ihm scherzend die
Gesicht amüsiert hatten.
Unbegreifliches in ihm vor; er dachte: „Ich bin
Hand drücken, aber er merkte es nicht und ließ
ein großer Schauspieler. Das merken alle Men¬
wieber da; er
Die Veilchen waren auch heute
seine Arme schlaff herunterhängen. Da fühlte
schen, trotzdem ich die nichtigste Rolle spiele;“ er
Und wenn sie
hatte sie gar nicht angerührt.
er sich von rückwärts gehalten. „Sie müssen
nahm mechanisch die eine Schleife in die linke
selbst ernst gemeint waren, was lag ihm daran?
Hand
noch einmal heraus, die Leute geben keine Ruh!“
— er las: „Dem genialen Mimen Roland
Er war so schwer bedrückt, daß ihm keine
Roland wandte sich um, trat wieder auf die
...“ Und plötzlich hörte
die dankbare Mitwelt
Szene, verbeugte sich tief. Er schien sich mit so
er im Saale ein stürmisches Gelächter schallen;
Krördel nehr werden onnten. Ge. lollrich michts

viel Humor in seine Rolle zu finden, die man
er
keit. Manchmal fuhr ihm durch den Sinn: wie
ihm nun einmal zugedacht, daß das Lachen im
sah ins Publikum, sah tausend hocherhobene
soll das enden? Und da kamen ihm sonderbare
Publikum immer heiterer und herzlicher klang;
klatschende Hände, und die Gesichter der Leute
Einfälle, die er immer wieder von sich wies.
.. Er verstand es
leuchteten vor Vergnügen
viele hatten ihn in diesem Augenblick lieb. Ihm
Nur einmal hatte er eine Idee gehabt, die ihn
fuhr plötzlich wieder jener Traum durch den
nicht. Man lachte lauter, immer lauter Plötzlich
längere Zeit festhielt: Er wollte es nämlich in
Sinn, und er fragte sich, ob nicht jetzt der richtige
verstand er es. Und es war ihm als wenn er
die Zeitung geben, wie ihn die Leute quälten,
Moment wäre auf die Knie zu fallen und zu
niedersinken müßte und sein Gesicht verstecken;
und einen Appell an das Publikum erlassen, der
man höhnte
rufen: Ihr edlen Menschen, Gnade! Gnade!
denn man lachte ja über ihn
* * *
mit den Worten anfangen sollte: Ihr edlen
Aber er wußte, da unten war keine Gnade. Und
ihn aus
Das ganze Publikum war in diese
* * *
Menschen! Er hatte ihn einmal zu schreiben
mitten in dem Jubel, dem Lachen, das ihn um¬
rasende Fröhlichkeit geraten über den Einfall
angefangen, hier in der Garderobe, denn sein
toste, kam es wie eine furchtbare Verlassenheit
ihn, Herrn Friedrich Roland, zu feiern. Er
Tisch zu Hause wackelte immer — aber er wollte
über ihn, daß ihm das Herz stillestand. Als er
fühlte es: nun war für ihn der Gipfel des
ihm nicht gelingen. Er kam ihm vor wie ein
abging, warf er einen Seitenblick auf die Blan¬
er fühlte es so tief daß er
Ruhmes erreicht
Bettelbrief. Und dann hätten sie doch gelacht.
dini. Sie hatte Tränen im Auge und schaute
nichts mehr sah und hörte und in die lärmende
Etwas anderes war ihm später eingefallen. Er
an ihm vorbei. Jetzt war der Lärm draußen
Menge wie ins Stillt und Leere starrte. Und
wollte einmal mit der Blandini, der Prima¬
vorüber; der Direktor klopfte Roland auf die
mit einem Mal“ als hätte er es damit er¬
donna des Theaters, die zuweilen auf der Probe
Schulter und sagte lachend: „Ehrentag.“ Viele
zwungen — war es'leirklich still. Und er wußte,
ein paar gute Worte mit ihm sprach, ernstlich
standen hinter den Kulissen bereit, Schauspieler.
daß er seine Worte noch nicht gesprochen; viel¬
reden; er wollte ihr vorstellen, daß er doch
leicht auch hatte ihm die Blandini zugeflüstert,
eigentlich gar nicht so komisch war, wie die
aus dem Zuschauerraum hier fortzusetzen; aber
daß er sprechen sollte. Und er sagte, ohne mit
er wagte
Leute sich immer einbildeten, aber ...
Roland ging mit gesenktem Kopf vorbei und sah
der Stimme zu zittern, indem er der Sängerin
es nicht. Und dann war ihm einmal, als er vom
und hörte sie nicht. Er ging langsam die zehn
ruhig ins Gesicht sah: „Schöne Dame, dieses
Wirtshaus ein wenig betrunken in der Nacht

Geschmeide sendet Euch mein Herr.“
Stufen hinauf, schlich durch den Gang, öffnete
nach Hause ging, etwas ganz Tolles in den Sinn
die Tür seiner Garderobe trat ein; dann sperrte
Blandini nahm das Geschmeide und sah ihn mit
gekommen: er wollte bei nächster Gelegenheit
er die Tür ab. Das Schloß knarrte hinter ihm,
einem sehr langen Blicke an, er mußte denken:
mitten auf der Szene auf die Knie fallen und
„Diese Nuance hat sie in den früheren Vor¬
und unten das Spiel ging weiter.
geradezu zu beten anfangen: O edle Menschen
stellungen nicht gebracht“ und fragte sich:
und ihnen sein ganzes Leid klagen und sein
Da hörte er sie zu ihm sagen:
„Warum?
Elend; und er wußte, daß er da wunderbare
„Machen Sie sich nichts daraus.“ Jetzt merkte
Töne finden würde, denen niemand widerstehen
Seit einer Stunde saßen die drei jungen Leute
er daß das Orchester bereits wieder spielte; die
könnte; man müßte bei dieser Gelegenheit sogar
dem Cabinet particulier und warteten. Die
in
Einleitungstakte der Arie waren vorbei: die
erkennen, daß er ein großer Schauspieler war,
Blandini war noch nicht da.
Blandini mußte einsetzen, sie sang. Es war eine
und viele würden weinen und er selbst vielleicht
unendlich lange Arie. Roland stand an der Tür
„Sie wird gar nicht kommen,“ sagte Fred.
— Dieser Einfall kam ihm öfter
mit ihnen.
und hörte die wohlbekannten Töne, und die
wieder, aber nicht wie etwas, woran man ernst¬
„Das ist unmöglich,“ antwortete August. „Wir
Blandini sang immer weiter, es war, als wenn
haft denken dürfte, sondern wie die Erinnerung
haben es gestern miteinander ausgemacht, und
sie stundenlang sänge. Roland empfand nichts;
an einen lebhaften und schönen Traum.
außerdem hab’ ich ihr heute nachmittags ge¬
nur ging die Bühne auf und nieder, gleichmäßig,
schrieben.“
und ein Summen von tausend kleinen Stimmen
Die Klingel, die ihn auf die Bühne rief.
„Weißt du, was ich finde?“ bemerkte Emerich.
ohne Sinn war in seiner Nähe; aber die Arie
und
schrillte. Er stand auf, trat auf den Gang
„Nun?“ fragte August.
der Blandini klang hell, als wenn sie durch die
Nun
schritt gemächlich die zehn Holzstufen hinab.