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30. Der Gang zun Neiher
DIE BUHNE
Schnitslers neues Drama:
er
„Der Gang zumeile
Von Paul Stefan
ist das Herbstwerk eines ewigen Lebenswerk Artur Schnitzlers schon be¬
kannt sind. Sei's drum! In ihrem Aufbau
Frühlings. Es hat die Milde, Reife,
gestalten sie sich zum erstenmal und ge¬
Süßigkeit später Früchte, alle Schön¬
stalten sich zu einem großen, silbern
heit eines Lebens, das ein wirklicher
Mensch gelebt, mit den Sinnen eines
schimmernden Kunstwerk. Es ist ein Er¬
eignis und es spricht wie an der Schwelle
Künstlers gelebt, mit den Augen eines
von Ereignissen. Wir sind in der großen
Dichters geschaut hat.
Sehnitzlers neues Werk ist ein Drama.
Welt: Kaiser, Kanzler. Feldherr. Krieg.
Spielt dies alles wirklich im Rokoko?
aber ein Versdrama, ist vor allem andern
Oder haben wir einiges davon nicht vor
eine Dichtung. Nicht so eng wie andere
ein, zwei Jahrzehnten miterlebt?
von seinen Werken, schmiegt es sich an
die Linie, die seinen Lebensweg bezeich¬
Der Freiherr von Mavenau war lange
net. Es ist diesem Dichter wie vom
der mächtige Kanzler des Reiches. Nun
Schicksal bestimmt, daß er immer wieder
ist er längst — dieses Lange und Längst
vom Tode, von der Liebe, die ihn, sich
bezeichnet eine Epoche, die Zeit hatte —
und ein, zwei Menschen überlisten und
auf seinem Gut, mit seinem Kaiser ent¬
betrügen will, vom Trug des Daseins
zweit, die Ereignisse von seinem Rule¬
überhaupt sprechen muß. Daß er immer
sitz aus überschauend. Drei Kanzler
wieder zu sagen hat, wie alles Spiel,
kamen inzwischen. Der Kaiser, eine Ge¬
füchtiger Irrtum ist und nur eines sichere
stalt in der Ferne, die in dieses Spiel
Gewißheit, der Zug des Herzens, wenn er
nur Boten sendet, muß ein zögernder,
Weg ins Freie wird. Dieser Dichter
manches versäumender, aber vorsichtiger
wiederholt sich. Er wiederholt sich oft.
und nicht kleiner Herr sein, ganz gewil
Aber er ist ein so großer Künstler, ein
auch mit Zügen, die aus der Geschichte
so sehr wahrhafter. so sehr verehrungs¬
bekannt sind. Dieser Kaiser sendet immer
würdiger Mensch, daß er mit diesen
wieder um seinen alten Kanzler, doch
Wiederholungen einen altöst eichischen
vergeblich. Aber nun scheint eine Stunde
Mikrokosmos hervorzauber:n Mikro¬
der Entscheidung nahe. An der Grenze
kosmos, der genau betrach de ganze
stehen die Heere einander gegenüber.
große Welt ist, eine Welt, wie sie zudem
Noch gibt es Freundschaft zwischen zwei
unsichtbare Bande noch an andere Welten
Reiteroffizieren von den Vorposten hüben
fesseln.
und drüben, aber eben dieser eine Reiter¬
Man wird vielleicht sagen, daß auch
offizier, der Sohn des Marschalls, Konrad
einzelne Motive dieser Dichtung aus dem
von Ursenbeck genannt, empfindet solche
Freundschaft als Sünde wider
den Geist des Heeres, wider des
Gebot der Zeit. Dieses lautet: Los¬
schlagen! Die Gelegenheit ist gün¬
stig. Darf man sie sich entgehen
lassen? Darf man zusehen, wie der
Übermut des Feindes von morgen
wächst und in schlimmerer Zeit
seinerseits den Angriff bringt?
