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Bieder ver¬
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box 22/10
17.4. Marionettenklus
I Le.,
emeage, Christiania, Genf, Kopen¬
hagen, London, Madrid, Mailand, Minneapolis, New-Vork,
Paris, Rom, San Francisco, Stockhiolm, St. Petersburg.
(quellenangabe ohne Gewähr.)
6 Ausschnitt aus:
0. JhT 10bär Bühnenbote. Char
g#bn Blehet“.
Breslau hat in der verflossenen Berichtswoche endlich
wieder einmal eine Uraufführung herausgebracht, neben der sich
auch drei Erstaufführungen bemerkbar machten.
Im Lobe=Theater ging nämlich unter dem Gesamttitel
„Marionetten“ ein von Spielleiter Franz Bonno mit anerkennens¬
wertem Geschick vorbereiteter dreiteiliger Einakter=Cyklus von
Arthur Schnitzler über die Bretter und fand eine verschiedene
„Aufnehssen
Denn „Der Puppenspieler“, eine intime wie undramatische
Studie, vermochte es lediglich zu einem Darstellererfolg zu bringen,
in dem sich Hugo Bauer, Josef Halpern und Clara Hammer
teilen konnten.
Keinen größeren Erfolg erzielte auch das von Rella Jauck,
Franzesko Sioli und Karl Walbauer in stimmungsvollem
Marionettenstil dargestellte Puppenspiel „Der tapfere Cassian“,
dessen Titelhelden als dem Stärkeren das Weib verfällt.
— Einen starken nachhaltigen Erfolg dagegen erzielte die
derbe Burleske „Zum großen Wurstel“, welche in köstlich=launiger
Weise die mehr oder weniger faden Eigenheiten der verschiedenen
Schulen und Strömungen in der neuzeitlichen dramatischen
Literatur verspottete und hierzu nicht weniger als 31 Darsteller
benötigt, unter denen Nora Decärli, Theo Plank, Richard Senius,
Karl Walbauer und Hermann Wolfram namentlich hervorgehoben.
zu werden nerdienen
die tschechisch=stoldenische —
erbräuch
getausschuß gegen die italienische Rechtsfakultät gestellt wird. Dies hange überemchen bemnderscheinsche iehrun un
hätte nicht standhalten können, wenn die Polen Regierung, sondern einzig und allein von den verbleibt. Ein Export von Mastvieh oder an¬



als bedeutungsvolle Grenzsteine an den äußersten Gegner, indem er mit Absicht den geringeren Stand¬
punkt einnimmt, dem sofort der höhere antwortet;
„Marionetten“.##Rändern dieser Kunst bestehen — größe Andenk a
er bezweifelt sozusagen #n unten hinauf, nicht von
an eine Zeit, da man bis hieher geirrt war und
oben herab. Gefährlicher ist dieses fragende Ein¬
„Der Puppenspieler", „Der tapfere Cassian“,
nicht weiter wußte. Indessen hat sich aber das
Drama wieder aufs Dramatische besonnen, bricht dringen in die Wirklichkeit seiner eigenen Personen
„Zum großen Wurstel“ von Arthur Schnitzler.
schon im „Paracelsus“, wo ein Wille den andern
Willen an Willen, stellt Menschen gegen Mensch¬
(Erstaufihrung am Neuen dillschel Theater.)
spurlos verschlingt, ein Gewissensinhalt vor aller
liches, gegen erkennbare Schicksale, in Bestimmun¬
gen, deren idealer Zielpunkt in dieser beseelten Welt Augen auf der Bühne fabriziert, gleichsam in der
Die Voraussetzung eines freien menschlichen
gefunden ist. Ein kleines Mißtrauen mag immer= Retorte des Experimentators hergestellt wird, zum
Willens, auf der die dramatische Dichtung bauen
hin zurückbleiben. Zweifelnde, weltauflösende Er= anschaulichen Beweis, daß ein inneres Schicksal
muß, um den dargestellten Schicksalen Sinn und
kenntnis überschleicht das sichere weltorduende Ge¬ auch künstlich erzeugt werden kann.
