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4. Der Witver
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Wien, Dienstag
auf, verläßt den Balcon und tritt in's angrenzende Zimmer.
Es ist das seiner Frau — gewesen. Er hat nicht daran gedacht,
wie er rasch hineingetreten ist; er kann auch in der Dunkel
heit nichts mehr darin ausnehmen; nur ein vertrauter Duft
weht ihm entgegen. Er zündet die blaue Kerze an, die auf
dem Schreibtisch steht, und wie er nun das ganze Gemach in
einer Helle und Freundlichkeit zu überschauen vermag, da
sinkt er auf den Divan hin und weint
Lange weint er; —
wilde und gedankenlose Thränen
und wie er sich wieder erhebt, ist sein Kopf dumpf und schwer.
Es flimmert ihm vor den Blicken, die Kerzenflamme auf dem
Schreibtisch brennt trüb. Er will es lichter haben, trocknet
seine Augen und zündet alle sieben Kerzen des Armleuchters
an, der auf der kleinen Säule neben dem Clavier steht.
Und
nun fließt Helle durch's ganze Gemach, in alle Ecker
zarte Goldgrund der Tapete glitzert, und es sieht hier
aus
wie an manchem Abend, wenn er hereingetreten ist und
sie
über einer Lectüre oder über Briefen fand. Da hat sie auf¬
geschaut, sich lächelnd zu ihm gewandt, und seinen Kuß er¬
wartet.
— Und ihn schmerzt die Gleichgiltigkeit der Dinge
uim ihn, die weiter starr sind und weiter glitzern, als wüßten
sie nicht, daß sie nun etwas trarriges und unheimliches ge¬
worden sind. So tief wie in diesem Augenblick hat er es
noch nicht gefühlt, wie einsam er geworden ist; und so mäch¬
tig, wie in diesem Augenblick hat er die Sehnsucht nach sei¬
nem Freunde noch nicht empfunden. Und wie er sich nun vor¬
stellt, daß der bald kommen und liebe Worte zu ihm reden wird,
da fühlt er, daß doch auch für ihn das Schicksal noch etwas
übrig hat, das Trost bedeuten könnte. Wär' er nur endlich
da! . .. Er wird ja kommen, morgen Früh wird er da sein.
Und da muß er auch lang bei ihm bleiben; viele Wochen
lang; er wird ihn nicht fortlassen, bevor es sein muß. Und
da werden sie beide im Garten spazieren gehen und, wie
früher so oft, von tiefen und seltsamen Dingen sprechen, die
über dem Schicksal des gemeinen Tages sind. Und Abends
werden sie auf dem Balcon sitzen wie früher, den dunklen
Himmel über sich, der so still und groß ist; werden da zu
ammen plaudern bis in die späte Nachtstunde, wie sie es ja
auch früher so oft gethan, wenn sie, die in ihrem frischen
und hastigen Wesen an ernsteren Gesprächen wenig Gefallen
fand, ihnen schon längst lächelnd Gute Nacht gesagt hatte,
um auf ihr Zimmer zu geh'n. Wie oft haben ihn diese Ge¬
spräche über die Sorgen und Kleinlichkeiten der Alltäglichkeit
emporgehoben; —
jetzt aber werden sie mehr, jetzt werden
sie Wohlthat, Rettung für ihn sein.
Immer noch geht Richard im Zimmer hin und her
bis
ihn endlich der gleichmäßige Ton seiner eigenen Schritte
zu
stören anfängt. Da setzt er sich vor den kleinen Schreibt
h
auf dem die blaue Kerze steht, und betrachtet mit einer
Art
von Neugier die hübschen und zierlichen Dinge, die vor ihm
liegen. Er hat sie doch eigentlich nie recht bemerkt, hat immer
nur das ganze gesehen. Die elfenbeinernen Federstiele, das
schmale Papiermesser, das schlanke Petschaft mit dem
Onyxgriff, die kleinen Schlüsselchen, welche eine Goldschnur
zusammenhält; er nimmt sie nacheinander in die Hand, wendet
sie hin und her und legt sie wieder sachte auf ihren Platz,
als wären es werthvolle und gebrechliche Dinge. Dann öffnet
er die mittlere Schreibtischlade und sieht da im offenen
Carton das mattgraue Briefpapier liegen, auf dem sie zu
schrelbenspflegte, eeienGener-nd
gramm, die schmalen langen Visitkarten mit ihrem Namen.
