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vo 7½/270
Das Ueberbrettl.
F. M. — Gestern Abend wurde Ernst v. Wolzogens „Buntes
Theater (Ueberbretil)“ in den Räumen der Sezessions¬
bühne“ eröffnet. In der einleitenden Rede bat der Tirektor
nach einigen Scherzen, man möge die Erwartung nicht zu
hoch spannen. Die Inlimen des Ueberbrettls waren wohl
durch die geringe Wirkung heim Goethe=Fest ängstlich geworden.
Was wir nun gestern behaglich miterlebt haben, das wird
weder die kostbare Moral der deutschen Reichshauptstadt
vernichten, noch wird es der Kunst neue Bahnen weisen; aber es war
#ein ganz amüsande Abend. Es war beinahe ein Familien=Tingel¬
#tangel. Mehr buntes Theater als Ueberbrettl. Die groteske
Hyperbel fehlte, die starke Nots, die eben durch den
übermüthigen Zusatz „Ueber“ ausgebrückt war. Man war
auf das Knallen von Champagnerkorken vorbereitet und beram so
Für betwas wie einen süffigen, spritzigen Mosel, dazu etwas französischen
10Cognac und zur Verdauung künstliches Selterwasser. Eine ganz be¬
20kömmliche Mischung.
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Als Nachahmung von Pariser Winkeltheatern ist das Berliner
„ 100 Ueberbrettl bekanntlich entstanden. In #e#ursprünglichsten dieser as
I Bohemebühnen ist eine innige Fühlung „wischen Publikum und Vor¬ en
Abonnentragenden der Hauptreiz. Für diese Fühlling sorgte gestern allein Ernst
Abonnenv. Wolzogen, der im eleganten Biedermelerfrack wie ein idealisirter!
itzer die Honneurs seiner Bide muchte. Er stand fast immer j#
Buden
Hauf der Bühne, begrüßte die Zuschauer, stellte die Darsteller vor, u¬
lt#machte gute und andere Witze, trug einige Gedichte vor (mit “)
tVirtuosität die grausige Geschichte vom Karpfen und der Wasserleiche in
Evers Gedichten), und er hätte auch eine eigene
gesungen, wäre er nicht durch Heiferkeit verhindert.
nachte Mittheilung von den Polizeiverbeten, welche das
hatten. Er meldete, daß Alfred Kerr auf die Vor¬
verzichtet hatte, weit hm dis Haistergestricher,
chte dazu die ungehörig boshafte Bemerkung,
nichts übrig, wenn man die Hälfte fortlasse.
eine gar freundliche Parodie einer Kritik von
vor und flunkerte uns vor, diese Kritik sei eben erst
er Pause entstanden. So brachte Wolzogen unermüdlich
eine Bude.
e der kürzeren Nummern jedoch, die auf dem Programm
standen, unterschieden sich von vielen Nummern der gewöhnlichen
Tingeltangel oder Piistergärten eigentlich nur dadurch, daß
besonders auf Verfasser und Komponisten hingewiesen wurde.
Sonst, auf dem Unterbrettl, fragt man nicht nach Nam' und
Art. Und seltsam, auch gestern war ein anonymes Stück,
eine Satire auf den Dichter und Major Lauff, der Hauptreffer; schon
als Herr Koppel den Titel Zur Dichtkunst abkommandirt“ nannte,
kam einige Ueberbrettl=Stimmung ins Haus, und beitdem Refrain#
„Das knallt im Dichterwald“ wurde viel und laut gelacht. Und doch
übertraf der künstlerische Werth gerade dieses Scherzes nicht den der
landläufigen Possenkuplets.
Sonst gefiel am allerbesten „Der lustige Ehemann“, ein Leines
Tanzduett, von Vierbaum gebichtet, von Oskar Strauß in Musik ge¬
setzt, von Herrn Koppel und Fräulein Bradsky getanzt und gesungen.
Die niedliche Kleinigkeit mußte oder konnte wiederholt werden.
Die literarischen Gaben, denen keine Musik zu Hilfe kam, wurden
dagegen nicht ganz nach Gebühr gewürdigt. Die dramatische
Plauderei „Episode“ von Arthur Schnitzler,ein Theil aus seinem
wehmüthig ungezogenen „Anatol“, wurde von den Herren
ald und Reßner und Frau Wohlbrück recht gut gespielt,
den Zuhörern freundlich aufgenommen, aber für zu wenig brettel¬
ggehalten. Christian Morgensterns Parodie auf D'Annunzio wirkte
igs drastischer. Doch die Meisterschaft, mit welcher Morgenstern
gezierte, bombastische, feierliche und gedankenleere Sprache des
r auch bei uns gefeierten Italieners nachgeahmt hat, hätte mehr
rdient; ein Ueberpublikum wäre aus dem Lachen nicht heraus¬
gekommen. Noch ein kömisches Schattenspiel von Stutz zu einem
Gedicht von Liliencron (Musik von Wolzogen) sei erwähnt;
dann aber habe ich nichts mehr hervorzuheben, kaum noch
die Kuplets der Damen Destrée und Bradsky. Wenn man
im Abschreiben nicht geübt ist, fällt es schwer, auch nur einen langen
Theaterzettel abzuschreiben. Den Beschluß aber des Programms
bildete eine der prächtigen Pantomimen, durch deren Pflege
sich das Ueberbrettl ein besonderes Verdienst erwerben würde.
„Pierrots Tücke, Traum und Tod“ (von J. Schanzer, die an¬
sprechende Musik von Oscar Strauß) erinnert an die besten
italienischen Muster dieser Gerin.
Ernst v. Wolzogen hat es in seiner einleitenden Rede fertig gebrächt,“
auch an das Königsjubiläum zu erinnern, mit dem die Eröffnung
seines Ueberbrettls zusammenfiel. Vor großen Worten hütete er
sich weislich. Seine Anhänger in der Presse waren nicht so klug.
Da las ich irgendwo, das Ueberbrettl werde für die geistige Gesundung
des Volkes wichtig werden; anderswo: es werde ein verfeinertes
ästhetisches Empfinden hinaustragen; in weite Volksschichten.
Volk und wieder Volk! Was wir gesternin guter Laune miterleb:
haben, ist weit, weit von solchen Dingen entfernt. Eine neue
Spezialitätenbühne für die oberen Zehntausend und für die, die sich
aern dazu rechnen.
isod
4.4. Epue
bos 7/7