innere Notwendigkeit zu geben, war schon vom
Daraus ist zu erkennen, daß Schnitzler, der klug
fühl. Aber das sind Reizbarkeiten des Geistes, stille
Naturalismus, in dem Wahn seiner wissenschaftlichen
überlegene Logiker auch vor dieser letzten, außer¬
Mahnungen der Logik, die in Ironic und Witz ent¬
Arbeitsmethode, arg erschüttert worden. Und unge¬
dramatischen Kritik am tatsächlichen Bestande des
bunden werden können. Die große Bewegung des
fähr zur selben Zeit, als diese deterministischen Schick¬
einzelnen Willens nicht haltmachen kann. Aber da
Gefühls, die Kräfte, die zum Ganzen wirken, bleiben
falsdramen („Fuhrmann Henschel", Rose Berndt“)
er wohl selber spürt, daß sein dramatischer Trieb
unangetastet. Bei den raffiniert Gescheiten, deren
uns unsere Welt als ein sinnloses Abrollen uner¬
besonders zart, ja ein wenig blutarm ist, so behütet
Intelligenz auch im Fieber der künstlerischen
klärlicher Ereignisse zeigen wollten, stellte auch
er ihn, wo er kann, vor den Angriffen seines Witzes.
Empfängnis wacht, ist diese scharfe Oberstimme der
Macterliuck seine Puppen auf, die, ohne Willen und
Es ist nun kaum zu denken, daß dieser feindselige
kontrollierenden Logik am häufigsten und am deut¬
ohne Tat, von oben her durch einen Moment von
Verstand, der sich so reich und lebendig fühlt, reicher
lichsten vernehmbar; der Esprit in den Komödien
fürchterlicher, aber unerklärter Notwendigkeit hin¬
und lebendiger fast als die menschenbildende uns
Wildes, die Ironie bei Wedekind, die versteckten
durchgesteuert werden: symbolistisch. Schicksals¬
problemebauende Kraft des Dichters, sich ganz zum
Irreführungen bei Shaw.
dramen, Balladen in szenischer Leibhaftigkeit. (Man
Schweigen bringen ließe. Darum sind ihm — aus
Auch Arthur Schnitzler gehört hieher. Sein er¬
vergleiche zum Beispiel Kern und Aufstieg der Stim¬
instinktiver Uebung oder nach überlegtem Plan? —
wägender Verstand geht immer neben dem schöpfe¬
mung im „Erlkönig“ und „Tintagiles“.)
im Gesamtwerke Schnitzers seine besonderen Grenzen
rischen Justinkt einher, scheint sogar an maucherlei
Das hat zum Glück nicht lange gedauert. Denn
scharf gezogen. Er hat sein eigenes Gebiet, abseits
Stellen die Leitung zu übernehmen. Aber gerade
die trostreich große Weltbetrachtung, der gewaltige
vom lebenumhegenden Reich der feinen und wichtigen
Trieb, mit dem Höheren stolz erschauernd Aussprache darum, weil er oft die heikle und gewichtige Mission
Probleme, die zwischen Willen und Gewissen ge¬
zu halten, diese besondere persönlich erlebte Religion hat, den empfindlichen, leicht verwischbaren Einfall
sponnen sind. Dort drüben mag er sich nach Ge¬
auf seinen Wegen vorwärts zu bringen, wird er nur
des blutechten Dramatikers hätte zum wüsten Feti¬
lüsten tummeln und seine scharfen Zähne an der
selten zum kritischen Störer. Er stellt die recht¬
schismus oder zur seigen Götzendienerei entarten
Giftigkeit der allzu irdischen Dinge erproben. Im
mäßige Existenz und den unmittelbaren Willen der
müssen, wäre noch weiterhin der allein bestimmende
„Paracelsus“ also fing es an, wo das Gewissen
dramatischen Personen nie in Frage. Nur hie und
Wille in das unbeseelt Sachliche oder gar in die
und die Treue zernagt und der freien Ver¬
Finsternis des Namenlosen verlegt worden Jene da scheint er so zu tun: in den Einwürfen des
seltsam schönen Werke der dramatischen Verzweiflung, Schriftstellers im „Zwischenspiel.“ Aber auch da nur fügung entzogen worden sind. Dann taucht diese
des schmerzlich ausgetilgten Menschenwillens, bleiben mit vorsätzlicher Bescheidenheit, als leicht entkräfteter selbstmörderische Dramalikerlaune in „Literatur“