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17.3. Zum gi seh stel
Teit. Wirr
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* Das „Große Würstel“ von Artur
Blättern Gerüchte verzeichnet wurden, Tolstois
Schujtler. Sie kennen dieses Werk unseres
berühmter Herrensitz Jasnaja Poljana
sei von den Bauern erpropriiert worden, wird
heimischen Dichters nicht? Ich muß Sie für
literaturunkundig halten! Hätten Sie doch
es interessieren, zu erfahren, daß sich diese Ge¬
wenigstens die Morgenausgabe des Berliner
rüchte als unbegründet erwiesen haben. Ganz im
Börsen=Couriers vom 6. Juni 1918 gelesen, in
Gegenteil hat Tolstois Witwe, die den Herrensitz
dem über die Erstaufführung des Puppenspiels
seit ihres Mannes Tode bewohnt, erst kürzlich
„Zum großen Würstel“ von Artur
einen schönen Beweis der Treue empfangen, mit
Schnitzler in Dresden eine spaltenlange Kritik
der die Dorfbevölkerung das Andenken ihres
zu finden war, und in der es unter anderem
verstorbenen Mannes bewahrt. Am ersten Öster¬
tag kam die ganze Bevölkerung, mit dem ört¬
hieß: „Immerhin eine geistvolle Spielerei auch
dieses „Große Würstel..., „. eine
lichen Bauernrat an der Spitze, um die Gräfin
Blüte von sehr wienerischem Duft“, „... ziem¬
zum Feiertag zu beglückwünschen, und bat sich
lich in ihren Säften erhalten“. Ja es wird sogar
die Erlaubnis aus, mit ihr Gottesdient an Tol¬
darin vom „Wiener Würstelprater“ ge¬
stois Grabe abzuhalten. Nachdem die Anwesen¬
sprochen! Sie erinnern sich eines derartigen
den knieend das Lied „Ewiges Gedenken“ ge¬
Werkes Schnitzlers noch immer nicht? O, Ihr
jungen hatten, teilte eine besondere Abordnung
schlechtes Gedächtnis! Oder haben Sie Druck¬
der Gräfin den Beschluß des Bauernrates mit,
fehler im Kopf und das Puppenspiel Artur
Tolstoi ein Denkmal im Orte zu errichten. So¬
Schnitzlers etwa unter dem Titel „Zum großen
weit mir bekannt ist, ist es das erstemal, daß
Wurstel“ im Gedächtnis? Aba! Sie be¬
russische Bauern ihrem verstorbenen Herrn eine##
haupten also, daß das Stück „Zum großen
solche Ehre erweisen, was unter den jetzigen
Wurstel“ heißt. Sie haben recht! Denn Sie
Verhältnissen eine ganz besondere Bedeutlng
4
wissen, was der Wiener unter einem Wurstel
hat.
(sprich: Wurschtel) versteht. Aber unser lieber
reichsdeutscher Bruder vermag sich unter einem
G Hu
Wurstel einmal nichts vorzustellen. Bloß von
O Ein Operettenabend in Halle. Aus Halle schreibt
saftigen Wiener Würsteln hat er einmal ge¬
unser Mitarbeiter: Am Sonnabend wurde in Form eines Wohl¬
hört, und da meint er nun wohl, daß auch unser
len.
tätigkeitsabends für die Hinterbliebenen gefallener Flieger im
Volksprater seine allgemein übliche Benennung
zen,
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Stadttheater die Operette „Die glückliche Insel" Text von Oscar
G
von den Würsteln ableitet und Würstelvrater j8
Blumenthal, Musik nach Motiven Offenbachs von Leopold Schmidt,
heißt. Und so verarbeitet er den Wurstel zu
zur Aufführung gebracht. Vorher hielt Dr. Leopold Schmidt einen
einem saftigen Wiener Würstel, dem er ein
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einleitenden Vortrag über die „Operette und ihre Komponisten“.
Loblieb singt. Am nächsten Tage freilich eine
An der Aufführung und an den, Vorstellung und Vortrag ergänzen¬
Berichtigung: „ durch ein Versehen des
den Gesängen beteiligten sich Editha Fleischer, Mary Hagen,
Setzers wurde durchweg anstatt vom Wurstel 2
Julius Lieban, Adalbert Lieban und Walter Rieß, die letzteren beiden
vom — Würstel in der Kritik gesprochen.“
Künstler aus Halle. Erfolg und Beifall waren groß.
