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16.4. Literatur box 22/3
Husschnitt aus: Die Zeit, Wien
IEFEB 1914
vom:
S
nisten, und die große Liebe in der Frau, die für
Theater und Kunst.
ihn stirbt. Beide benötigen ihn, beide sind ihm
menschlich unendlich überlegen, und beide unter¬
Burgtheater.
liegen. Die Bratheit des Herrn Reimers tötete
„Kammersänger“
(Zum erstenmal: Wedekinds
also die Satire, den Sinn und die Bedeutung
Courtelines „Boubouroche",
Schnitlans
des Spiels. Was half's, daß Frau Kallina
„Literatur“.)
nicht störte und Herr Straßni den Grotes¬
kenstil traf? Frage: Wo blieb der kostbare Herr
b Ueberall hat man diese drei kleinen Meister¬
Walden? Warum mußte man Reimers kompro¬
über sämtliche
komödien bereits gespielt,
mittieren, Wedekind durch würdig tückische Hof¬
Bühnen Wiens sind sie gelaufen, bevor sie
theater=Rache zerstören, und das Publikum
gestern „zum erstenmal“ auf's Burgtheater
blamieren?
schlichen. Man ist dort nämlich ebenso vorsichtig
gegen neue Talente, wie nachsichtig gegen alte
„Boubouroche“: die fast erhaben einfache
Mittelmäßigkeiten. Nicht mit Unrecht. Denn
Tragikomödie der betrogenen Güte, des nach
das Burgtheater hat es fertig gebracht, jene
dem grausamen Schöpfungsplan zum Ver¬
amüsanten Grotesken völlig zu entwitzen, ihr
ratenwerden bestimmten Mannes.
Frau
Spiritus verflüchtigte sich im weiten Raume.
Retty und Herr Zeska ganz möglich. Herr
Schon die Häusung des bunten Abends machte
Treßler erschütternd lustig, rührend lächer¬
ihn unbunt; er war zu vollgestopft mit
lich, eine unvergeßliche Gestalt. Aber die Ent¬
fernung zu weit, zu pathetisch, zu massig, der
ohne sich auf den Fuß zu treten. Zu viel schmerz¬
Ton immer zu stark für die leise Menschlichkeit.
licher Hohn auf einmal, zu viel bitterer Nach¬
Eine verkleinerte Bühne, eine karge, stilisierte
geschmack für die zärtlichen Magen und
Schlichtheit hätten die Absichten Courtelines
Gaumen. So geschah es, daß bei dem ersten
verdeutlichen müssen; denn hier verlangt das
Zusammenstoß der neuesten Klassiker mit dem
Publikum, durch schnöde Geschicklichkeiten ver¬
Burgtheater diese bis zur Unkenntlichkeit zer¬
wöhnt, Deutlichkeit Allein die Regie spielte
quetscht wurden.
„Boubouroche“, wie irgendeine Handlungs¬
komödie, und da schien sie ärmlich, während
Kurz und schlecht: Wedelind und Courteline
doch gerade ihre Aermlichkeit, das Schema des
sind gestern durchgefallen. Fast möchte man
Verrates, ihr künstlerischer Reichtum ist. Als
argwöhnen, die moderne Dichtung sei hier mit
Schwank kann man sie nicht halten; als die
Absicht in Grund und Boden der Tradition
ewige Niederlage des Mannes, des Vertrauens,
gesvielt worden. Etwa: „Hier habt ihr euren
der Güte, als die Komödie der Liebe wird sie
Wedekind! So sieht er aus!“ Nein, hier haben
lange unsterblich bleiben. Freilich: wer's nicht
wir ihn nicht, so sieht er nicht aus! Die drei
Szenen enthalten: Wirbel: das Buratheater gab:
schon wußte, konnte das gestern kaum ahnen.
Behutsamkeit. Und Herr Reimers ist in seiner
Erst bei Schnitzler fand sich das Publikum,
warmherzigen Biederkeit ganz ahnungslos am
lachte angeregt, aber der Erfolg kam doch schon
„Kammersänger“ vorbeigegangen, ohne auch
zu spät, um den Abend zu retten. Immerhin
nur einen Augenblick lang die Gestalt zu
genoß man vergnügt die zugespitzte, aber—
streifen. Der Kammersänger bedeutet: Selbst¬
zum Unterschied von Wedekind und Courteline
gefälligkeit des siegreichen Tenor=Kommis. Der
in Liebenswürdigkeit eingewickelte Witzig¬
schmierige Erfolg zum System ausgebaut. Ihm
keit. Leicht, elegant, entzückend gehirnlos Herr
begegnen: die wahre Kunst im alten Kompo= Treßler, Herr Heine von rauhbeinigster
Bohéme=Echtheit, wie angeraucht von Literaten¬
café, geistreich parodistisch Frau Marberg;
sie hat von verschiedenen Rassen und von allen
ihren Liebhabern Tonfälle und Bewegungen
übernommen, die sich aber in ihrem Wesen nicht
mischen, sondern lustig nebeneinander fließen...
So endete der Abend, der für Intellektuelle und
Schätzer eines gepflegten Lächelns bestimmt
war, versöhnlicher. Dennoch stand man geärgert
auf. Zuerst mußte man sich schämen, daß unsere
k. k. moralische Anstalt Wedekind und Courteline
nicht kennen wollte, dann schämte man sich, wie
sie so sehr sie verkennt. Darin ihrem Publikum
ähnlich, das auf Grotesken nicht eingestellt ist,
im Doppelsinn der Begebenheiten, im Ver¬
wickeln von Witz und Ernst ratlos zischend um¬
hertappt. Es kennt die Ananas nicht, und
schimpfte, weil man ihm diesmal seine Nico¬
demi= und Lopez=Kartoffeln vorenthielt. Und
hier haben wir noch eine dritte Gelegenheit, uns
zu schämen: die bitterste.