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16.2. Die Franniden Delche
W
reizende Plauderei „Der Unverschämte" von Raoul,
Auernheimer, an der nur die grobe Schlußwendung
verdrießt, die aber sonst als Musterstück eines heiter=geist¬
reichen Einakters gelten darf, haben wir früher schon hier
gesehen, ebenso die ergötzliche Komödie „Auferstehung“
aus Felix Saltens Einakterreihe „Vom andern Ufer“, eine
sehr wirksame tragikemische Begebenheit, bei der man übri¬
gens keine Voraussetzungen zu entbehren braucht und die
deshalb ein trefflich gerundetes, durchaus fertiges Theater¬
stück ist, das noch gewinnen würde, wenn es zehn Minuten
schneller fertig wäre, d. h. wenn der Auferstandene sich und
uns einige seiner langatmigen Betrachtungen schenken wollte.
Durch alle diese Einakter ging Frau Orloff, das neuer¬
worbene Mitglied unserer Bühne. Zunächst in der Doppelrolle
des Schnitzlerschen Schauspiels, als Frau des Dichters äußerst
gedehnt und behutsam redend (sie weiß, daß sie Bedeutsames
spricht und formt jeden Satz langsam, ehe sie ihn entläßt), als
Frau mit dem Dolche von Schnitzlerscher Glut, also maßvoll
erhitzt, im Rittnerschen Drama so boshaft und kalt, wie
mans vom Tode nur verlangen kann, in dem Akt Hermann
Bahrs als sehr gerissenes Wiener Madel, eine erfolgsichere
Evastochter, schlagfertig, behend, verwandlungsfähig, alle
Stimmungen beherrschend, nur die eine nicht, die unmittel¬
bar aus dem Herzen kommt. Dann sah man
sehr
sie als Frau Selma im „Unverschämten", eine
Welt, die
sichere, überlegene, spielerische Dame von
feinstes Wortfiligran ausbreitet, endlich als Marie
in „Auferstehung" (eine Rolle, in der einst die nun immer
jugendlicher werdende Frl. Sangora erfolgreich den Sprung
zu den Müttern wagte), die ihr gut liegt und ihre Eignung
zu Charakterrollen erweist, wobei freilich zu bemerken ist,
daß es auch hier an natürlicher Wärme zu mangeln schien.
Alles in allem: Frau Orloff wird, dank ihrer Sicherheit und
großen Erfahrung, eine sehr vielseitig verwendbare Kraft¬
unserer Bühne sein, die sich in den verschiedensten Masken
zurechtfindet, nur: die große Hoffnung unseres Theatero,
auf die wir alle warten, wird sie nicht sein. Partner der
Frau Orloff war im Schnitzlerschen Schauspiel Herr
Janssen, der seiner Doppelrolle nichts schuldig blieb, im
Studentenstück die Herren Janssen und Munz, wo die
verschiedenen Temperamente der Hungerleider gut gegen¬
einandergestellt waren, im dritten Herr Impekoven, der
eine feine Charakterstudie bot, dergegenüber die Leistung des
Herr.. Manz farblos erschien, im vierten die Herren
Bauer und Janssen, wobei Herr Bauer sich durch über¬
legene Ironie hervortrat und Herr Janssen sich als der
leidende Teil geschickt aus der Sache zog, im letzten wieder
Herr Bauer, der den Auferstandenen schon früher sehr zum
Behagen der Zuhörer gespielt hat, Herr Impekoven, der
in seiner drolligen Verzweiflung und durch seine treffende
Erscheinung auch hier wieder bewies, welch tüchtigen Künst¬
ler wir an ihm gewonnen haben, Herr Schreck, der den
Freund gab und das kleine Frl. Romin, das in seiner Kin¬
derrolle Talent verriet. In die Spielleitung teilten sich die
schaßen.
Herren Martin und Hartung und man kann sagen.
#d#aß sie alles wohlbedacht, die Räume gutgestellt hatten, und
aus jedem Einajter so viel Wirkung zogen, als herauszuholen
wary
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Die Herzogin spielt Theater.
Von unserem Korrespondenten.
Dessau, im September.
Die ehemalige Schauspielerin Ottilie=Elisabeth Strickrodt, die
Gattin des Herzogs Joachim=Ernst von Anhalt, war am
5. September anläßlich ihres Geburtstags der Mittelpunkt einer Fest¬
lichkeit auf dem Stammschloß der anhaltischen Herzöge im romantischen
Harzstädtchen Ballenstedt. Im reizenden kleinen Hoftheater
spielte sie Schnitzlers „Frau mit dem Dolche“ und an¬
schließend die Hauptrolle in dem Einakter „Ich bin es nicht“,
den der Berliner Regisseur Erich Pabst für diesen Tag verfaßt hatte
und selbst inszenierte. Pabst war es auch, der vor Jahren der damals
blutjungen Liesel Strickrodt den Weg zur Bühne ebnete. Jetzt kehrte
sie nun für eine kurze Weile hinter die Kulissen zurück und mag sich
dabei des Tages erinnert haben, an dem sie als „Ballerina des Königs“
das Herz des jugendlichen Fürsten bezwang. Der junge, kunstbegeisterte
Herzog dirigierte das Orchester,
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IüsSchnitt aus:
„MdENER CARICATUREN
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Beatrice Dovsky wird mit Arthur
Schnitzler in einem Atem genannt!
„Ihre „Mona“ Eisa“ hat nämlich eine merk¬
würdige Ahnlichkeit mit dem Stofflichen“
der „Frau mit dem Dolch“.