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M.
16.3. Dieletztenen
„OBSERVER
I. österr. behördl. konzessioniertes
Unternehmen für Zeitungs-Ausschnitte
WIEN, I., WOLLZELLE 11
FELEPHON R-23-0-43

Ausschnitt aus:
Aneiter Snesre
vom:
• A NOV.
Lilerarische Totengedenkfeier im
Raimundtheater
Diese schöne, pietätvolle Feier für die ver¬
storbenen Dichter Hofmannsthal, Schnitzler
und Wildgans litt unter dem offensichtlichen
Bestreben, ihren Zweck durch eine gewisse
Verhaltenheit im Ton nachdrücklichst zu
unterstreichen. Das hätte aber von der Regie
in einem entsprechenden Verhältnis zum
Raum gebracht werden müssen. Dann wäre
von den drei zur Aufführung gebrachten Ein¬
akt m. nicht der erste, Hofmannsthals
„Der Tor und der Tod“, nahezu wirkungs¬
los verpufft, weil die schöne Lyrik dieses
dramatischen Gedichtes von den Ohren kaum
zur Hälfte aufgenommen werden konnte.
Sein Grundgedanke, daß ein junger, sterben¬
der Edelmann die Verpfuschtheit seines sinn¬
los verbrachten kurzen Daseins erst zu spät
erkennt, wurde darum wohl vom großen Pu¬
blikum mehr erraten als verstanden.
Schnitzlers tragikomisches Dramo¬
lett „Die letzten Masken“ geriet schon weit
besser. Die Absicht des Dichters, zu zeigen,
daß es dem Menschen, selbst wenn es schon
ans Ende geht, schwer fällt, sich seelisch nackt
zu zeigen, da immer noch tief im Inneren
ein winziger Hoffnungsfunke glimmt, wurde
voll zur Geltung gebracht.
Künstlerisch am stärksten befriedigend aber
war die Aufführung des Gerichtsstückes von
Wildgans „In Ewigkeit Amen“ Ludwig
Stössel — der aber diesmal auch nicht immer
vollverständlich sprach — verstand es so recht,
das Erstaunen des Missetäters Gschmeidler
glaubhaft zu machen, dem im Gerichtssaal in
Gestalt des jüdischen Schriftführers Doktor
Zwirn die christliche Barmherzigkeit begegnet.
„Gelobt sei Jesus Christus!“ entfährt es da
Gschmeidler unwillkürlich angesichts dieses¬
Wunders. „In Ewigkeit Amen“ setzt Doktor
Zwirn ergriffen hinzu. Die Herzenswärme
dieses gleichfalls tragikomischen Einakters
spiegelt den ganzen Wildgans wider.
Neben Stössel sind Fräulein Lang
und die Herren Inger, Barnay und
Firner unter den Darstellern besonders zu
loben.
Dr. Rudolf Felber
box 22/2
„OBSERVER'
I. österr. behördl. konzessioniertes
Unternehmen für Zeitungs-Ausschnitte
WIEN, I., WOLLZEILE 11
TELEPHON R-23-0-43
Ausschnitt aus:
vom:
Des Kfelne Blatt, 408
& 5. HOy. 1934
Theater
Gedenkfeier für Hofmannsthal,
Schnitzler und Wildgans.
Am I. November zogen Hofmannsthals
„Der Tor und der Tod“, Schnitzlers
„Letzte Masken" und Wildgans' „In
Ewigkeit Amen“ an einem tiefergriffenen
Publikum auf der Bühne des Raimundtheaters
vorüber. Hofmannsthals mehr formschöne als
inhaltreiche Sätze verhallten im Raume, wurden
nicht so gesprochen, das Ganze nicht so gespielt,
wie es diesem so sehr auf Schönheit gestellten!¬
Spiel vom Sterben eines Egoisten entsprach.
Weit besser stand es mit dem Einakter Schnitz¬
lers. Da stirbt ein Armer, will sich noch vor dem
Tode an einem leeren Jugendfreund rächen, der,
ohne viel wert zu sein, ihm immer im Leben
weit voraus war. Und als der kommt, sich zu
ihm setzt, aufgeblasen in seiner hohlen Eitelkeit,
da kann der Sterbende nichts mehr sagen. Nur,
daß er ihn noch einmal sehen wollte. Hans
Frank gab den geckenhaften Modeschrift¬
steller, den Phrasenhelden und Mauldrescher
ausgezeichnet. Die kurze Szene seines Auf¬
tretens umriß ein ganzes Leben. Egon Frie¬
dell als Assistenzarzt Dr. Hahnschlöger ist ein¬
fache, unbedingte Kunst hoher Klasse gewesen.
Nahm dieser Einakter und die Art, in der
er gespielt wurde, immer mehr gefangen, so
wurde „In Ewigkeit Amen“ zu einem künst=
lerischen Erlebnis, wie man es in dieser:
Saison noch nicht gehabt hat, im heutigen
Theater überhaupt selten hat. Paul Barnay
als Untersuchungsrichter offenbart eine Kunst
von vollendeter Einheit, tiefster Realistik und
wahrer Überzeugung. Ludwig Stössel gab
den Beschuldigten. Die beiden einander gegen¬
über, das war ein Kunstgenuß, der beglückte.
Dazu Manfred Inger als Schriftführer Doktor
Zwirn, Lotte Lang als Prostituierte Dwor¬
schak, Erich Pohlmann als Oberkellner
Kritzenberger, sie alle von einer solchen schau¬
spielerischen Höhe und Reise, daß es eine
weihevolle Gesamtwirkung sondergleichen gab.
Man konnte sich vor freudigem Erstaunen gar
nicht fassen, Hier draußen in der Vorstadt auf
einmal der göttliche Funke erlesenster Schau¬
S—r.
spielkunst!