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5. Liebelei
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Sheater, Kunst und Literatur.
(Burgtheater.) Der gestrige Abend brachte zwei
us
Erstaufführungen. In einer Uebertragung von O. Eisen¬
schütz wurde Giacosa's einaktiges Schauspiel „Das
Recht der Seele“ und hierauf Arthur Schnitzler's
dreiaktiges Schauspiel „Liebelei“ gegeben. Das
Hauptinteresse richtete sich auf die zuletzt genannte Novität,
gab
deren Autor der Wiener Schriftstellergemeinde angehört
ßes
und in der hiesigen Gesellschaft geschätzt und wohlbekannt
ind
ist. Das Resultat läßt sich etwa in Folgendem feststellen: Der
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erste Akt, der frisch und keck einsetzt, fast allzukeck für die guten
Sitten des Burgtheaters, erzielte den reichlichsten Applaus,
che
der zweite Akt gab noch zu mehrfachen Hervorrufen Ver¬
nig anlassung, aber man merkte schon, wo es hinaus solle,
ten und dem Wohlwollen, das der liebenswürdige, junge
000
ig.] Schriftsteller genießt und verdient. banate bereit insgebeim
vor der Erscheinung eines halben Siegeo,
Theater wenigstens, mit einem Mißerfolge sehr nahe ver¬
wandt ist. Der letzte Akt schien diese Befürchtungen fast
zu rechtfertigen, denn der Beifall, der den Verfasser des
Schauspiels wieder vor die Rampe rief, war nicht frei
von den überflüssigen und unter allen Umständen zu mi߬
billigenden lanten Aeußerungen der Unzufriedenheit. —
Fräulein Sandrock nahm sich der Sache mit Liebe und
Feuer an und zog die Rührseligkeit des letzten Aktes in
eine edlere Sphäre. Fräulein Kallina zeigte eine neue,
sonbrettenhafte Seite ihres Talents und spielte die Rolle
eines Wiener Mädels vom leichten Schlag sehr ver¬
dienstlich. Sonnenthal gab eine Art Musikus Miller
aus „Kabale und Liebe“ mit rührender Einfachheit und
r
leichtem Wiener Dialekt=Anklang in seiner gepriesenen
Art. Herr Kutschera, der einen zwischen Leichtlebigkeit
und Sentimentalität schwankenden Liebhaber darzustelles i
hatte, war gut, und Herrn v. Zeska's froh=!
launige Junggesellen=Bonhommie wirkte beim Erfolg“
des ersten Aktes sehr verdienstlich mit. In einer
kleinen Episode haite Fräulein Walbeck Gelegenheit,
ihr Oesterreicherthum liebenswürdig zu entfalten. Mitter¬
wurzer zeigt, sich auch darin als Schauspieler ersterg
Ordnung, daß er — wie gestern — Rollen übernimmt,
die nicht viel mehr als ein paar Sätze enthalten, aber er#g
besitzt die Gabe, aus einem kleinen Nichts ein Etwas zu !“
machen. — Der Einakter, „Das Recht der Seele“ der
dem Schnitzler'schen Schauspiel voranging, behandelt;
ein tiefer erfaßtes Problem und einen interessanten
Konflikt. Es soll davon, ebensowohl wie von „Liebelei“
morgen noch des Eingehenderen die Rede sein. Herrsa
Hartmann und Frau Hohenfels spielten
diese kleine Tragödie einfach hinreißend schön. Man hat Frau
Hohenfels von dieser Seite bislang kaum gekannt
und war überrascht von der Natürlichkeit und tragischen!
P
Wärme ihrer Darstellung. Krastel's unbedeutende Auf=e
gabe in dem Stück hätte auch von einem Geringeren
gelöst werden können. Die Aufnahme der Novität wari
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eine sehr freundliche; viel mehr ist bei Komödien, die nicht
darauf angelegt sind, Behagen zu erwecken, wohl kaum
zu erwarten.
p. V. 8.
* Im Burgtheater beginnen am 20. d. M.
die Aumeldungen für dem Cyklus der sieben Königs¬
dramen, doch sind in Folge der starken Nachfrage seitens
de Schulen sowie zjahre nur mehr Sitze zu ##l.
sieuler als Hauptsteuer aus. Als Endziel der Steuer= „sanfte
reform wurde allgemein nur die staatliche Einkommen= gehalte
Feuilleton.
Theater.
K. k. Hofburgtheater: „Rechte der Seele“. Sch
spiel in einem Acte von Giuseppe Giacosa. — „Liebele
Schauspiel in drei Acten von Arthur Schnitzler. Zum
ersten Male aufgeführt am 9. October.
Weit
* Die neue literarische Strömung reicht bereits vom
Gast,
Nordcap bis zum Vesuv, von der Newa bis zum
Manzanares. Giacosa und Schnitzler vertreten Turin
den sei
Briefe.
und Wien. Gestern sahen wir im Burgtheater Stücke
Fritz L
dieser Autoren. Wahrheit streben die Modernen an.
den To
Nun auf das, was sie thun, sollen sie geprüft werden.
Geben wir dem Wiener den Vortritt.
sterben.
Leben
Schnitzler hat französisch angefangen und giebt nun
eine Legirung von Norwegisch, Französis., Wienerisch.
gesehen.
estern
schreckun
Mimi Pinson und Mizi Schlager sind #
Dem
verschiedenartiger Eltern. Der Leichtsinn kosmopolisirt
Stimmit
sich. Es scheint, daß Schnitzler der Murger Wiens
in die
werden will. Indessen Moral lehren alle Dramen¬
Handlun
dichter, die alten und die neuen. Die Einen stellen
erörtert
Ideale auf, die Anderen wollen abschrecken. Die Einen
Auf d
Richtun
sub rosa verbergen. Zu den Unaufdringlichen gehört
nisse.
Schnitzler.
Der Titel „Liebelei“ zeigt, was Schnitzler will.
hoher
täuscht,
Er spaltet scharf; Liebelei ist nicht Liebe. Wiener
Liebelei also sollen wir sehen, hören. Maiblumen, uns er
Guitarre, Wein, Tanz und süße Kuchen, wir athmen zu sprec
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