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ten die gleiche innere Linie der Lebenssehn= Leid, aber herrlich auch jetzt noch und unzer¬
der Kraft seiner Liebe zu den
sucht und der Daseinsangst. Nur hat der Edel= störbar in
Menschen.
mann Claudio, der da hinübergeht, keinen
Oskar Maurus Fontana.
Lebensinhalt, er ist ein Tor darum auch ist
sein Sterben nicht tragisch, sondern nur ele¬
gisch. Erst da aus dem Tor Jedermann wird,
gewinnt Hofmannsthal die große Erschütte¬
rung, findet er aus seinem Ich heraus zum
Volk. Man erinnert sich da an Rilke, der der
unvergeßlichsten Augenblick seines Lebens der
benennt, als ihn eine alte Bäuerin in Ruß
land umarmt und zu ihm sagt: „Auch du bis
wohl nur Volk.“ Es war auch das Erlebnis
das Hofmannsthal bis zuletzt am inbrünstig
sten gesucht hat. Für die Empfindungs
schwelgerei der romantischen Verse Hofmanns
thals haben die Schauspieler des Raimund
Theaters kein Organ, in des Wortes wirk
licher Bedeutung. Glanzlos bleibt alles, aus
dem Gedicht wird kleingehackte Prosa. Dabe
grenzt die Regie Stephan Hocks die Schatter
von dem Leben nicht deutlich genug ab, si
fließt alles stimmungslos ineinander über
Hans Frank als Claudio wirkt wacker, abe:
nicht mehr. Walter Firner als der Tod is
nicht „aus des Dionysos der Venus Sippe“
sondern der Seminardirektor einer Lehranstal
für Sterben. Blanka Pechy als die Mutter ha
einen guten Ton, aber nicht den Mut zu einer
„alten“ Maske.
„den letzten Masken“ triumphier
In
Axthur Schnitzlers Meisterschaft, Leben ir
seiner menschlichen Vielfalt und in seiner
seelischen Transparenz auf einen kleinster
Raum zusammenzudrängen, heute ebenso wie
vor Jayren. Da ist kein Altern zu merken.
Nur in den technischen Kleinigkeiten könnte
Schnitzler von der heutigen Dramatiker¬
generation etwas lernen, so läßt sie heute
keinen Wagen mehr abschicken, um jemand zu
holen, sondern sie läßt einfach telephonieren.
Sonst aber haben die gegenwärtigen Drama¬
tiker alles von Schnitzler zu lernen: seinen
Griff ins Dasein, seine Sicherheit, rasch den
Figuren Profil und Hintergrund zu geben,
seine Kunst, hinter der gelebten Wirklichkeit
immer wieder traumhafte, ungelebte Möglich¬
keiten ahnen zu lassen. Es ist ein kleines
großes Meisterwerk dieser Art von der Tragi¬
komödie eines einsamen Sterbens das nicht
mehr Rache am Leben nehmen will, sondern
nur noch still auslöscht in den Frieden, in die
Gnade hinüber. Die Regie Stephan Hocks mit
ihren Willen zur flackrigen Gespenstigkeit
findet hier durch die Schauspieler mehr Unter¬
stützung als bei Hofmannsthal, sie fühlen
festen Boden unter ihren Füßen, sie brauchen
sich nicht mehr als Burgtheater in Gumpen¬
dorf zu geben, sie können wieder Raimund¬
Theater sein. So wirkt Manfred Inger als
Sterbender schlicht und wienerisch, so ruft
Theodor Danegger alle Geister des Volksstück¬
Lachens auf, wobei er in seinem kleinen Kaba¬
rett nur vergißt, daß sein Mime ein vom Tod
Gezeichneter ist Er gibt Komik der Gesund¬
heit, nicht den Humor der Gespenstigkeit. Hans
Frank svielt den Dichter mit sicherem Ton.
Wenn aber schon Friedell aufgeboten ist, der
einen Arzt in seiner nonchalanten Art hin¬
plaudert, warum svielt er nicht den berühm¬
ten Dichter? Er ist mit so vielen berühmten
Dichtern in seinem Leben beisammen gewesen,
daß es ihm und uns sicher ein Spaß wäre,
wenn er dieses Wissen um den Ruhm indiskret
lustig darstellen könnte.
Anton Wildgans hat sein Gerichtsstück „In
Ewigkeit Amen“ in seinem Beginn gedichtet,
als er das Leben noch mit „Servus“ begrüßte
und nicht feierlich wie sväter mit „Ave“. Da
hört Wildgans aus Dissonanzen die spröde
Wortmusik der Wiener Vorstädte, da sieht er
das Leid der armen gequälten Kreatur, da
gewinnt die geliebte Stadt, der er zugehört in
Not und Verhängnis wie in ihrem Süßen und
ihren Rausch, menschliche Gestalten da wird
er der Dichter der Armen: „Sie dürfen nur
Zeichen tun, als lebten sie“, aber auch der
Dichter der kleinen Dinge des Glücks. der Er¬
sölung, der Menscherliebe: „Von diesen
kleinen Dingen leben wir nicht von den
großen die so selten kommen“ Das Raimund¬
Theater gibt den theaterstarken und dichterisch
schönen Akt unter der zeichnerisch eindring
ete anenner