Na ja! Hat aber auch der Setzer die Sätzejw
O Theater im Reich. Aus Dresden telegraphiert unser
vom „Saft der Würstel“ und vom „Duft der jd,
Korrespondent: Artur Schnitzlers einaktige Burleske „Zum
Würstel“ hineingeschrieben? Das bleibt ein;
großen Wurstel“ ein heiter=buntes Spiel, gewürzt mit Irome
großes Würstel in Form eines Fragezeichens...
und Satire, und von Hanns Fischer lebendig inszeniert, hatte im
Tolstois Andenken. Emanuel Hansen, 8
Aus
königlichen Schauspielhaus großen Heiterkeitserfolg.
der dänische Tolstoi=Uebersetzer, schreibt
Braunschweig wird uns berichtet: Zur Erinnerung an die
Politiken: „Da in der letzten Zeit in russischen !R
Gründung des Braunschweiger Nationaltheaters vor hundert
Jahren, aus dem später das Hoftheater hervorgegangen ist.
wurde am 1. Juni Goethes „Faust“ (I. Teil), der bekanntlich seine
Uraufführung im Jahre 1829 in Braunschweig erlebt hat, in, einer
Neueinstudierung des Oberregisseurs Cserwinka aufgeführt.
Tags zuvor hielt der Dramaturg des Hoftheaters. Dr. H. Grußen¬
dorf, einen Vortrag über „Faust“=Probleme in Goethes
Tragödie und in der Bühnendarstellling. unter besonderem
Hinweis auf die erste „Fust“=Aufführung in Braunschweig. —
Der Herzog vos Braujschbeig verlieh dem Hofschauspieler
Heinrich Heinem'ay'n das Ritterkreuz zweiter Klasse vom
Wien, I., Concordiaplatz, ,Nr. 4.
Orden Heinrichs des Pöwen. — Für das Hoftheater in Mann¬
Frankfurter
[heim wurde Marse Petri verpflichtet.
15 19 Frankfurt a. M.
22 Wohltätigkeitskonzert. Ein Konzert zum Besten der Char¬
lottenburger Hauspftge Efreute sich guten Besuches. Die Kosten
= [Theater und Kunst in Dresden.] In der letzten
der Unterhaltung besthitt zum größten Teil Conrad Ansorge.
Mittagsaufführung der Kgl Schauspielhauses wurde
Er spielte mit gewohnthn Eifolge Mendelssohn, Schubert und Liszt,
Arthur S# Burleske Zum großen Würstel“
Mozarts Sonate für zei. Kaviere, bei der seine Gattin, Mar¬
halb mit ironischem Verständnis, halv mit naivem Spaß an
garete Ansorge, als ebenbürtige Partnerin mitwirkte, und mit
dem zappeligen Durcheinander der Puppen, Zuschauer auf und
Eugenie Stolz=Premysllav Beethovens Cellosonate in A.
vor der Szene der drei unrealen Wirklichkeiten, aber im ganzen
Hugo Becker hatte abgesagt, desgleichen Lula Mysz=Gmeiner. Da¬
heiter und dankbar begrüßt. Ein Dichter mischt Romantik,
für trat ihre Schwester, Ella Klein=Gmeiner, ein und sang,
Selbstverspottung, Satire und Gefühltes auf drei Ebenen der
von Eduard Behm trefflich begleitet, Lieder von Schubert und
Illusion, läßt im Wiener Prater die Philister ein krampfhaft
Löwe, die ihr viel Beifall eintrugen.
auf tiefer Bedeutung gestimmtes Marionettentheater bestau¬
nen und bekritteln, läßt einen literarischen Seutenzenjäger
In der medizinischen Fakultät der Berliner Universität hat
dazwischen plärren, einen Genus des Schicksals Schwerthiebe
sich dieser Tage ein neuer Privatdozent habilitiert, der Berliner Nerven¬
arzt Dr. Franz Leopold Bürger. Dr. Bürgers Fach ist die ge¬
gegen sichtbare und unsichtbare Drähle führen sogar den Tod
richtliche Medizin, er ist Assistent an der von Geheimrat Straßmann ge¬
selbst als Würstel das Chaos vermehren und zerzausen. Ein
leiteten prattischen Unterrichtsanstalt für Staatsarzneikunde. In keiner
auf künstliche Schauensfreude spekulierendes Gleichnis, eine
Antrittsvorlesung behandelte Dr. Bürger das Thema „Krieg ung ge¬
witzige Paraphrase über das Thema Schein und Sein: „Was
richtliche Medizin“.
für ein toller Spuk! Wer schützt mich vor den eigenen Schein¬
gestalten?“ ruft der Dichter selbst schließlich vor Entsetzen aus.
Ihm antwortet der Chor der Puppen: „Ei, nun tun wir, was
wir wollen! Reden, singen, tanzen, tollen! Publikum ist uns
egal — Alles geht nach unsrer Wahl!" Die halbe Stunde, in
WRR
der uns eine Poetenlaune durch die bunten Wiesen und
Gründe seiner Phantasie jagte, ist schnell genug vergangen.
Eine ungemein witzige Regie und die sprudelnde Munterkeit
der Schauspieler vollendeten den Erfolg.