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17.4. Marionetten Zyklus
Wert eher von Schmtler gedschtet wuncde. Jedensalermeine, es konmt ucht daraufan, wen die edenschaft
sehe ich in den „Marionetten“ eine Abrechnung des gilt, welchem Ding, welcher Idee, welcher Person —
Dichters mit sich selber, eine tragikomische Abrechnung nur auf die Ungeteiltheit kommt es an, nur die einheit¬
voller Galgenhumor.
liche Leidenschaft läßt den Menschen maskenlos er¬
scheinen. Aber gerade diese einheitliche Leidenschaft
„Wir spielen immer; wer es weiß, ist klug.“ Ich
denke, dieses Motto und Kernwort des Paracenus
kennt Schnitzler ja nicht; Spiel und Wahrheit, Traum
und Wachen fließen ihm ineinander; nie weiß er bei
wird man einmal vor Schnitzlers gesammelte Wirke
sich und seinen Gestalten, wo die Marionette aufhört
setzen können, weil es ja das Alpha und Omega seiner
Psychologie enthält. In ganz eigener Beziehung aber
und der Mensch beginnt — und darum ist mir der
steht dieser Satz zu den „Marionetten“. Hier wird Mann mit dem blauen Mantel und dem scharfen
sein Thema gleichsam contrapunktisch behandelt. Der
Schwert gerade in Schnitzlers Stück wirklich „der
Wunderarzt Paracelsus, der lächelnd jene Weisheit
Victor Klemperer. (
Unbekannte“ geblieben.
ausspricht, ist der Arzt und Seelenkünder Schnitzler
selber. Die „Marionetten“ erzählen von einem Mann,
der mit andern zu spielen glaubt, und nur mit sich selber
Tragikomödie spielt, indes die andern ihm mitleidig
zuschauen. Sie erzählen von einem Dichter, der Leben
und echte Menschen zu schaffen vermeint, und doch nur
Spielwerk und Puppen zu Stande bringt. Ich kann
mich über die beiden ersten Stücke das Buches kurz
fassen. „Der Puppenspieler“ ist das Drama eines
verkommenen Poeten, der das Versiegen seines Genies
vor sich selber bemäntelt, indem er von dem Kunst¬
werk in der eignen reichen Seele redet, von der inneren
Freiheit, die nicht vergeudet werden darf um des
leeren Ruhmbegriffes willen. Georg Merklin betritt
das Haus eines Paares, das er einst selber als
Schachfiguren seiner Lanne zusammengekoppelt hat,
und ahnt nicht, daß jene nun wahrhaft leben und sein
Scheinwesen bemitleiden.
Das zopfig groteske Puppenspiel „Der tapfere
Cassian“ varüert die erste Studie. Um eine Gleichung
aus Schnitzlers Werken aufzustellen, so verhält sich
der „tapfere Cassian“ zum „Puppenspieler“ wie der
„Reigen“ zum „Anatol“. Das Grundthema ist ge¬
blieben: der Held meint Marionettenlenker zu sein
und ist Marionette. Doch ist hier alles derbkomisch
herausgearbeitet. Aus ernst genommenen Charakteren
sind ironisch gemeinte Typen geworden. Der schwäch¬
liche Flötist Martin als betrogener Betrüger, die
wankelmütige Sophie, die eben noch ein Spielzeug
des treulosen Geliebten ist, und gleich darauf dem
muskulösen und großmäuligen tapferen Cassian an
den Hals springt, nachdem er ihren Martin erstochen.
Das eigentliche Sündenbekenntnis, von dem ich
sprach, tut Schnitzler in der Burleske, die den Be¬
schluß macht, in dem Einakter „Zum großen Wurstel“.
Der Dichter hält fürchterliche Musterung unter seinen
eigenen Gestalten, freilich auch unter seinen lieben
Mitmenschen. Marionettenvolk alles, was sich da im
Wurstelprater zusammendrängt. Dichter, Schauspiel¬
direktor und Publikum nicht minder, als die Puppen
auf der kleinen Bühne. Der „Bissige“ der „Wohl¬
wollende“, der „Naive“, der „Bürgersmann“ und die
„Madeln“
— sie sind alle auf ihr Sprüchlein geaicht
der Direktor sucht auf seine Kosten zu kommen, und
der arme Dichtersmann muß seine Puppen vor solchen
„Bestien“ agieren lassen.
Diese Puppen sind dem
Publikum Schnitzlers durchaus nicht unbekannt. Da
ist die Liesl:
I bin halt no ledig,
Und in Wien spielt die G'schicht,
So heißen s' mich süßes Mädel,
Ob is süast bin oder nicht.
Und die Herzogin:
Mir is einer zu wenig,
Ganz besonders mein Mann,
So sagen s' is bin dämonisch,
Hab' noch keinem was 'tan.
Und wie nun der „Held“, der „Raisonneur“ der
„Heitere“ der „Ernste“, der „Bräutigam“, der „düstere
Kanzelist“ hinzukommen und sich selbst charakterisieren;
und wie sich die Handlung entwickelt -
„so mach'
doch endlich aus mir, was ich will!“ sagt die Herzogin
zum zögernden Helden, und der Herzog erklärt: „Aus
jeder Karte schieß ich das Aß!“ und dem Liesl
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„wird schlecht", als es den Herzog sieht, und der
Bräutigam ist „von Brackenburg ein Vetter“ da Held
und Herzog mit dem Liesl fertig sind, nur der Rai¬
sonneur ist weiser als ein sophokleischer Chor, und —
und —— aus der „Liebelei“, aus der „Beatrice“
dem „Ruf des Lebens“, aus allem Guten und Bösen,
was Schnitzler geschrieben, scheinen da plötzlich die
Gestalten vor uns zu stehen, doch ihrer menschlichen
Freiheit beraubt, an Drähten hängend, zu Marionetten
geworden. Es ist ein grauenvolles und geniales