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16.4. Literatur
(Quellenangabe ohne Gewähr.)
Wiener Allgemeine Zeitung, Wien
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Niederträchtigleiten, oder von
atmosphäre der Metternichiade zurückgelullt. Bis endlich
Schwächen der Natur. Die
der Ausspruch, welcher als unbeabsichtigtes Witzwort un¬
Feuilleton.
Polizei= und Gerichtsszenen ha
längst von einem naiven Burgtheaterbesucher gesagt wurde:
hervorgerufene Kollisionen mit ##
„Es ist ein Stück, das sich zu keiner Premiere eignet“ für
###### Burgtheater.
veranlaßt. Seine an Till Eu
die einst maßgebendste deutsche Bühne zur tiefsinnigsten
∆„Der Kammersänger“ voh Frank Wedekind. — „Boubouroche“
Menschen durch Schabernack i
Wahrheit wurde. Bei Wedekind un Couteline konnte
von Courteline, übersetztf von Siegfried Trebitsch. — „Liebelei“
hat ihm viele Jahre hindurch z
man dies fühlen. Was erst wäre es bei dem „Totentanz“
von Artur Schnitzler
der Pariser Bohème gemacht.
von Strindberg?
im Gerichtssaal aber war er ein
Samstag abends ist bei der Erstaufführung Wede¬
Zornige Liebe spricht aus dem Problem des
kinds und Courtelines im Burgtheater — das Publikum
Gast. Das schönste, reichste,
„Kammersängers“, Liebe zur Kunst und gleichzeitig Zorn
Courteline aus diesen seinen
gründlich durchgefallen. Wenn aufgeführte Dichter ihren
über das ungeheure, unüberbrückbare Mißverständnis,
Beifalls= oder Mißfallsbezeigungen ebenso Ausdruck ver¬
Dschungeln der Großstadt
welches zwischen Menschheit und Kunst und selbst zwischen
leihen dürften, wie es seit Theatergedenken verbrieftes
tragische Posse „Boubouroch
Kunst und Künstler immerdar besteht. Daraus wurde die
Kenntnis des menschlichen He#
Zuhörerrecht ist, so hätten Wedekind ganz besonders, aber
gallbittere, grell=komische und tot=traurige Satire, welche
Boubouroche ist der rührend
auch Courteline das ihnen dargebotene Schauspiel einer
Wedekind geschrieben hat. Herr Reimers traf den
unorientierten, stumpffühligen, kniffig verärgerten Menge,
liebenden, gläubigen und ewig
Ton des Kammersängers dort, wo es galt, den Kunst¬
ihm ist die Leidenschaft der
die hustete und gähnte, wo sie lachen sollte, und lachte,
beamten, den Galeerensklaven des kontraktlichen hohen C
Gefühl seiner Seele. Und die
wo die Träne am Platze war, durch energisches Zischen
in seiner philiströsen und doch vom Kulissenkitsch über¬
bis auf den letzten Rest der S
gerichtet. Denn für dieses Burgtheaterpublikum galt
parfümierten Haltung wahr werden zu lassen. Wo aber
vermeint zu sein. Aber mich
nicht einmal der mildernde Umstand, daß es vor
Wedekind sich selbst in dem Sänger inkarniert und seine
Edleres noch diesen Boubou##
der überwältigenden Neuartigkeit eines zum erstenmal
Anklagen herabprasseln läßt in bösen, wundenschlagenden
glaube er trotz aller unleug
schwingenden Rhythmus scheuen konnte. Der Kammer¬
Worten, da weiß der Künstler nichts von jener heißen
Treue. Es ist eine Scham
sänger ist früher Wedekind; stammt aus jener noch von
Intensität, von jener Glut der eisigen Fest¬
Menschen Niedrigkeit bewußt
keiner Symboldeuterei verdunkelten Stilperiode des Dichters,
die den Kammersänger in manchem
stellungen,
Menschen sein Wissen um ihn