Dann greist er mechanisch an die kleine Seitenlade, die ver¬
sperrt ist. Er merkt es anfangs gar nicht, zieht nur immer
wieder, ohne zu denken. Allmälig aber wird das gedanken¬
lose Rütteln ihm bewußt, und er müht sich, und will
endlich öffnen, und nimmt die kleinen Schlüssel zur Hand,
die auf dem Schreibtisch liegen. Gleich der erste, den er ver¬
sucht, paßt auch; die Lade ist offen. Und nun sieht er, von
blauen Bändern sorgfältig zusammengehalten, die Briefe
liegen, die er selbst an sie geschrieben. Gleich den, der oben
liegt, erkennt er wieder. Es ist sein erster Brief an sie, noch
aus der Zeit der Brautschaft. Und wie er die zärtliche Auf¬
schrift liest, Worte, die wieder ein trügerisches Leben in das
verödete Gemach zaubern, da athmet er schwer auf und spricht
dann leise vor sich hin, immer wieder dasselbe: ein wirres
entsetztes: Nein .. nein ... nein
Und er löst das Seidenband und läßt die Briefe zwischen
den Fingern gleiten. Abgerissene Worte fliegen vor ihm vorüber,
kaum hat er den Muth, einen der Briefe ganz zu lesen. Nur
den letzten, der ein paar kurze Sätze enthält — daß er
erst spät Abends aus der Stadt herauskommen werde
Wiener Allgemeine Zeitung
Inhalt aller dieser Briefe zunichte machen und die Wahrheit,
die ihm plötzlich geworden, zum Irrthume wandeln könnte.
... Und wie endlich seine Hände innehalten, ist ihm, als
wäre es nach einem ungeheueren Lärm mit einemmal ganz
still geworden . . . Noch hat er die Erinnerung aller jener
Geräusche: wie die zierlichen Geräthschaften auf dem Schreib¬
tisch klangen . . . wie die Lade knarrte . . . wie das Schloß,
klappte ... wie das Papier knitterte und rauschte... den Ton
seiner hastigen Schritte ... sein rasches, stöhnendes Athmen —
nun aber ist kein Laut mehr im Gemach. Und er staunt nur,
vie er das mit einem Schlage so völlig begreift, obwohl er
doch nie daran gedacht. Er möchte es lieber so wenig ver¬
stehen, wie den Tod; er sehnt sich nach dem bebenden heißen
Schmerz, wie ihn das Unfaßliche bringt, und hat doch nur
die Empfindung einer unsäglichen Klarheit, die in all' seine
Sinne zu strömen scheint, so daß er die Dinge im Zimmer
mit schärferen Linien sieht als früher und die tiefe Stille zu
hören meint, die um ihn ist. Und langsam geht er zum
Divan hin, setzt sich nieder und sinnt ...
Was ist denn geschehen?
Es hat sich wieder einmal zugetragen, was alle Tage
geschieht, und er ist Einer von denen gewesen, über die
Manche lachen. Und er wird ja auch gewiß — morgen oder
in wenigen Stunden schon — wird er all' das furchtbare
empfinden, das jeder Mensch in solchen Fällen empfinden
muß . . . er ahnt es ja, wie sie über ihn kommen wird, die
namenlose Wuth, daß dieses Weib zu früh für seine Rache
gestorben; und wenn der Andere wiederkehrt, so wird er ihn
mit diesen Händen niederschlagen wie einen Hund. Ah, wie
sehnt er sich nach diesen wilden und ehrlichen Gefühlen
und wie wohler wird ihm dann sein als jetzt, da die
Gedanken sich stumpf und schwer durch seine Seele
schleppen ...
