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16.4. Literatur box 22/3
dar die Kammerselngergee A enen
sänger nicht so anständig wäre, so könnte jetzt in dem Hotel¬
zimmer ewtas passieren. Einen Kuß will sie, aber schließlich
ist sie auch mit einem Bild zufrieden. Kaum ist der Kammer¬
sänger dieser Belästigung ledig, so stürmt der alte Professor
Dühring mit seiner Opernpartitur herein. Seit acht Tagen
lauert er auf dieseen Augenblick, zwei Stunden ist er eben im
Regen auf der Gasse gestanden, ohne naß geworden zu sein, und
jetzt hat er den Kammerdiener überlistet, indem er sich auf dem
Klosett versteckte, und nun ist er da und muß dem Kammer¬
sänger seine Oper vorspielen, denn der Sänger soll diesem ver¬
kannten, unter Warten und Hoffen weiß gewordenen Mann end¬
lich dazu verhelfen, daß seine Oper aufgeführt werde. Aber der
Kammersänger hat ja keine Zeit, muß abreisen und muß doch
seinen Tristan studieren. Nützt nichts, er muß sich die Partitur
vorspielen lassen. Anstatt den Alten glatt hinauszuwerfen, er¬
gibt sich der Sänger in sein Geschick. Und nun — erschütternd
schön, rührendste Minuten dieses Abends — krächzt der Alte
sein Werk vor, findet sich selber darin nicht zurecht, nützt diese
langersehnte Viertelstunde schlecht, kläglich schlecht. Der Kam¬
mersänger ganz ungerührt, gibt ihm keine Hoffnung, sondern
will ihm Geld geben, das aber zurückgewiesen wird. Der Kam¬
mersänger, ehe er entdeckt wurde, Tapezierergehilfe, hat andere
Begriffe von der Kunst als der arme Alte. Wir Künstler, sagt
er, sind ein Luxusgegenstand für die Reichen. Das Gefühl der
Zur=Künst=Berufenseins ist ein Unsinn. Arbeiten! Singen, wenn
man Stimme hat und schon entdeckt ist, sonst Tapetenkleben!
Aber nicht zwei Stunden im Regen auf der Gasse stehen! — Da¬
macht sich der Alte enttäuscht davon.
Neuer Auftritt. Helene hat den Kammerdiener, der ihr den
Eintrikt verwehren wollte, einfach geohrfeigt und ist nun da.
Heftig erregt bestürmt sie den geliebten Sänger, sie nicht zu
verlassen, sie mitnehmen. Sie ist die schönste Frau der Stadt,
reich, Gattin eines angesehenen Mannes und Mutter zweier
Kinder. Sie kann von dem Sänger, der sie, wie hundert Frauen
vorher, in Besitz genommen hat, nicht lassen. Sie kriecht winselnd
vor ihm auf dem Fußboden herum. Vergeblich ist all sein Zu¬
reden, all sein Vorstellen, sein Erinnern an ihre Kinder. Er darf
sie nicht mitnehmen, denn in seinem Kontrakte heißt es, daß er
weder heiraten, noch in Damengesellschaft reisen dürfe. Und in
ein paar Minuten geht sein Zug. Also, nur raschen Abschied. Da
schießt sie sich eine Revolverkugel in den Kopf, diese Mutter
zweier Kinder. Der Kammerdiener schreit nach einem Schutz¬
mann, der ihn verhaften möge, damit er vis major nachweisen
könne, denn nur eine solche kann ihn vor dem Vorwurfe des
Kontraktbruches retten. Vorhang.
Der Kammersänger ist das tragikomischeste Bild eines von
fremden Eigennützigkeiten bedrängten Künstlers. Eine Ster¬
bende hört einen Witz und ein sonst immer pünktlicher Sänger
versäumt zu guter letzt doch noch seinen Zug. Unzulänglichkeiten
überall im Leben. Man soll nicht damit rechnen, iemals seinen
Zug zu erreichen, und zwei Kinder sollen nicht allzu sicher dar¬
auf hoffen, ihre Mutter zu behalten.
Gräßlich ist es immer wieder, zu sehen, wie wenig dieser
Dichter an das Leben glaubt. Aber gräßlicher noch, wie sehr er
uns um unseren Glauben an das Leben beneidet.
Herr Reimers spielte den Kammersänger und stattete ihn.
überall, wo es irgend anging, mit Zügen zur Wärme und Güte
zus. Herr Staßni etablierte sich wie gewöhnlich als Schau¬
spielerdichter auf eigene Faust und sang aus einer Partitur vor,
in der das vieltönige Orchester der Erbarmungswürdigkeit vor¬
gezeichnet steht. Frau Kallina spielt die Helene sicher mit dem
richtigen Wedekindalzent.
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Allein Boubouroche, der behäbige, gutmütige „Bourbou¬
roche von Georges Courteline, deutsch von Siegfried Tre¬
bitsch, sitzt indessen behaglich in einem Kaffeehause, trinkt nur
vierzehn Gläser Bier und bezahlt für seine Freunde die Zeche.
Er strahlt vor sorgenloser Behaglichkeit, berechtigterweise. Denn #
er ist ein Mann im besten Alter, hat seine Sache im Trockenen.
und . .. Ja, es muß erzählt werden: Er hat sogar eine Geliebte.
Seit acht. Jahren liebt ihn die niedliche, kleine Witwe Adele, ob¬
gleich er sicher kein Adonis ist. Sie liebt ihn mit rührender
Treue und Beständigkei“, wofür er ihr die Wohnung bezahlt und
sie besuchen darf, so oft es ihm beliebt. —— Es wird allgemach ein
wenig spät abends und alle seine Freunde haben Boubouroche
verlassen, der immer noch eins trinkt. Das Kaffeehaus ist leer
geworden . .. nein doch, ein alter Mann sitzt noch da, liest Zei¬
tung. Doch nun tritt er an Boubouroches Tisch. Sind Sie Bou¬
bouroche? Gut, so will ich Ihnen eine Ihnen wertvolle Mit¬
teilung machen: Ihre Freundin betrügt Sie! Boubouroche
zwingt sich zu ungläubigem Gelächter. Wie könnte ihn Adele be¬
trügen! Allein der Alte wird sogleich glaubwürdig. Er ist nämlich
Wohnungsnachbar Adelens und hört durch die dünne Wand
jedes Wort, das in Adelens Zimmern gesprochen wird. Er kent
die Liebsschwüre Boubouroches, seine verzücktesten Seufzer, sein!
Lieblingslied, allein er weiß auch, daß immer, wenn Bouboroche
zu Adelen kam, sich ein anderer Mann in der Wohnung versteckt
hielt, jener Mann, mit dem Adele Boubouroche betrugt. Dies
wollte der Alte nur zur Warnung mitteilen, aus jenem Gefühl
der Zusammengehörigkeit, welches alle Männer gegen weibliche
Falschheit verbindet. Und nun nimmt er ruhig seinen Hud
und geht heim. Aber gleich darauf stürmt auch der aus seiner
Behaglichkeit unsanst aufgerüttelte Bonbouroche davon.
Gen
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