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28. Die SchuesternoderCasaneinSna
Ein neues Lustpiel Artur Schnitzlers.
Es nennt sich „Die Schwestern oder Casanova
in Spa“, und der Titel verrät, daß es in nächster
Nachbarschaft jener meisterlichen Novelle entstand,
in der Schnitzler jüngst von „Casanovas Heimkehr“
erzählte. Doch spielt es zwei Jahrzehnte früher.
Noch weiß der venezianische Abenteurer nichts von
Abschiedsschmerz und Alterssorgen, noch steht er —
berühmt, berüchtigt, geliebt, geschmäht, umschwärmt
und gefürchtet — in seiner Sünden Maienbinte, und
in Spa, dem Monte Carlo des achttehnten Jnhr¬
hunderts, wird er, da das Spiel anhebt, zum Helden
m vornermen
eines seltsamen Liebesstreites.
Gasthof, der eine bunte, nur vom Willen zu lust¬
vollem Vergnügen geeinte Gesellschaft beherbergt,
wohnen Wand an Wand zwei ungleiche Paare:
Andrea Bassi, ein reicher junger Mann aus Ferrara,
der die siebzehnjährige Anina entführte, da die Eltern
sich der Heirat widersetzten und der Baron Santis mit
Flamina, die zwar seine angetraute Gattin, doch
Abenteuern nicht abgeneigt ist, bei denen der Gemahl
je nach Laune und Vorteil bald den racheschnauben¬
den Ehemann, bald auch den gefälligen Vermittler
spielt. In einer Nacht nun, da die Herren am Karten¬
tisch sitzen, dringt Casanova durch das Fenster zu
Anina, die der Heimkehr Andreas harrt, und sie er¬
liegt seinen Schmeichelworten. Am Morgen beichtet
sie alles dem Geliebten. Doch just als dieser sich
zur blutigen Rache an dem Verführer anschickt, tritt
Casanova selbst harmlos lächelnd ein. Andrea war
im Spiel glücklich, Casanova ist aller Mittel entblößt
und erbittet ein Darlehen, um die dringenden Schul¬
den bezahlen zu können. Im Gespräche aber wird es
Andrea offenbar, daß Casanova von Flaminia er¬
wartet wurde und nur versehentlich zu Anina ge¬
langte. Und auch Flaminia erfährt gleich darauf von
diesem verhängnisvollen Irrtum. Während sie ver¬
gebens wartete, ward einer andern, was ihr zuge¬
dacht war. Empört, haßerfüllt stehen sich die zwei
Frauen gegenüber — in der Mitte der ratlose Andrea.
Der fühlt sich nun nicht mehr betrogen, da Casanova
selbst nicht weiß, daß Anina sein war. Doch diese
merkt, daß Andrea sie nur aus verletzter Eitelkeit
verlassen wollte. Sie fühlt sich frei, will Casanova
nacheilen, will seine Liebe nun bewußt erwerben.
Doch auch Flaminia will ihm nach, um ihm zu geben,
was sie ihm bereits gewährte und was er just durch
diesen Zufall nicht erhielt. Jede fühlt sich betragen
Der Streit scheint unschlichtbar, Flaminia geht!
chon mit der Dolchnadel auf Anina los, als Baron
Santis eintritt. Andrea faßt sich rasch: Es handelt
ich, so gibt er vor, um einen Disput poetischer Natur,
im die Lösung eines literarischen Problems —
darüber seien die Damen so in Hitze geraten. Der
Baron möge entscheiden. Und er trägt ihm den Fall
ein wenig verändert, novellistisch maskiert, vor.
Santis aber kann die Entscheidung nicht treffen und
indet, daß es für diesen Streitfall nur einen be¬
ufenen Richter gebe: Casanova.
Schon scheint es diesem, als sei der Streit ge¬
chlichtet und man könne zur Tafel gehen, die draußen
m Garten üppig gedeckt ist — da wird aus der Dich¬
ung wieder Leben. Andrca zieht den Degen und gleich
grauf auch Santis, der endlich sehend wird. Casanova
tellt sich ihnen. Schon klirren die Waffen — da stürzt
Teresa, die kleine Tänzerin, ein, die Casanova####
Kone Wiime Taghlatt, Wien
1
14. Oktober 1919.
vor drei Tagen in Brüssel sitzen ließ und die ihm
nachgeeilt ist. Vor dieser Dritten ziehen sich Flaminia
und Andrea geschlagen zurück. Einträchtig sieht man
sie bald darauf durch den Garten wandeln. Und Casa¬
nova besänftigt den immer noch schäumenden Andrea
und legt ihm nahe, sich mit Anina auszusöhnen.
Draußen lärmen die Freunde, lachen die Frauen,
Musik erklingt, Pfropfen knallen. Arm in Arm gehen
Casanova und Andrea zu Tisch.
Ein leichtes Spiel, das in Versen vorübergleitet,
die von Geist erfüllt, doch nicht beschwert sind und
iren sanftem Leuchten erhellender Lichtschein in
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