Zwei Frauen teilen die Ein¬
samkeit des. Kanzlers, seine
Schwester Anselma, unvermählt,
und seine Tochter Leonilda; sie
hat keine Mutter mehr.
Es wird ein Gast erwartet, schon
von Tag zu Tag. Der Dichter
Sylvester Thorn. Ein Freund,
Jugendfreund des Kanzlers. An¬
scheinend mehr als Freund, einst,
der Freiin Anselma. Und nun ist,
wenn nicht die Zeichen trügen,
Leonilda von dem Wesen eines
Dichters und dieses Mannes ent¬
flammt, den sie zwar lange nicht
gesehen hat. Auch diese Leonilda
Photo Willinger
geht einer Entscheidung entgegen.
Drei Jahrzehnte später, und es
Aus Ichnitzlers
wäre, der Epoche nach, roman¬
Komödie der Worte“
tische Erwartung: aber auch hier
1((Große Izene.):
sind wir, historisch gesprochen, in
Cäcilie Lvovsky
einer Periode der Empfindsamkeit.
und Josef Klein
Nachts verläßt diese seltsame
(Volkstheater)
Leonilda, noch eben Klosterkind,
das Schloß und schleicht zu
einem verborgenen Weiher im
Wald, wo sie, gleichsam im Bund
der Nixen, in die Fluten taucht.
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1
Arthur Schnitzler
Aber Sylvester kommt nicht. Dafür
Botschaft von der Grenze. Das Heer
droht zu mentern, wenn nicht losge¬
schlagen wird, droht, sich unter den
Befehl des Marschalls zu stellen. Noch
reitet Konrad zu Hof, um das zu melden.
Und dann kommt Sylvester doch. Aber
nur um sein früheres Leben abzu¬
schließen. sein Tagebuch, das auf diesem
ver¬
Schloß aufbewahrt wird, zu
brennen.
Er verbrennt es. Aber
dann sieht auch er Leonilda. Er will in
den nächsten Tagen eine Sängerin heira¬
ten, zu der er immer wieder zurückfand,
eine Sängerin, die sein Kind erwartet.
Und dennoch hält er um Leonilda an.
Der Kanzler entscheidet: wenn erst das
Kind geboren ist und Svlvester dann
immer noch Leonilda verlangt, soll sie
ihm gehören. Aber Lconilda, das Schick¬
sal entscheidet anders. Sie entscheidet
sich für Konrad, das Schicksal für Krieg.
Nochmals dringend zu Hof und zur Macht
berufen, will der Kanzler nunmehr an¬
nehmen, will, ein Freund des Friedens,
mit dem noch nicht feindlichen Gesandten
alies ordnen. Und es gelingt — aber in¬
zwischen sind die Heere nicht mehr zu
halten gewesen. Und in dem Rausch die¬
ser Ereignisse siegt die Jugend, siegt die
Tat. Selbst der Kanzler wird hingerissen,
Leonilda wird ihn an den Hof begleiten,
Feste des Sieges, des Friedens werden
folgen. Einsam bleibt Anselma auf dem
Schloß mit dem Weiher zurück. Es müßte
nicht Sehnitzler, müßte nicht dieser Dich¬
ter sein, wenn zuletzt nicht doch die
Skepsis. der Zweifel an diesem allen nicht
doch sein Wort oder doch seine Zeichen
bekäme. Wieviel Monate werden nötig
sein, dem Dichter Sylvester wieder zu
seinem Recht, zu seinem Gedächtnis zu
verhelfen, den Primat des Geistes über
die Tat wiederherzustellen? Gedächtnis..
Die irdische Erscheinung dieses Sylvester
Thorn hat sich im Weiher ertränkt.
„Der Gang zum We#her.“ dramatische
Dichtung in fünf Aufzügen ist vorerst
nur als Buch bekannt: als solches soeben
bei S. Fischer, Berlin, erschienen,