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16.4. Literatur
Badische Landes Zeitung
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Mannbeim
A4. b.

Hof= und Nationaltheater.
„Literatur“ von Schnitzler.
(Neu einstudte2)—
1) Trotz aller Literatur=Revolutionen ist es nach wie
wor' um das Zwischengebiet zwischen der derben Posse und
dem Problemdrama bei uns in Deutschland übel bestellt.
Das literarisch unbeschwerte und darum doch nicht geistlose
Unterhaltungsstück, das seit mehr als einem Jahrhundert
die Stärke des französischen Theaters ausmacht, haben
wir eigentlich seit dem Rokoko nicht mehr als bodenstän¬
diges Gewächs pesessen. Die es einmal bei uns versucht
haben, sind entweder in der Nachahmung Seribes befangen
geblieben, wie die Ebner-Eschenbach, oder geradewegs wie¬
der, wie Adolf Wilbrandt in seinen nur so genannten Lust¬
spielen (die meistens eigentlich Schwänke sind) bei der
biedersten Militärvereinsposse angelangt. Seit einem Vier¬
teljahrhundert haben die pariserischsten Deutschen,
Wiener, immer von neuem versucht, die Ehre der deutschen
Theaterliteratur auf diesem Spezialgebiet der dramatischen
Plauderei zu retten: vom Journalisten Auernheimer bis
zum Dichter Schnitzler. Schnitzlers „Abschiedssouper“.
und „Komtesse Mizzi“, vor allem aber „Literatur“
wird man in ihrer Art einmal klassisch nennen. „Literatur“
die Satire auf Café-Größenwahn=Literaten und auf das
Sportgigerltum, ist ein kleines Meisterstück. Von über¬
sprudelnder Lustigkeit, die sich nicht auf die Situation ver¬
läßt, sondern aus einem mit größter Sorgfalt geführten
Dialog herauswächst, dazu in der Erfindung und Führung
ihrer glänzend pointierenden kleinen Handlung schlechter¬
dings unübertrefflich. Um diesen „Schwank“ wie Schnitzler
ihn viel zu bescheiden bezeichnet, würde jeder der vierzig
„Unsterblichen“ Frankreichs, wenn er „Literatur“ gekannt
hütte,##en österreichischen Kollegen beneidet haben. Die
Geundidee des Zyklus „Lebendige Stunden“ in dem „Lite¬
ratur“ steht, das Verhältnis des Künstlers zum Erlebnis,
ist hier ironisch abgewandelt: Gilber der Literat und Marga¬
rethe das Literaturweib hatten in der Zeit ihrer soge¬
nannten „großen Leidenschaft“ ihre beiderseitigen glühen¬
den Liebesbriefe zuvor fein fäuberlich abgeschrieben, ehe
sie sie an den Adressaten abschickten, damit sie sie später
für einen Roman in Briefen bereit haben, den jeder von
ihnen beiden heimlich geschvieben hat. Wir spielen immer;
wer es weiß, ist klug“, das Paracelsus=Wort Schnitzlers
könnte Margarethe ihrem dümmlichen Baron Clemens als
Motto in das einzige von ihm gerettete Exemplar ihres
von dem literaturunfreundlichen Gigerl vor der Lektüre
eingestampften Romans setzen, das sie dann auch mit so
großherziger Geste noch dem Feuer übergibt. Die Ge¬
fahr, daß er kaviert, was jener Satz bedeutet, wäre nicht
TEE
hgewesen.
6.
Gestern ist der kleine Einakter wieder einmal ins Reper¬
toir genommen worden, um Wedekinds „Kammersänger“
als eine zweite, mildere Verspottung einer anderen Art
von „Kunstbetrieb“ sehr passend zu ergänzen. Man sah
ihn wohl seit der Zeit kaum mehr, als Albert Bassermann
an einem einzigen langen, aber köstlichen Theaterabend
im Januar 1904, Weihgast in den „Letzten Masken“.
Wehrhahn und den Clemens in „Literatur“ spielte, hier
ergötzlichst unterstützt von der Lißl und Kökert. Jetzt ist
der adelige Jüngling mit den wohlgepflegten Händen und
dem ungepflegten Hirn Herr Schlettow, dem Herrn
Weicherts zähe Regiearbeit in diesem Winter schon
eine hübsche Leistung, den Schäferhaus abgewonnen hat.
Sein Clemens gefällt durch den wienerischen Ton, den
Herrn Schlettows seit der „Großen Pause“ mehrfach be¬
währte Dialektkundigkeit gut trifft. Ein bißchen nuancen¬
arm, verhilft er sich mit Uebertreibungen, die an sich nicht
notwendig wären, zu einer flotten Gesamtwirkung.
In den beiden anderen Rollen strebte man mehr
auf den Ton des Charakterlustspiels hin. Aber die Dar¬
stellung zündete nicht recht. Das lag weniger an dem
berlinisch schnoddrig gespielten Gilbert des Herrn Gar¬
rison, trotzde auch er ein Mehr an komischer Wirkung
vertrüge, als an Frl. Duschs Margarethe, die einen
hier störenden norddeutschen Tonfall selten los wird und
zudem die ganze Figur mit einer fast zynischen Ironie
spielt; auch ein falscher dramatischer Akzent kam an einer
Stelle hinein. Jedenfalls hält die Leistung bei weitem nicht
den Vergleich mit der auch diesmal wieder prachtvollen
Darstellung der Geliebten in dem (nach „Literatur“ her¬
untergerasten) „Kammersänger“ aus, ebensowenig wie
Herrn Garrisons Gilbert den mit seinem gestern recht
geschlossenen Dühring (bei dem nur die Szene an Flügel
ohne die Besessenheit gespielt wird, die ihr gebührt) und
Herrn Schlettows Clemens mit seinem fixen Wede¬
Es erscheint überhaupt unzweck¬
kindschen Hausdiener.
mäßig, Schauspieler mit sich selber in so nahe Konkurrenz
treten zu lassen. Frl. Deneras Miß Coeurne war
jübrigens gestern, wie auch ihre Schwester in „Mutterliebe“.
neulich bei der Wiederholung, wesentlich freier gespielt
und recht amüsant. Der Kontakt mit dem Klavier hinter
der Szene war wiederum zweimal gröblich gestört.
r. E. L. S. „15.
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