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Merklin lebt nämlich in dem Wahne, Besitzer
telepethischer Kräfte zu sein, Menschen durch Ge¬
dankenbestrahlung in ihren Entschlüssen bestim¬
men zu können.
(Seitdem man das Fernlenkboot erfunden hal,
ist diese Idee aus der Literatur in das Technische
zinübererlöst worden.)
An einem glühenden Abend, einmal in der Ju¬
end, hat sich Merklin, der mit Freunden und
reundinner in den Wienerwald gepilgert war,
anz prononziert als Anwalt des Lebens gefühlt.
(an hatte sich mit Merklin verwechselt, und Merk¬
in lagerte im großen Rosa des Abends, wie Gocthe
uf dem Bilde des Tischbein lagert, mit dem Lyn¬
eusauge ober der steil gesenkten Nase, das Pathos
n der herablehnenden Hand, wie ein vornehm¬
achlässiges Taschentuch. Um ihn schwärmten die
fädchen. Zwei davon zielten auf ihn. Eine da¬
on spürté er. Da sah er seinen Freund Jagisch
lasitzen, schüchtern, dunkel, voll Feigheit
vährend das Blut der Mädchen strahlte. Da fühlle
ferklin die erhabene Verpflichtung, das Oulsider¬
tom: Jagisch dem Kosmos einzuverleiben, c5
anisch zu machen, und aus der Uberfülle der
Mädchen, warf er ihm eines an den Hals. Es soll
hm Liebe, vorspielen, ihn mutig machen, sein
selbstbewußtsein wecken
Merklin reckt den Willen zu Macht.
Anna hieß diese Ariadne. Und nun kommt
Merklin zurück, und sicht, daß Leben geworden
st, aus seinem Imperatorenspiele. Die, die er nur
als Stimulans dachte, ist Jagisch Weib geworden.
Die Puppe hat die Dröhte zerschnitten, und mensch¬
liche Figur angenommen. Und über dem Puppen¬
spieler gibt es noch einen Regisseur... Ist das
nun „Wahrheit“ schlechthin, oder nur eine ihrer
sphärischen Flächen?
Als Kunstwerk erkenne ich diesen wehmüti¬
gen, szenischen Aphorismus nicht an. Als Schnitz¬
lers persönliche Erfahrung? Dies anzunehmen,
bin ich allzu diskret.
Was bleibt?
Zeitströmung. Die Claque als Kriterium,
Resignation als Weltanschauung. Wir sind in
Wien. Dem zukünftigen Venedig, wie Bahr sagt.
Dann hören wir den „Tapferen Cassian“.
Der ist beinahe eine neue Gattung. Die, der
humorvollen Satire. Die Frage ist nur: wozu war
der Dichter zu schwach? Zum Humor oder zur
Satire? (Kompromisse entstehen durch Zellrei¬
bung.)
Aber auch in diesem Akte sehe ich ein Kom¬
pliment vor der Zeitströmung. (lbsens Kleinbür¬
ger sagen: „Lokalverhältnisse.)
Man weiß, vornehmlich aus Strindberg, es gehl“
gegen das Weib, gegen die Wissenschaft, gegen das
Männchen. Voilá.
Schnitzler. den der Golfstrom berührte, will
nun auch seine Gegnerschaft „abreagieren“ und
tut dies im Spiele dreier Karrikaturen. Und zwar
so: Ein junger Leichtfuß, Falsch- und Flötenspie¬
ler (diese sentimentale Vorliebe für Blasinstru¬
mente!) ist im Begriffe, sein Mädchen zu verlassen,
um einer Tänzerin nachzureisen. Da erscheint,
knapp vor der Poststunde, sein Veller Cassian. Er
nimmt ihm das Weib weg. obwohl es schon ver¬
Jassen ist, er nimmt ihm sein Geld ab, womit er
zur Tänzerin reisen wollte, und sticht ihn überdies
tot. Das Weib will mit Cassian gehen, er aber
hat aus dem Nachlaß des Sterbenden auch noch die
Tänzerin übernommen, und will auch diesen Vor¬
sprung dem Toten abjagen.
Ein Spiel. Ein gutes sogar. Aber warum
schreit der Dichter nicht „verité?“
Wedekind haut auf den Tisch, Schnitzler !
Dre dome dine unne
punkts. Sie ist unnötig. Die Stücke sind gul, die
Technik zu wählen, internste Angelegenheit des
Dichters.
Das Publikum war eigentlich begeistert, So
applaudiert man in Paris Herrn Bataille oder
Brieux. Notre poéle. Von den Schauspielern
möchte ich keinen hervorheben. Sie hatten alle
den Stil dieser Stücke, Sie hatten es nicht nötig
„J’accuse“ zu rufen, noch pathetisch zu sein.
Paris von Gütersloh.
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