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Ma
16.3. Die letzten
#im Zeitungs-Ausschnitte
WIEN, I., WOLLZEILE 11
TELEPHON R-23-0-43
Ausschnitt aus:
vom:
Theater und Kunst.
Dichtergedächtnisfeier im Raimundtheater.
Ein Abend, der wahrhaftig zu ernstester Einkehr
führte; den Direktoren des Raimundtheaters darf
man zubilligen, daß ihnen für Hofmannsthal,
Schnitzler, Wildgans nicht bloß ein Tag im Jahre
„frei“ ist; eher wenden sie sich an das Wiener
Publikum, seiner Dichter zu gedenken. Urteilt man
nach der Stimmung, dem Eindruck und schließlich
dem Beifall, so darf man von eben dem Publikum
das Beste und Ehrenvollste berichten. Hofmanns¬
thals klingend=klagvolle Ballade „Der Tor und
der Tod“ wurde mit atemloser Ergriffenheit an¬
gehört und genossen; Schnitzlers grimmige
Satire vom sterbenden Jonenatisten der im Leben
so viele Könige immer nur auf den Thron setzte,
um es in der letzten Stunde nicht einmal der Mühe
und Würde wert zu halten, so eine „Maske“ in
ihr Nichts zu verweisen; endlich Wildgans'
psychopathische Studie vom Untersuchungsrichter,
der ein Sadist ist, der prachtvoll dialektisch ge¬
steigerte Einakter „In Ewigkeit Amen“ alle
drei Stücke haben die Erinnerung an unsere Dichter
mächtig geweckt.
Das Raimundtheater hat eine sehr ehrenvolle,
beachtenswerte Wiedergabe geboten. Hans Frank
hat sich in drei grundverschiedenen Gestalten nun
eigentlich als sehr wandlungsfähiger Darsteller und
vollendeter, edler Sprecher vorgestellt. Die Hof¬
mannsthalschen Verse wurden von Frau Witz¬
mann und auch den Herren Inger und Firner
voll ihrer Schönheit gesprochen. Schnitzler fand in
den Herren Inger, Danegger, Fridell,
Frank charakteristische und profilierte Gestalter.
Romantik des Todes, Trivialität des Lebens —
gespielt vom ernsten Hintergrund des Wiener
Allgemeinen Krankenhauses! Ausgezeichnet hier die
Lokalstimmung! Der Landesgerichtsrat in dem
Wildgansschen Akt war jene Rolle, mit der sich
einst der junge Schauspieler Barnay der Auf¬
merksamkeit empfahl, nun erscheint der Direktor als
sein eindringlicher, gereifter Darsteller: Barnay war
von unerbittlicher „Sachlichkeit“ im Psychologischen,
im Besonderen dieses Richters, der — wie ein¬
gangs der menschliche Staatsanwalt feststellt — eine
Ausnahme ist. Lotte Lang bot ein Kabinett¬
stückchen realistischer Charakteristik. Herr Stössel
war rührend in seiner hilflosen Gutmütigkeit; der
ganze Mensch ein Schicksal. Eine stille, feine Zeich¬
nung auch der Schriftführer Ingers.
Es gab so eindringlichen und ehrlichen Beifall,
daß man meinen könnte, die österreichischen Dichter
R. H.
seien doch nicht bloße arme Seelen.
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„OBSERVER
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WIEN, I., WOLLZELLE 11
TELEPHON R-23-0-43
Ausschnitt ausg,
HSFENADE. N
vom:
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Hofmannsthal, Schnitzler,
Wildgans.
Gedenkfeier im Raimundtheater.
Den drei großen österreichischen Dichtern,
die in knapper Folge den gleichen, den gnädig¬
schnellen Tod gefunden haben, galt eine Gedenk¬
feier, die das Raimundtheater am 1. d. vor
ausverkauftem Haus, vor einem Burgtheater¬
Premierenpublikum, zur Aufführung brachte.
Man begann mit Hofmannsthals
„Tor und der Tod“. Die formschönen
Verse, die gelegentlich faustische Bedeutung
haben, gelten dem Ende eines jungen Edel¬
mannes, der, wie so viele andre, nur gelebt und
nicht erlebt hat. Mutter, Geliebte und Freund
werden herbeigefiedelt vom Tod, der wie in
Schillers „Die Götter Griechenlands“ kein
Sensenmann und Gerippe, sondern aus des
Dionysos= und des Bacchus=Geschlecht ist.
Artur Schnitzlers, Die letzten
Masken“ hat man schon lange nicht auf der
Bühne gesehen. Seine Porträtkunst (die auch,
wie es manche Maler können, hinter das Ge¬
sicht des Abzubildenden blickt), die da der
Dichter wie so oft zeigt, bleibt immer gleich
staunenswert. Hier läßt sich ein Journalist, der
im Krankenhaus in den letzten Zügen liegt,
den gehaßten Jugendfreund und Konkurrenten
holen, um ihm endlich zu sagen, daß der Götter¬
liebling jahrelang von seiner Frau, und dies
gerade mit ihm, dem Niemand an Ansehen, be¬
trogen worden ist. Aber als dann der Dichter¬
ling kommt, erscheint es dem Sterbenden so un¬
indlich gleichgültig, Auseinandersetzungen zu
pflegen mit einem, der morgen noch leben
wird.
„In Ewigkeit Amen“ von Anton
Wildgans wird nicht nur in den letzten
Jahren, sogar in den jüngsten Monaten immer
häufiger aufgeführt. Eine besonders glanzvolle
Darstellung sah man im Vorsommer im
Reinhardt=Seminar. Es ist aber auch dieses
„Gerichtsstück in einem Akt“ von außerordent¬
licher dramatischer Schlagkraft. Der Richter,
der sein Amt nicht um der Gerechtigkeit,
sondern um des Richtens willen ausübt, der
den Beschuldigten einer Tat überführt, die
dieser nicht begangen hat, die Zeugen, Schrift¬
führer, alles aus einem packenden, über¬
zeugenden Guß.
Man wurde Zeuge einiger schöner
Leistungen. War Frank als todbedrohter
Edelmann fast so leise, als wäre schon alles
vorüber, lag ihm der Dichterling bei Schnitzler
besonders gut. Lebenswahr wie immer der
„kleine“ Danegger von gestern, der heute
in jeder Beziehung sehr gewachsen ist. Kleine,
feine Typen Egon Friedell und die
Seidner. Firner und Inger waren
verdienstlich. Lotte Lang hat man schon
lustiger gesehen denn hier als böhmische
Zeugin. Der Untersuchungsrichter Barnay¬
war der jüngsten Theatergeneration nur als
Direktor bekannt. Es war jedenfalls inter¬
essant, ihn zu sehen. Ludwig Stößel als der
Beschuldigte ohne Schuld war wie immer
durchaus glaubhaft, aber der Exzuchthäusler
Gschmeidler, heute ein Abgeklärter, bleibt doch
eine Thaller=Rolle.
R. B.