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17.4. Marionetten zuklus
Telephon 12801.
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Christiania, Genf, Kopenhagen,
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(Quellenangabe ohne Gewähr.)
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Vom Büchermarkt.
55
2
F Unter dem Titel Marionetten
erschienen im Verlag S. Fischer Berlin.
—) gibt Arthur
eh. M. 2.— geb. M.
8
schnitzler soeben drei Einakter heraus,
zendsten Gaben gehören. In
solcher kleinen Form hat der Dichter des
„Anatol“ von jeher seine geistreiche Heiterkeit,
seine skeptische Grazie und seinen Geschmack
am freiesten spielen lassen; und auch diese
drei Einakter haben genau die rechte Schwere,
Tempo und Maß. Der erste, „Puppenspieler“
ist noch ein richtiges kleines Drama; das
Marionetten=Motiv ist durin noch nicht in der
Form, sondern nur in der ethischen Dialektik:
ein Mensch, Künstler von Natur, aber nicht
von Kraft, glaubt, daß er einmal das Schick¬
sal zweier Freunde ganz nach seiner Laune
gestaltet habe, muß aber am Ende erfahren,
daß er im Grunde doch nicht der Herr, son¬
dern nur der Diener des Schicksals gewesen
ist. Im „Tapferen Cassian“ sind die Menschen
schon fast ganz auf die Marionette reduzier!;
nur ein schwacher, halb irritierender, halb ent¬
zückender Hauch von Realität ist noch auf ihren
Gesichtern. Der Witz sieckt durchaus in der
Form, und die Sachlichkeit, mit der uns er¬
zählt wird, wie ein Flöte blasender Liebhaher
an einem Degenstoß stirbt, indes sein Mäochen
mit dem Soldaten auf Abenteuer in die Welt
zieht, hat etwas Amerikanisches, aber ohne
Grellheit. In dem dritten Stück „Zum großen
Wurstel“ sprüht sowohl die formale wie die
rein menschliche Lanne in einem Feuerwerk aus.
Wir sitzen als Zuschauer vor einem Theater,
auf dem Zuschauer vor einem Theater sitzen.
Die Beziehungen bekommen etwas Traumhaf¬
tes, und wie am Ende die Zuschauer, die wir
sehen, in das ihnen vorgeführte Marionetten¬
spiel einbezogen werden, so auch die Zuschauer,
die wir sind, und wir scheiden von dem Stück
mit einer ganz tiefen, ganz lächelnden Nar¬
Onklichkeit.
box 22/10
Telephon 12801.
95
„ODSEIVER
I. österr. behördl. konz. Unternehmen für Zeitungs-Ausschnitte
Wien, I., Concordiaplatz 4.
Vertretungen
in Berlin, Budapest, Chicago, Christiania, Genf, Kopenhagen,
London, Madrid, Mailand, Minneapolis, New-York, Paris, Rom,
San Francisco, Stockholm, St. Petersburg.
(Quellenangabe ohne Gewähr.)
Ausschnitt aus:
13. 4. Breslauer Jeitung
vom:
1
Dramen.
schnitzler, Marionetten. Drei Einakter: „Der
Arthur.
