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vom
Ki
Theater und Musik.
G. Z. Das Bunte Theater des Herrn Baion von
[Wolzogen konnte am Freitag bereits das Jubiläum der
50. Aufführung feiern. Das Bunte Theater hat einen Erfolg
errungen, wie ihn selbst der größte Optimist nicht voraus¬
zusagen gewagt hätte. Es ist Mode geworden. Das Haus ist
fast allabendlich ausverkauft, in privaten Kreisen, auf Bällen,
bei Liebhaberaufführungen gehoren jetzt Ueberbreti'l=Nach¬
ahmungen oder Vorträge aus dem Programm des Ueber¬
brett'l zum nothwendigen Erforderniß. Es ist gekommen, asire
Fi wie des hier s. Z. bei der Anzeige der deutschen Chansons #to
ilbar
vorausgesagt wurde, die Musik hat selbst so faden Versen wie graus.
Bierbaums „Lustigem Ehemann“ zu großer Wirkung verholfen.
Das Bunte Theater ist der größte Erfolg des Winters. Freilich ist das
ist es nicht jenes Ueberbrett'l, das den Gründern vorgeschwebt es den
auhat. Was sollte auch genialer Uebermuth und phantastisches,
Aherzentrisches Gebahren vor einem Bourgeoispublikum, auf das
man nun doch, des guten Geschäftes halber, angewiesen ist! en
Das Bunte Theater ist ein Familien=Variété geworden oder #
Inwenigstens auf dem besten Wege dazu. Alles, was gefällt, ein
b jwas unmittelbar einschlägt, wie eben der „Lustige Ehe=
womann“, oder „Die Musik kommt“, oder das neue Lied
devon der „Haselnuß“, das am Freitag von Frl. Bradsky
wiund Herrn Koppel (bereits im Kostüm des „lustigen
Ehepaars“, das, wie man mit Recht vorausgesetzt, als Zu¬
gabe verlangt wurde) ganz allerliebst gesungen wurde — also
was unmittelbar einschlägt, trägt durchweg den Charakter des
Gutbürgerlichen; leichte Waare, aber nicht so gänzlich des
*Gehaltes baar wie die meisten Kouplets unserer Variétés, in
deren Rahmen jedoch alle jene Lieder durchaus passen würden.
Eine gewisse Veredelung des Variété wäre damit also erreicht.
Es fehlt auch nicht an Vorträgen von künstlerischer Eigenart,
und in dieser Beziehung ist das gegenwärtige Programm besser
ausgestattet wie das des Anfangs. Es treten jetzt auch einige
Dichter auf, die ihre Verse selbst vortragen: Herr Pserhofer
trug einige Epigramme vor, die zum Theil recht witzig waren,
und Herr Hans Heinz Evers ein paar Thierfabeln, in denen
sich ein kleines, aber zweifellos eigenartiges satirisches Talent
zeigt, zumal in der letzten, deren Vortrag der Dichter Herrn
v. Wolzogen überließ — nicht zu seinem Nachtheil, denn dieser
bewies in der That ein ungewöhnliches Geschick, jede Spitze
in schärfstem Lichte erglänzen zu lassen. Eine eigenartige Gabe
war das Bild aus dem Landstreicherleben „Die Tippel¬
schickse“, das Hans Ostwald, selbst einst reisender Handwerks¬
bursch und Verfasser eines Romans „Die Vagabonden“
verfaßt hat. Als Episode in einem Roman hätte man
dieses tragische Chausseegraben=Idyll allenfalls hin¬
genommen, von der Bühne herab berührt es rein abstoßend,
zumal die Darsteller, bei aller Mühe, die sie sich gaben, nicht
über einen gekünstelten Naturalismus herauskamen. Eine
Schickse — Femininum zu Schäcks — heißt im Rothwälsch
eine fahrende Frau, und das Walzen auf der Landstraße
nennt der Landstreicher „tippeln“. Daher der Name. Eine
Tippelschickse, die mit ihrem Schäcks fechtend herumzieht,
trifft auf der Landstraße ihren einstigen Mann, der jetzt auch
sicht. Schäcks und Ehemann fallen erst übereinander her, aber
die Schickse bringt sie auseinander, und man beschließt endlich,
zu Dreien weiter zu fechten. Es fehlt der Skizze an dem
grimmigen Pathos, durch das diese Menschen aus dem
Schmutze der Landstraße in die Sphäre der Kunst,
als erschütternde soziale Typen emporgehoben werden
könnten. Ob sie richtig beobachtet und wiedergegeben sind,
darüber vermag ich nichts zu sagen, denn ich habe nie
Die Haupt¬
„getippelt“ weder mit noch ohne Schickse
aufmerksamkeit richtete sich auf die letzte Gabe des Programms,
einen „Spaß“ von Arthur Schnitzler, zu dem sich der
Vorhang erst gegen 10¾ Uhr theilte. Das Programm muß
also um mindestens ein Drittel gekürzt werden. Schnitzler
parodirt hier das Theater. Er läßt seine Personen als
Marionetten an Schnüren auftreten und zeigt die Schnüre
auch in dem inneren Bau des Stückes und der Charaktere.
Aber man kommt nicht über den Eindruck des
Gemachten hinaus. Schnitzler ist nicht der Mann der
überquellenden grotesken Phantasie. Er hat ganz hübsche,
witzige Einfälle, aber der Uebermuth fehlt. Einige Mal wirkt
die Satire fast lehrhaft, das heißt langweilig. Es schadete
dem Stückchen auch, daß es so spät gespielt wurde, als man
bereits müde war. An Lorbeerkränzen und Blumenarran¬
gements ward ein ganzer Garten auf die Bühne gereicht.
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Ausschnitt aus:
Prager a
vom /07270 0
— Ein Puppenspiel von Arthur
[Schnitzler. Wolzogens Ueberbrettl in Berlin hatte
(Freitag seine 50. Vorstellung. Wie wis bereits mit¬
getheilt, wurde an dem Abend „Die Marionetten“.
ein Spaß von Arthur Schnitzler zum ersten Mal
aufgeführt. Auf einem Marionetten=Theater im Wurstel¬
prater spielt sich in ganz kurzer Zeit ein großes Drama
ab. Die handelnden Personen sind typische dramatische
Figuren wie Liesl, das „süße Mädel“, der düstere
Kanzlist, ihr Vater, der von Stimmungen beeinflußte
inclusive
Für
50 76 Held, der Raisonneur und Andere. Alle Personen hängen
Porto
an Drähten und machen Marionetten=Bewegungen. Der Zahlbar
200
geistvolle dramatische Scherz fand vielen Beifall trotz m Voraus.
500
der mangelhaften Aufführung.
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