Jetzt weiß er nur, daß er plötzlich Alles verloren hat,
daß er sein Leben ganz von vorne beginnen muß wie ein
Kind; denn er kann ja von seinen Erinnerungen keine mehr
brauchen. Er müßte jeder erst die Maske herunterreißen, mit
der sie ihn genarrt. Denn er hat nichts gesehen, gar nichts
hat geglaubt und vertraut, und der beste Freund, wie in der
Komödie, hat ihn betrogen ... Wäre es nur der, gerade
der nicht gewesen! Er weiß es ja und hat es ja selbst
erfahren, daß es Wallungen des Blutes gibt, die ihre Wellen
kaum bis in die Seele treiben, und es ist ihm, als wenn er
der Todten Alles verzeihen könnte, was sie wieder rasch
vergessen hätte, irgend wen, den er nicht gekannt, irgend
Einen, der ihm wenigstens nichts bedeutet hätte
nur diesen nicht, den er so lieb gehabt hat nie keinen andern
Menschen und mit dem ihn ja mehr verbindet, als ihn je
mit seinem eigenen Weib verbunden, die ihm niemals auf
den dunkleren Pfaden seines Geistes gefolgt ist; die ihm
Lust und Behagen, aber nie die tiefe Freude des Verstehens
gegeben. Und hat er es denn nicht immer gewußt, daß
die Frauen leere und verlogene Geschöpfe sind, und ist es
ihm denn nie in den Sinn gekommen, daß sein Weib ein
Weib ist, wie alle anderen, ieer, verlogen und mit der Lust
zu verführen? Und hat er denn nie gedacht, daß sein Freund
den Weibern gegenüber, so hoch er sonst gestanden
sein mag, ein Mann ist wie andere Männer, und
dem Rausch
eines Augenblicks erliegen konnte?
Und
verrathent es nicht malch#scheiten Worte dieser-glühenden und
zitternden Briefe, daß er anfangs mit sich gekämpft, daß er
versucht hat, sich loszureißen, daß er endlich dieses Weib an¬
gebetet und daß er gelitten hat? ... Unheimlich ist es ihm
beinahe, wie ihm Alles das so klar wird, als stünde ein
Fremder da, ihm's zu erzählen. Und er kann nicht rasen, so
sehr er sich darnach sehnt; er versteht es einfach, wie er
es eben immer bei Anderen verstanden hat. Und wie er nun
aran denkt, daß seine Frau da draußen liegt, auf dem stillen
Friedhof, da weiß er auch, daß er sie nie wird hassen können,
und daß aller kindische Zorn, selbst wenn er noch über die
weißen Mauern hinüberflattern könnte, doch auf dem Grabe
selbst mit lahmen Flügeln hinsinken würde. Und er erkennt,
wie manches Wort, das sich kümmerlich als Phrase fristet
in einem grellen Augenblicke seine ewige Wahrheit zu er¬
kennen gibt, denn plötzlich geht ihm der tiefe Sinn eines
Wortes auf, das ihm früher schal geklungen: Der Tod ver¬
söhnt. Und er weiß es; wenn er jetzt mit einemmale jenem
Anderen gegenüberstände, er würde nicht nach gewaltigen und
strafenden Worten suchen, die ihm wie eine lächerliche
Wichtigthuerei irdischer Kleinlichkeit der Hoheit des Todes
gegenüber erschienen — nein, er würde ihm ruhig sagen
Jahres, in
bemerkt, un
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kleinlichen
dieses ganz
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blaß und ble
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sprechen, doch
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Richard
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tief in die A.
auf dem Clat
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Und wie
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auszusprechen,
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daß er das ka
Worte für all
und zu streift
zuckenden
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als hätte er
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