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16. 4. Literatur box 22/3
der Gertedte belt geit. er
vor sich — im Tode Vergessung zu suchen. Aber
vorher will sie Abbitte tun bei dem Gatten, der
allein uneigennützig und entsagend ihr Liebes erwiesen.
Aber es dünkt ihr eine ungeheuerliche Zumutung,
von dem so schwer Gekränkten Verzeihung zu er¬
langen, sie stürzt sich vom Turm hinab, und nun
als sie bereits in seinen Armen mit dem Tode
ringt, findet sie die richtigen Worte und das rechte
Verständnis für ihr und sein Wollen und Fühlen
mit anderen Worten — das Glück. Die alte
Geschichte. La vie est brève: un peu d’espoir,
un peu de reve, et puis — bonsoir. Und so
geht die kleine, reine Menschenblüte, die unter dem
Druck der trivialsten Alltäglichkeiten ein eigen¬
artiges Traumleben geführt hat, aus dessen Naivi¬
täten zuweilen ein fast hellseherisches Hinabgreifen
in die Tiefen der menschlichen Seele spricht, „laut¬
los“ dahin, wie „nur Sterne fallen". Es ist ein
spannendes Stück, und ein kluges und feines dazu. Und
abgesehen vom farbenprächtigen, finnlich berauschten,
effektvollen 2. Akt, liegt etwas ausgesprochen Stilles
und leise Sinnendes über dem Ganzen ausgegossen,
leuchtet auch in den Schönheiten des Dialogs immer
wieder auf, und dieser Charakter der Dichtung
weckt die Empfindung — ihr eigentlicher Platz wäre
in einem kleinen, stilvoll eingerichteten Theater, vor
einem kleinen, intimen Hörerkreise....
Etwas stilles und sinnendes liegt auch in den
beiden Hauptfiguren der Dichtung, dem Kaufmann
und seiner jungen Frau. Der erstere hat etwas
von dem Horatio an sich, der war, „als litt er
nichts, indem er alles litt“ und ebenso „untragisch“
ist, bei aller Leidenschaft ihrer Empfindung, die
„lautros“ glückliche, leidende und sterbende Sobelde.
Ich glaube daher, dieser Grundeigenschaft der
letztern hätte Frau Ermarth in ihrer sonst
trefflichen Darstellung auch mehr Rechnung
wohl sind die Prüfungen,
tragen sollen, —
denen das Mädchen unterworfen wird, schwer, aber
sie können auch weniger heftige, stillere Ausdrucks¬
formen annehmen. Die fast hoheitsvolle Ent¬
sagungsgröße des „reichen Kaufmanns“ wußte Herr
Becker im ganzen gut durchzuführen, sprach aber
leider fast durchweg sehr undeutlich, was bei seinem
sonoren Organ besonders auffallen mußte. Eine
effektvolle, levensprühende Gestalt war die Gülistane
in der sicheren Hinstellung des Frl. Herter
welcher Herr Oeser als Assad trefflich sekundierte.
Mit guter Charakteristik gab Herr Leßmann den
alten, lüsternen Wucherer Schalnassar. Die Regie des
Herrn Klein hatte für eine koloritvolle Aus¬
stattung und ein gutes Ensemble Sorge getragen.
Der letzte der unter dem Titel „lebendige
Stunden“ zusammengefaßten vier Einakter Schnitz¬
lers — „Litteratur“ kam gestern zu einer
sehr gelungenen erstmaligen Aufführung, an der
Frl. Herter als Margarethe, Herr Harp¬
recht als Gilbert und Herr Becker als
Clemens teilnahmen. Das kleine, charmante Stück
ist ein wahrer Sprühregen von feinem, aber recht
bissigem Humor, in dem sich „Weltmann, Literat
und Dilettantin heiter durcheinanderschlingen und
ironisch um einander wiegen". Was will das
Stück denn aber? Es sagt uns, freilich in einer
Weise, als wolle der Verfasser uns ein wenig
zum Besten haben, daß der Dichter, der Künstler
schlimm dran tue, wenn er seine „geheimsten
Seligkeiten, seine Schmerzen, alles ausstellt":
und daß doch eine „lebendige Stunde“ viel mehr
ist als je ein Gedicht, ein Roman, ein Gemälde
so kann man dagegen
sein können. Aber
— und das sagen uns auch die übrigen
fragen
wer lebt sie denn je,
drei Einakter Schnitzlers
die lebendigen Stunden, die doch eigentlich erst in
der Erinnerung lebendig werden, in der Erinnerung,
die ein Gedicht, ein Roman, ein Gemälde künst¬
lerisch zum Ausdruck bringt, lebendig macht?
Und das Leben — wird es uns nicht so recht
eigentlich erst in der Todesstunde klar — wie das
in dens Letzten Masken“ dargetan wird — mit all'
der Achtigkeit seiner Leiden und Freuden, die
schließlich auch nur Litteratur“ sind..