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3.
Sterben
box 1/2
—e Vurfer
ge, M ernd n P tulne lich. N.
Verbleib den Angehörigen Auskunft geren zu müssen, ihren Ent¬
ige
— Julius kann nichts dafür. — Ich bitte Dich, lieber Ru¬
schluß zur Reife gebracht haben. Wie Horky sagt, gab er dem
cky
Dir
dolph, erschieße mich und dann Dich, denn ohne
Drüngen der Gelicbten nach, setzte den Revolver an den Kopf des
dke,
kein Leben. — Halte Wort, denn Du weist, an meinem Leben liegt
Mädchens und drückte da der erste Schuß versagte, zwei¬
Wie mir ist, kann
*
mir nichts, denn ich will mit Dir sterben
gen
mal los. Mit einem Aufschrei stürzte Marie Wityska zu Tode
ich Dir nicht sagen, unser Kaffeehaus ist jetzt ganz todt; Nach¬
getroffen zusammen.
wundersame Wandlung. Dem Weibe, das ihm opfermuthig
Schuhen schüttelte? Warum er Alles, was ihn an uns, an
zur Seite steht, nimmt er dessen Gesundheit übel. Er ist eifer¬
die Seinen fesselt, dahingab um des Erfolges willen?
süchtig auf das Leben, und er will das Mädchen mit sich in
Selten nur dringen wir so tief; in solchen Aus¬
das Grab hinabziehen, nicht aus Liebe, sondern aus Mi߬
nahmsfällen zucken wir überlegen die Achseln und
gunst. Ehe ihm das Fürchterliche aber gelingt, entflieht die
meinen, wir seien eben viel zu fein, wir seien
grausam gewerdene Seele. Der Gedanke, einen Menschen
viel zu gebildet, wir ständen viel zu hoch, als daß jener
vorzuführen, der deutlich gewahrt, wie er allmälig die Beute
rill¬
Emporkömmling auch bei uns hätte seinen Weg machen
des Todes wird und der deshalb selbst die Serse rühren
hier
können. Nein, wir sind viel zu gescheidt. Wir brauchen keine
möchte dieser Gedanke ist von einer eigenthümlichen Macht
heit,
Literatur. Dichter sind nicht so nothwendig, wie man uns
und Schönheit. Er ist schwarz in seiner Tiefe und tief in
die
glauben machen will. Beileibe nicht. Theaterstücke von
seiner Schwärze. Er stößt ab und fesselt. Er ist widerlich,
lber.
Leut, welche hier, welche „loco“ im Kaffeehause gesehen
weil er wahr ist, und erhaben aus demselben Grunde.
diese
werden können, die führen wir nicht auf. Lächerlich! Sind
Die Art, in der Schnitzler sein Thema durchführt, be¬
unsere Theater Versuchsbühnen? Ja, wenn man es draußen
weist ungewöhnliche Begabung, die auf dem Wege zu ihrer
wagt, wenn das Ding draußen gefällt, dann lassen wir uns
vollen Selbstständigkeit ist. Damit haben wir bereits auf die
hervei. Und was ist das Ergebniß solcher Haltung? Wenn
Vorzüge und Mängel, auf die Licht= und Schattenseiten hin¬
habe
Hauptmann, Sudermann und Fulda Wiener gewesen wären,
gedeutet. Je ausgeprägter eine Individualität, desto ent¬
licken
ie hätten ihre Dichtung nach Berlin senden müssen, wie
chiedener treten ihre Eigenschaften zutage. Wir wollen das
dem
Anzengruber, sie wären nach Berlin ausgewandert wie
Vortheilhafte hervorheben, das Abträgliche nicht verschweigen.
Paris
Mauthner. Kurz: Wien war ein Literaturstadt. Das schön¬
Dabei müssen wir aber Eines sogleich in den Vordergrund
gung.
geistige, das belletristische, das künstlerische Wien, es ist ge¬
rücken; das Rühmliche tritt mit freier Behendigkeit vor uns
den
torben oder es ist im Sterben.
hin, das Tadelnswerthe muß erst durch die Kritik aus¬
tümer
Und darum ist es denn auch kennzeichnend, daß das
gemittelt werden. Ehe diese jedoch das Gegensätzliche gegen
ratur¬
jüngste Werk*) eines jungen Wiener Poeten den düsteren Titel
einander abzuwägen beginnt, hat sie sich zu fragen, was ein
Wien
Sterben“ an sich trägt. Jugend und Poesie, beide wenden
Antor denn eigentlich gewollt haben mag; denn oft gehören
das leuchtende Auge gemeiniglich dem Leben zu, Jugend
gewisse scheinbare Gebrechen zu seinen künstlerischen Absichten.
hmerz¬
lechzt nach Genuß, Poesie lauscht jeder Regung des Herzens,
Zum Theile mag dies auch hier der Fall sein. Was der
schichte
sie schildert mit heißblütigem Wort die gewaltige That, sie
Autor nun wollte? Sicherlich nicht, ein Buch ge¬
enwart
forscht nach den Erscheinungen, die unser Dasein hervorruft,
schrieben zu haben, denn er hatte wirklich Etwas zu
sie fühlt der Zeit den Puls. Nichts von alledem im
sagen. Eine harte, bösartige, grimmige Beobachtung hatte er
aulen
„Sterben“. Bei aller Kraft wie müde! Bei aller Schwelgerei
zu verkünde# mit Unerbittlichkeit hat er sie uns dargestellt:
indurch
wie übersättigt! Bei aller Zartheit des Liebesgefühls wie
Das Sterben macht niederträchtig, das ist der Sinn und In¬
abge¬
entsagend! Was ist die Handlung der seltsamen Novelle:
halt seiner Ausführungen. Wie vie sittliche Gesundheit mit
oft und
Sie zeigt uns einen Mann, der an einem unheilbaren Siech¬
der seelischen, die seelische mit der leiblichen zusammenhängt,
thum zugrunde geht. Und was erzählt uns das eigenartige
sich
das legt er mit einer meisterlichen Hand dar, in der
n. Die
Buch? Wie das Sterben roh, gemein, egoistisch macht, wie
Er
frauenhafte Zartheit mit männlichem Nachdruck vermält.
sich ge¬
es Alles, was mit dem Leben zusammenhängt, von ihm aus¬
kümmert sich nicht um die bekannte Lehre, daß dem Ver¬
es Ein¬
geht und aus ihm hervorblüht, zersetzt und zernichtet. Nur
brechen Krankheit zugrunde liege; mit Sicherheit macht er
en nicht
drei Menschen lernen wir kennen. Den Kranken, welcher leidet,
es uns begreiflich, wie die Krankheit im Verlaufe des durch
hand zu
die Geliebte, die ihn pflegt, den Arzt, der ihn betreut.
sie verursachten Degenerationsprocesses verbrecherische Triebe
Die Schilderung beginnt damit, daß der Held von einem
weckt. Der wesentlich moralistische Inhalt bestimmt die Form
Arzte erfährt, er sei verloren; er werde in einem Jahre nicht
ne von
mehr auf der Erde wandeln. Er ist zuerst verzweifelt. Dann
Pfauen¬
findet er sich darein. Endlich schöpft er Hoffnung. Aber er
*) „Sterben“, Novelle von Arthur Schnitzler, Balin
daheim
son den sieht sich schwinden. Und nun vollzieht sich in ihm eine, bei S. Fischer.