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17.4. Marienetten— Zuklus
ihrer nur als Mittel zu irgend welchen anderen
folgreichsten zeitgenössischen Bühnenschrift¬
Zwecken bedient; der sie an unsichtbaren
steller seinem neuesten Werke den Titel:
d. h. dem leiblichen Auge unsichtbaren
„Marionetten“ gibt?
Fäden nach Belieben leitet; der in ihnen selbst
Es ist Arth
nitzler, der unter
keine durch ihn gewordenen Menschen erblickt,
dieser Gesam dei Ein¬
sondern nur eine Ausdrucksform für bestimmte
akter hat erscheinen lassen,") und weil es Ar¬
Pläne und Gedanken, denen er gerade durch
thur Schnitzler ist, möchte man doch nicht
die Wahl dieser Form die kräftigste Reso¬
glauben, daß eine solche trotzige Kämpfer¬
nanz glaubt sichern zu können. Die Figuren,
stimmung, ein solch brüskes Aufbegehren den
die er so zum Sprachrohr seiner Gedanken
Titel geboren hat. Derartige starke Impulse
macht, sind somit rein automatisch und den
liegen ja dem feinen, artistischen Aesthetizis¬
modernen Grammophon=Platten vergleichbar,
mus des Wiener Poeten gar zu fern. Seine
die gleichfalls sich darauf beichränken müssen,
schwache dramatische Struktur, die er im
das was ihnen anvertraut wurde, wieder ab¬
„Ruf des Lebens“ einmal tollkühn verleug¬
zuschnurren, und nichts Eigenes zum Aus¬
nen wollte — und darum wurde dieser „Ruf“
Druck bringen können, eben weil sie Maschinen,
so unartikuliert —, läßt viel eher die An¬
Konstruktionen von Menschenhand sind.
nahme zu, daß die Titelwahl eine Art von
Doch jene von den Dramatikern kon¬
captatio benevolentiae enthalten soll. Nach
struierten Grammophon=Platten sind weit
Eduard Devrients Definition hat die Ma¬
übler daran. Und das verschuldet die Realität,
rionette „kein inneres dramatisches Leben, es
in der sie vor uns hintreten. Da erscheinen
muß alles von ihr ausgesagt werden.“ Auf
sie uns ja gar nicht als seelenlose Maschinen.
die Gattung bezogen, also das Stück als sol¬
Vielmehr gewinnen sie vor unseren Augen
ches als Marionette bezeichnet, wäre damit
leibhaftige Gestalt, treten uns gegenüber in
eine Entschuldigung für den epischen Charak¬
Svoller, runder Plastik, in einer Erscheinung,
ter erbeten, und soll die Bezeichnung mehr den
die uns in ihnen Wesen von unserer Art ver¬
Personen gelten, so wäre damit ihre Schatten¬
muten läßt. Bis sie die Lippen öffnen und
haftigkeit als künstlerische Absicht hingestellt.
ihre Worte uns überzeugen, daß sie nicht von
Es erscheint nicht ausgeschlossen, daß Schnitz¬
Selbsterlebtem uns künden, daß durch sie ein
ler so nach beiden Richtungen durch seinen
anderer zu uns spricht, der sich durch sie
Titel einer in seinem Sinne richtigen Beur¬
maskiert und es nicht der Mühe wert erachtet
teilung vorarbeiten wollte. Doch ist es nötig,
hat, wohl auch nicht die Fähigkeit besitzt, ihnen!
diese Vermutung durch eine Betrachtung der
eine Seele einzuhauchen. Und so oft uns ein
einzelnen Stücke auf ihre Stichhaltigkeit nach¬
solcher, an verschiedene Sprecher verteilter
zuprüfen.
Monolog des Dichters begegnet — in der
modernen Dramatik geschieht es gar zu oft —,
„Der Puppenspieler“, Studie; „Der
reden wir gern von Marionetten, in Er¬
tapfere Cassian“, Puppenspiel; „Zum Großen
innerung an das alte Puppentheater, wo der
Wurstel“, Burleske. Man sieht aus den Gat¬
Direktor, statt selbst vor das Publikum zu
tungsbezeichnungen: die Gattung vergröbert
treten und ihm eine Geschichte zu erzählen, die
sich; aber damit ist zugleich angedeutet, daß
wirksamere Art des Dialogs bevorzugt, den
offenbar das Marionetten=Motiv, der Mario¬
er seinen von ihm willkürlich bewegten Puppen
netten=Charakter immer reiner, mit immer
in den Mund legt.
echterer Ursprünglichkeit und Naivetät sich
So leuchtet es also ein, daß, wenn wir
durchringt. Der Titel des ersten Stückes zeigt¬
die Figuren eines Dramas Marionetten nen¬
mit trockener Deutlichkeit die Tendenz. „Der
Puppenspieler“ — ein Mensch, der mit Men¬
nen, ein Tadel damit ausgesprochen werden
schen als Puppen spielen zu können glaubte,
soll, ein Mißvergnügen darüber, daß unsere
sie an seinen Drähten tanzen lassen wollte.
Hoffnung getäuscht wurde, in ihnen Wesen!
Das Schicksal zweier Freunde, eines Mannes
von unserer Art, bewegt von unseren Freu¬
und eines Mädchens, wollte er bestimmen.
den und unseren Leiden, zu begegnen. Und
Es war abgekartete Sache, daß das Mädchen sich
dieser Tadel muß um so schwerer in unserer
in den Mann verliebt stellen sollte. So wollte
Zeit wiegen, wo die Sehnsucht nach kräftigen,
er in ihm die Illusion des Glückes erwecken,
großen Menschen, nach ragenden, unverzagt
damit ihn — den Freund — das wahre Glück
kämpfenden und ruhmreich siegenden oder
bereit fände, wenn es einmal erschiene. Und
unterliegenden Persönlichkeiten im wirklichen
er, der ein Dichter ist, empfindet dabei: es ist
Mst Marionetten. ##1 7“
Leben wie auf dessen Spiegelbild, der Bühne,
ein edleres Vergnügen, mit Lebendigen zu
gleich verlangend und stürmisch durchbricht.
Es ist einer der beliebtesten, weil bündig¬
spielen, als Luftgestalten im poetischen Tanze
Klingts da nicht fast wie eine Herausfor¬
sten Schablonenausdrücke in der Sprache der
herumwirbeln zu lassen. Aber seine Puppen
derung, wie eine bewußte Verhöhnung unserer
Theaterkritik, wesenlose Bühnenwesen als
sind allmählich sehr lebendig geworden. Das
sehnsüchtigen Erwartungen, wie ein strotziges
Marionetten zu bezeichnen. Damit soll gesagt
von ihm eingefädelte Spiel wird für sie zu
werden, daß sie kein eigenes, inneres, not= Sichempören gegen das dem Dramatiker ge¬
wendiges, selbständiges, sondern ein Leben predigte Gebot der Menschen gestaltung,
allein von Dichters Gnaden führen, der sich wenn nun einer der meistgenannten und er=* Verlag von S. Fischer in Berlin.
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