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16.4. Literatur
S
dem bösen Nachbar, der allein an allem Unheil schuldtragend
ungünstigsten Stunde — time is moncy! Auch sie will der
ist, einen Fußtritt versetzt ..
Lieblingstenor mit kurzem Abschiede abfertigen — da schießt.
Daß diese für jedes bessere Vorstadt=Kino zu blöde Posse
sich diese saubere Mutter zweier Kinder eine Kugel in den
auf Widerspruch stieß, und man Courteline so wenig seinen
Kopf.... Der Kammersänger ruft nach der Polizei, um ein
lächerlichen Helden als Wedekind seine liebestolle Heldin glaubte,
einwandfreies Zeugnis dafür zu bekommen, daß nicht er die
darüber braucht voch wohl sein Wort mehr verloren zu werden.
Schuld an dem nun doch versäumten Zuge trägt. Daß eine
höhere Macht gleichsam seinen Kontraktbruch herbeiführte. Sonst
Ein wenig, und dabei doch nur herzlich flauen Beifall
bewegt nichts seine Seele, die de tacto mehr eines geschäfts¬
(arrangiert von den Freunden und Stammesgenossen des
eifrigen Tapezierers, als eines talentvollen Jüngers der Kunst,
Dichters) erntete bloß das diesen kläglichen Preiièrenabend
eines Sängers würdig ist ... Schluß!
beschließende, gleichfalls in Wien nicht unbekannt gebliebene
Wedekinds Stück wurde deutlich abgelehnt. Man glaubte
Stück „Literauur“, des so gerne in erotischem Schmutze wüh¬
im Notfalle an die Möglichkeit, daß es solche Tenorgrößen geben
lenden Wiener Salondichters Artur Schnitzler. Er nannte
mag, man zwang sich, sich dies einreden zu lassen. Aber jene
sein „Lustspiel“ (das einen eigentlich — Hand aufs Herz!
Frau, die aus Liebesraserei Selbstmord begeht und kein dummes
mehr als einmal recht traurig stimmen könnte), bloß des¬
sechzehnjähriges Gänschen mehr, sondern eine Mutter von zwei
wegen wohl „Literatur“, weil darin eine „auch“ schreibende
Kindern ist, also demnach ein Weib mit Lebenserfahrung und
Dilettantin — notabene eine geschiedene Frau, die in Mün¬
Lebenskenntnis sein sollte, muß wohl erst gesunden werden.
cheuer Künstlerkneiven herumagiert — als Endergebnis ihrer
Das Publikum glaubte denn auch Wedekind diese Mutter nicht
mehr als anrüchigen Abenteuer erotische Gedichte machte! Die
und ließ das Stück, wie gesagt, durchfallen.
schöne „Dichterin“ will diese Sumpfblüten ihrer zweifelhaften
Muse sogar drucken lassen, aber zum Glück für Sitte und
Dasselbe Schicksal erfuhr „Courtelines“ tragische Posse, die
Welt hält sie ihr Bräutigam (auch ein Glücklicher!), mit dem
uns das wohl zu unglaubliche, lachhafte Schicksal des gut¬
sie sich zu einer zweiten Ehe anschickt, vor diesem literarischen
mütigen, dicken und philisterhaften Bourbouroche — als Typus
Verbrechen zurück, d. h. er läßt die bereits gedruckten Exem¬
des französischen Provinestadt=Spießbürgers vor Augen
plare erbarmungslos einstampfen. Dazwischen spielt ein Inter¬
führen will. Bourbouroche ist als der in aller Geruhsamkeit
mezzo, die Begegnung der Dichterin mit einem ehemaligen
dahinlebende Hahnrei gezeichnet, der immer felsenfest an die
Geliebten. Er hat einen Roman geschrieben; indem er ihre
Unschuld seines treulosen Weibes glaubt. Ein Nachbar sucht
Liebesbriefe verwertete, sie wieder einen, indem seine zärt¬
ihn vom Gegenteil zu überzeugen und träufelt nach und nach
lichen Billettdoux abgedruckt werden. Nette Leute und auch
Argwohnstropfen in das engelsgute und leichtvertrauende Herz
eine nette Literatur!... So ganz im Genre Schnitzlers.
Bourbouroches. Der findet auch wirklich eines schönen Tages
Man war wirklich froh, endlich in die Garderobe zu kommen.
den Liebhaber seiner Frau in einem Kasten versteckt — Tableau!
Fazit: Das Experiment des Burgtheaters mit der „modernen
Doch was tut Vourbouroche, dieser Hohn auf alle Männlich¬
Literatur“ hätte wirklich unterbleiben können. Wirtschaft!
keit? Im Nu läßt er sich von seiner Frau mit einer ganz
Horatio!
unglaubhaft dummen Ausrede beruhigen, und bittet sie um
Verzeihung! Ja, so glücklich ist Bourbouroche, daß er sogar
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Geene- PEC
nahmen organisiert hatte, eracht
des Junern und der Justiz die
rungen für ungenügend.
Eine türkische Darstellun
Anato
Konstantinopel. 6. Febru
veröffentlicht den Text des Me
kurzer Zeit in London gegründ
dem englischen auswärtigen Am
randum lenkt die Aufmerksamkei
den Umstatd, daß ausländische
Unruhen in Ostanatolie
führung einer tadellosen Verwal
Memorandum wird dem Erstau
daß England die Türkei nicht
lischen Funktionäre anzustellen,
vinzen eine gute Verwalkunge
land bereit wäre, der Türkei sei
in Ostanatolien zu leihen, würd
tanen des großbritannischen Re
Der zweite Teil des Memorand#
der englischen Regierung auf
endgültige Zuweisung von Chi
thrak an Griechenland für di
zu#. Smyrnas sowie für die
englischen Handel nach sich ziehe
verlangt, daß England seine
anderen Mächte vereinige, um
gegen Chios und Mytilene auf
Türkei zurückzustellen wären.
Zustimmung des Dreibur
Grei
Rom, 6. Februar. (Priv
wird bekannt, daß die Botschaf
im Besitze der Weisungen ihr
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