die, von elementarer Dramatik gefüllt, wetterleuchtete. Es
macht. Zu
Augenblick zu einem Doppelwesen
solchen Ekel vor der ans Sonn
ist noch ein Stück in die gewohnten Formen der Theater¬
einem Menschen, der sich selbst leben zusieht. Herr
heit daß er diese lieber mit sei
technik gekleidet. Und das Anarchische seiner Weltschilde¬
Straßni dagegen, wenn auch oft durch die Schwäche
Ewiges Erlebnis aller jener,
rung; die schonungslose Brutalität der Geste, mit welcher
seiner äußeren Mittel an der Auswirkung seiner Ab¬
gebeuteten zählen und nicht
hier ein Dichter für eine Zeitlang wieder der Menschheit
sichten gehindert, hat als Komponist, der den Tod
richtet sich denn auch zum Sch
ihre Maske herunterreißt, sollte doch ebenfalls erfahrenen
ersehnt, um endlich aufgeführt zu werden, es wohl ge¬
Zorn statt auf die Verräteri
Premieren=Habitués durch das Gesetz der Mimicri, dem
wußt, dem Sinn des Grotesken gerecht zu sein. Gutes
ihm ihren Verrat verriet. Er
seine Literaturzubereiter unfehlbar unterliegen, schon mund¬
Theater bot Frau Kallina. Damit ist aber auch
des Faubourg Montmatre,
gerecht geworden sein. Lernten sie nicht an Fulda und
gesagt, daß sie Wedekind schlecht spielte. Der verlangt
des besten Besitzes der Mensch
Otto Ernst und anderen ersehen, daß das Phisio¬
anderes. Entschauspielerte Energie. Weniger Können als
logisch=Psychologisch = Pathologische bald Aussicht haben
Ganz aus dem Herzen
Erkennen. Weil man aber im Burgtheater zu sehr ge¬
dürfte, von Theaterdichtern allgemein getragen zu
werden. Herr Treßler al
wöhnt ist, der konventionellen Technik des Theaterspielens
werden? Hat man ihnen nicht allerorten eine
Schmerbauch. Er konstruien
jede dichterische Eigenwilligkeit unterzuordnen, deshalb gab
Ahnung Wedelind, und einen Hauch Strindberg in
Habitué, der unzählige Biere
man sozusagen einen Wedekind mit abgerundeten Ecken.
ihr hausbackenes Konfekt gemischt? So durfte Direktor
hinunterschwemmt, einen an
Nahm ihm also den eigentlichsten Sinn seiner Wirkung.
Thimig mit Recht annehmen, daß die Distanz eines Jahr¬
Asthmatiker, der hustet, prus
Die gerade darauf beruht, daß man an diesen Ecken sich
zehntes, welche zwischen dem Erscheinen des „Kammer¬
schwappt. Alles dies ist gen
manche Beule schlägt.
sängers“ und seiner Burgtheater=Nobilitierung liegt, selbst
Amüsement solcher physischer
—— — —
von der konservativsten Gemächlichkeit genommen sein
Schauspieler als den Zuschaue
Courteline ist Wedekinds Gegenspiel. Kein
mußte. Aber auch dieser gewiegte Theatermann hat sich
der Rolle ab. Niemals darf
Prophet; kein Ekstatiker; kein Welterschütterer, der seine
geirrt, oder vielmehr er hat die Folgen von Erziehung
werden, ohne daß gleichzeitig i
Gestalten immer aus seinem Ich ableitet. Er ist als
und Milieu unterschätzt. Das Burgtheater=Publikum zeigte
Lachen streitet.
Satiriker ein Agent provocateur. Er schafft Gelegen¬
sich eben als das Produkt der Burgtheaterleitung dieser
Auch sonst eine zu bew
letzen fünfzehn Jahre. Es ist systematisch von Geistesrevo= heiten für seelische Blamagen der Menschheit. Er liegt
lutionen abgesperrt worden Man hat es in die Backhendel= im Hinterhalt und lauert auf den Fang von kostbaren „unterstrichene“ Aufführung.