spieke „Der tapfere Cassian“, „Zum großen
Wurstel“ (Verlag S. Fischer, Berlin). — Der Wiener Dichter, der die
deutsche Bühne in der zu Ende gehenden Spielzeit bereits zweimal be¬
schickt hat, gibt hier drei kleine Einakter, von denen die Berliner zwei, die
Wiener einen flüchtig auch schon auf dem Theater gesehen haben, zu einem
Büchlein vereinigt. Das ließ sich um so leichter machen, als die nämliche
höchstens im Ton und in der Form leicht
Lebensauffassung —
variierend — den drei Kleinigkeiten durchweg den Ton gibt. Diese
Lebensauffassung, man kennt sie bei Schnitzler, nähert sich der Kismet¬
weisheit des Orientalen und sieht dieses Dasein als einen dem unbeein¬
flußbaren Herrscherrecht einer hinterhältigen Macht unterworfenen Körper,
den unser Wunsch und Wille nicht regieren kann, sondern der von einem
unsichtbaren Puppenspieler willkürlich gelenkt wird. So wird der Mensch
zur Schachbrettfigur, zum Hampelmann. Und das Leben ist das Puppen¬
theater, auf dem er, in lächerlicher Verkennung der Tatsachen, zu schieben
glaubt und doch geschoben wird. Es ist gut und vornehm, daß sich
Schnitzler diese mürbe Philosophie von der Agonie des eigenen Wunsches
nur für seine spielerischen, melancholisch=witzigen Kleinarbeiten aufhebt, sie
jedoch im umfangreicheren Werk zum mindesten nicht glorifiziert. Denn
das Nietzschetum, welches die Energie des persönlichen Waltens als den
Mittelpunkt aller Lebenseinrichtungen angesehen haben will, beherrscht
den fertigen Menschen dieser Tage doch zu sehr, um eine Schätzung oder
auch nur eine Duldung so weichlicher Resignationsprinzipien ernsthaft
züzulassen. Wir sehen die Welt als Wille: nicht als knetbaren Teig
in unbekannten Riesenfäusten. . .. Ich sagte schon, daß Schnitzler anders
denkt und diese Auffassung — wenigstens hier — in einem halb weh¬
mütigen, halb spöttischen Lächeln äußert. „Dekadence“ lautet ja wohl
das Schlagwort. Aber nicht das leicht Tendenziöse ist der Clou dieser
knoppen, dramatischen Dreieinheit. Am amüsantesten, bestechendsten ist
die Gestaltung der Akteure des Puppentheaters, die von Fall zu Fall
immer mehr die menschliche Struktur, Blut. Puls, Atem verlieren und
schließlich ganz zu automatisch lenkbaren Schemengeburten erstarren. Der
„Puppenspieler“ gibt noch Wirklichkeit. Feststehende Gestalten, die
da waren, sind und sein werden, und denen nur die Resultate ihrer, wie
sie meinen, höchst festgefügten und sicheren Energien durch so ein vages
Zufallsspiel zum Gegenteil dessen verkehrt werden, was sie durchsetzen
wollen. Der „Puppenspieler“ der hochbegabte Poet, will einem kleinen,
zagen Freunde ein kurzes Glück schaffen, indem er ihm den Rausch einer
zunächst nur einseitigen Liebe beschert. Indessen nach Jahren ergibt sich,
daß er mit jenem Experimente zwar dem anderen das Leben haute, sein
eigenes aber stürzte. Denn jene Frau, die er dem Freunde in die Arme
führte, war die einzige, die ihn selber ernsthaft geliebt hat und wohl auch
seine inzwischen unterwühlte Existenz gehalten hätte, wie sie dann jene
des Freundes zu Stetigkeit und Sicherheit geführt hat. In dieser kleinen
Episode liegt das Grundmotiv von dem Unwesentlichen und Trügerischen
aller Pläne und Entwürfe ohne Predigertum, aber in einer sehr aparten
Entschiedenheit ausgeprägt. Und der Dichter stellt sich durchaus auf die
Seite des Getäuschten, von der Hoffnung und seiner eigenen Willenskraft
Blamierten und zuckt die Achseln über die vom Glücke Ausgezeichneten,
die gleichfalls lediglich durch einen Zufall Recht behielten und sich nun ihr
Haus selbst gezimmert zu haben wähnen. Stellt Schnitzler in diesem
Stücke noch ganz lebendige Wesen unter die Suprematie eines despotischen
Schicksals, so werden in der romantisch=transzendentalen Historie vom
tepferen Cassian“, die einen an sich ganz indifferenten Liebes¬
handel sehr kühn in das geheimnisvolle Licht magischer, übersinnlicher
Einflüsse rückt, die drei Mitspielenden völlig zu Statisten, unfreien Ge¬
schögfen, deren Glück sich — in Minutenfrist — in Unglück, deren Liebe
sich in Haß, deren Leben sich in Tod wandelt. Und in der Farce „Im
großen Wurstel“ stimmt Schnitzler über sich selbst und sein Berufs¬
leben jenes grelle Gelächter an, das sonst nur die Ironiker Shaw und
Wedekind kennen. Denn hier bringt er den Dichter, den Theaterdirektor,
das Publikum, die durchgängigen Helden des Theaters der Gegenwart als
leblose Marionetten einer Kasperlebühne, die in unablässigem Kreislauf
ihr närrisches Handwerk übt. Gewiß: ein mutiges Bekenntnis. Aber ich
hätte nach einem solchen nicht mehr den Mut, ein Stück zu schreiben und
aufführen zu lassen.
W. T.