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4.6. Agonie box 8/3
Kauslegengaus Nüse ZIWh.
Teneralanzeiger für Hamburg-Altens
Ausschnitt ausz
vom: 15 ODLi 1316
1 Würde trägt. Die eigentliche Handlung des Stückleins, die Heilung
„Agonie“, die eine
eines spröden, herben, hochsinnigen Wirtshaustöchterleins von seiner
gestricheltes Porträt aus
Männerfeindschaft, bleibt im Anekdotischen stecken. Aber ein Hauch Großstadt. Wohl ist au
Theater und Musik.
echter Dichtung zitterte doch wohl in uns allen nach, das Mitgefühl; hier und da diskret her
Menschenkenntnis, der
mit zwei bitter sich sehnenden Seelen, die in süßseliger Stunde großen
Wahrheitsbeflissenheit
Glückes einander fanden und von einander lassen mußten, um einsam
Thalia=Theater.
handen. Es ist ein ba
zu bleiben wie bisher, weil widrig Menschenlos es so will.
Einakterabend.
mener enger Ausschnitt
Die feine kleine Dichtung der ein Leben weit über unsere Zeit
Mit einem Einaktertrio wartete am Freitag die Sommerdirektion
mit seinen frivolen Bi
hinaus gebührt, verlangt für die Titelrolle eine Persönlichkeit von
des Thalia=Theaters ihren Gästen auf. Aus recht ver¬
witzige von allen im „Am
vollendeter Künstlerschaft. Fritz Hirsch ist zweifellos ein Virtuos.
schiedenen Geisteszonen sind die lockeren Vögel ihren väterlichen
stellung so unwienerisch
Er versteht sich auf den Ausgleich der sich gabeinden Linien in diesem
Nestern entflattert.
Zuhörern völlig wirkung
geheimnisvollen Doppelwesen, auf eindrucksame Vereinheitlichung von
Fritz Lienhard hatte den Vortritt, der keusche, teutsche
Zum Kehraus gab
und
das
Doch
Heldenhaftigkeit.
Schelmerei
leicht
Schwärmer, der hochgerichteten Hauptes, edlen Sinnes voll die Welt
ganges einen „Künst
genialen Lebenskomödianten geriet ein
Mystische dieses
betr der mit heißem Bemühen den Gral sucht, die Schönheit,
Karl Goldfeld. Je
Und
schreckhaft.
bißchen possierlich statt fast
ernstlich
die? de der unsterblichen Seele. Nur schade, daß ihm dafür nicht
obwohl sie in Erbsen u
ein Eulenspiegel verlangt doch eigentlich schon in der Maske
ein genügendes Maß an künstlerischer Schöpferkraft mit auf den Weg
fleischfreie Tage einen
ctwas Mitreißendes, Gestalt= und Zeitloses. Aber sobald es darauf
das
gegeben ward. Seine weitaus wertvollste Bühnendichtung ist —
treiben und so der M#
ankam, wußte er dem Menschen hinter dem Lustigmacher den tragischen
charakterisiert sein gesamtes dramatisches Schaffen — der Einakter,
blumenreiche Dichtergl
Unierton zu geben, das am Dutzendleben des Allzumenschlichen
der uns gestern vorgeführt wurde. Er betitelt sich „Der Fremde",
winden und der Welt i
Leidende eines hamletisch an den Velleitäten des Daseins zerborstenen
und ist das Zwischenstück einer als Ganzes mißglückten siebenaktigen
gaukeln eifrig beflissen
gemütsreichen Soelen=Pfadfinders. Die ganze Figur ist von Hirsch
selige Backfischlein, die
Till Eugelspiegel=Dichtung. Als ein „Schelmenspiel“ gibt es Lien¬
zwar klug und recht geschickt, aber nicht so fein gefühlt und geformt,
licher Schwärmerei vor
hard aus. Doch es ist nicht der alte vollblütige, sinnenfrohe Schelm
wie vom Dichter selber. Ada Glasel ist eine schöne stolze Liebes¬
für ein U machen lassen
der derbfrischen niederdeutschen Volksschwänke, der uns hier begegnet
leugnerin, glücklicherweise nichts weniger als eine großgestige Heroine
mit einem Federzängl
(nur das schwächliche Eingangs=Schwäntlein „Eulenspiegels Ausfahrt“
am Schanktisch, sondern ein bezähmtes Käichen, das all in seiner bitter
gespießt hätte. Immer
besitzt davon ein Spürchen); und an des Vlamen de Coster grandioses
trutzigen Herbheit ein ganz besonderes Kleinod in sich birgt: eine
geschick getan. Und da
Prosaepos von Till darf man schon gar nicht denken. Es ist kein
blutende, zuckende warme Mädchenseele. Von den drei komischen
Gude und das begeiste
Zweifel: auch hier hat Lienhard, wie in anderen Büchern, ein, leicht
Nebenfiguren sind die Herren Grill und Teichmann von ein
mit offenbar ebenso
wenig übertriebener Drastik, Herr Gude von unnötiger Trockenheit.
nur verhülltes, Seelenbildnis seiner selbst geschaffen. Diese Figur
hatten wie der ganz in
Die den Rhythmus der kleinen Dichtung voll zur Geltung bringende
hätte eine Tragikomödie süllen können. Aber leider gelangt Lien¬
und die gefüllte und
Spielleitung (W. O. Stahl) hätte dem tiefsinnigen Stücklein statt
hard auch hier über schönste Ansätze nicht hinaus, und es bleibt dem
konnte ein lebhafter Er
moderner Tapeten, blitzender Sauberkeit usw. den guten alten Holz¬
Zuschauer überlassen, sich das Charakterbild des weltweisen Schalks¬
„Künstler“=Autor durfte
narrn auszudeuten und zu erweitern. Wie wir ihn hier sehen, steht
schnittstil verleihen sollen.
Der Schlußbeifall war
Es folgte ein ganz anderes Bild, der guten alten
er schließlich vor uns als ein mit großartiger Geste auf Durchschnitts¬
914
ein Lustspielakt von
folgte Jungwien,
menschenglück verzichtender einsichtsreicher weltschmerzelnder Schwär¬
Landsknechtszeit
mer, der die schwermutdüstere Tünche seines Antlitzes mit Anmut und Artur Schnitzler, die bisher noch nie gespielte1