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27. Eink und Fliedersusch
G —
Bosnische Post, Sarajevo, Bosnen
27s9V1922.
Pdle Blultt—
(Arthur Schnitzler: Fink und Flleder¬
busch. KöHfONiE. (S. FISCHEF Verlag, Berlin.)
Die Buchausgabe der neuen Komödie
Schnitzlers, die bei ihrer Uraufführung im
Wiener Deutschen Volkstheater von der
Galerie mit Beifall, von der Kritik mit bei¬
nahe einmütigem Widerspruch aufgenommen
wurde, begegnet einem besonderen Inter¬
esse. Denn wer das Stück nicht geschen hat!
oder nicht sehen kann, wird es unbedingt le¬
sen wollen, um alle die Vorwürfe der Kunst¬
richter nachzuprüfen, da gerade Schnitzler
bisher der Wiener Kritiker Liebkind gewesen
war. Es sei gleich gesagt: das Buch bestärkt
das ablehnende Urteil. Die heitere Anekdote
von dem Journalisten, der in zwei gegnerischen
Blättern programmatische politische Artikel
schreibt, dabei natürlich mit sich selbst pole¬
misiert und dadurch in die groteske Situation
gerät, sich mit sich duellieren zu müssen,
diese Schwankpointe ist von Tristan Ber¬
nard viel besser benützt worden. Das Milieu
aber erst, mit dem Schnitzler den =Heldene
— ausstattete, ist einfach unecht, konstru¬
iert. Die Wiener Presse ist, bei allen Fehlern
und Schattenseiten einzelner Redaktions¬
stuben. weit entfernt von so viel käuflicher
Charakterlosigkeit, Sklavengeist und — ja!
von Dummheit, mit der Schnitzler seine
Journalisten belastet. Selbst der Dialog, der
auf der Bühne stellenweise so etwas wie
blitzte, erweist sich beim Lesen als mit Geist¬
Ersatz aufgeputzt. Dass das Stück bloss der
Galerie gefiel, sollte Schnitzler zu denken
geben. Ist nicht er just jener Wiener Autor.
der sonst seine Modeile und sein Publi¬
#u im Parkett, un Burgtheaterparkett sitzen
1.„ □
F. H.
box 33/1
el.——
Ausschrike mukches Centralblatt, Leipzig
4-OtZTR
vom:
„Schnitzler, Arthur, Fink und Fliederbusch. Komödie in drei Akten.
Berting 1917.S. Fischer. (8.) K 3.
Uraufführung im Deutschen Volkstheater zu Wien am 14. November 1917.
Das neue Stück von Arthur Schnitzler ist für seine
große Gemeinde eine arge Enttäuschung geworden. Es
wäre ja lächerlich, wollte man behaupten, daß der Journalis¬
mus von Gesinnungslumpen frei sei, wie sie wohl ein jeder
Stand aufweist, aber aus solchen charakterlosen Massen, wie
uns der Anatoldichter hier weismachen will, besteht der
deutsche Journalismus denn doch nicht. Im übrigen besitzt
das Stück keine Handlung und keine neuen Einfälle. Die
Figur des Schulnans Gustan Freytagsewig jungen und
noch immer mustergültigen „Joulrnalisten“ hat Sch. moder¬
nisieren wollen, hat aber dabei leider stark daneben gegriffen.
Ses Fliederbusch, ein junger politischer Mitarbeiter eines
demokratisch=liberalen Blattes, bekämpft sich selbst unter dem
Pseudonym Fink insolange in einem konservativ=klerikalen
Blatte, bis er von dem Sohne seines Chefs zu einem Duell
gedrängt wird. Fink soll sich selbst mit Fliederbusch schlagen.
Da setzt die Farce ein und zieht sich durch zwei Akte, bis
es sich endlich herausstellt, daß Fliederbusch mit Fink identisch
ist. S. verrät eine ganz unglaubliche Unkenntnis der journa¬
listischen Umwelt, witzelt und geistreichelt in der Exposition
viel herum, versagt aber später gänzlich. Die beste und
dankbarste Figur des Stückes ist der zapplige Reporter
Kajetan, aber leider ist diese Figur nicht genug tragfähig. Ein¬
Schnitzlerstück, auch wenn es so schwach ist wie das gegen¬
wärtige, bedeutet immerhin einen Kassenerfolg für ein Wiener¬
Theater und von diesem Standpunkte aus ist es zu ver¬
stehen, daß Direktor Wallner eine so tadellose Aufführung
herausbrachte. Die Darstellung war erstklassig, der Erfolg
Rudolf Huppert.—
am ersten Abend stark.