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16.4. Literatun
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C. A. P. Deutsches Schauspielhaus. Am Sonnabend klappte
Arthur Schnitzler mit dem Einakter „Literatur“ etwas
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tur verantwortlich gezeichnet hat oder tatsächlich verantwortlich ge¬
besen ist, vermag der Außenstehende nicht zu entscheiden. Es ware
aber keine sehr erfreuliche Entwicklung, wenn sich bei der Spiel¬
leitung etwa das Institut des Prügelknaben, ähnlich dem des genug¬
sam bekannten Sitzredakteurs, herausb'lden sollte. —
Die Vor¬
stellung des geistreichen und graziösen Stückchens machte im übrigen
einen guten Eindruck. Fräulein Paula Silten gab das oft
gedruckte, aber trotzdem ungebundene Literaturweibchen, Marga¬
rethe mit Namen, die ihre Gedichte und Romane unmittelbar dem
eigenen Leben abschreibt, mit viel Temperament und feinem künst¬
lerischen Takt; sie blieb stets auf der scharfen Grenze zwischen
Eleganz und Zigeunertum, zwischen Salon und Kaffeehaus und
ließ auch neben dem Sinnlichen einer gewissen ironisch erfaßten
Geistigkeit ihr Recht. Herr Lang machte aus dem Herrenreiter
Clemens mit seinem angestammelten Mißtrauen gegen das Musen¬
roß ohne Pedigree eine köstliche Type. Herr Kobler fiel dagegen
als Literaturzigeuner Gilbert ein wenig aus dem Rahmen des
Stückes heraus. Erhatte zwar einige Momente von sehr drastischer
Komik, mit denen er auch sofort die Lacher auf seine Seite zog.
Aber er trug zu dick auf; die Beweglichkeit seiner Hände übertraf
die seines Geistes bei weitem, und so kam es, daß er in bester 2b#
sicht die Literatur ein wenig in die Nachbarschaft der Kolpontags
hinüberspielte. Vielleicht wollte er damit seinen eigenen Roman
ironisch glossieren.
Klose & Seidel
Bureau für Zeitungsausschnitte
Berlin NO. 43, Georgenkirchplatz 21
0
Surier
Zeitung:
Ort:
Datum:
∆TM 197
Einakter im Städt. Opern- und Schauspielhaus.
Heinrich Mann „Varieté“, Frank Wedekind „Der
Kamme,sänger“, ArthurSchnitzler „Literatur“.
Herk Dr. Roenneke hatte fest auf die Dame gebaut, die seinel
Ouversire klettern sollte. Er mag einen bösen Traum gehahl
haben und ließ Knoten in ihr Seil machen. Dennoch, bein
fünften Knoten schaffte sie's nicht mehr und sie mußte seitlich ab¬
gegangen werden. Ein guter Traum möge Dr. Roenneke nun
seine Ouvertüre ausreden.
Eine böse Satire Heinrich Manns, eine lächelnde Schnitz¬
lers und eine sehr ernste Wedekinds fügten sich hübsch zusammen,
setzten sich hübsch voneinander ab. Es war großer Tag für
Friedel Mumme. Dreimal variierte sie Kleid und Wesen. Eine
frische und erfrischende Frau bei Schnitzler, bei Heinrich Mann
reizend frech und schlau und voll zugellosen Blutes, überraschte
sie bei Wedekind mit einer ganz feinen und rührenden Lyrik
ihres Spiels.
Dieser Einakter „Kammersänger“ zunächst die Entschälung
des sehr nüchternen Kernes, der unter der Glorie eines Sänger¬
tums steckt, schlägt mit so durchdringendem Klang gegen die er¬
zene Härte des Lebens, daß seine kalte Konsequenz ihn inmitten
der beiden Nettigkeiten „Varieté“, „Literatur“ zum Hauptstück
des Abends machte. Hugo Rudolph, schon bewährt in
„Varieté“ in „Literatur“ innerhalb einer etwas vergröbernden
Gesamtauffassung des Schnitzlerschen Stückes den Gilbert bayrisch
grob und deutlich zeichnend erfaßte den Kammersänger in
scharfem, nicht karikierende, nicht sympathisierenden Relief. Herta
Windschild stellte die kleine Miß Ifabel lieblich auf die
Beine. Ebert — die Klavierlehrerin blieb auf dem Programm¬
papier —, vorher der kostbare Schilderer eines jüdischen Varieté¬
direktors, ging dann ergreifend und liebevoll dem Lebens¬
schicksal des erfolglosen alten Musikprofessors nach. Zwei junge
Kräfte hatte man in den Vordergrund gezogen. Fritz Reichert
und Walter Grüters, die sich nicht ohne Geschick gerierten.
In Schnitzlers „Literatur“ allerdings erfüllte keiner der
drei Spieler (Rudolph, Mumme, Grüters) die Absicht des Dich¬
ters, die schon vom Regisseur und Bühnenbildner zu sehr ins
Derbe und Possenmäßige gezogen war. Notabene, warum der
preußische General in Wien?
Im übrigen spielte und leitete man frisch und aus vollem
Leben (was offenbar im „Varieté“ einige Hoftheatergetreue baß
erschreckte) und auch Poreps Dekoration erlaubte sich expres¬
sionistisch wohlangebrachte Freiheiten.
Hätte man, wie man wollte, ein Haus für modernes Schau¬
spiel erwerben können, Abende wie diese würden sich natürlicher
machen; so muß man das Imponderabile alter Feierlichkeit des
schönen Hauses ein wenig mühsam beiseite schieben. Aber es
geht.
Sa
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