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pisode
bos 7/7
4.4. B..—
Telefon 12801.
Alex. Weigl’s Unternehmen für Zeitungs-Ausschnitte
Ausscheltt
Nr.
„OBSERVER“
106
I. österr. behördl. conc. Bureau für Zeitungsberichte u. Personalnachrichten
Wien, IX, Türkenstrasse 17.
— Filiale in Budapest: „Figyeló“ —
Vertretungen in Berlin, Chicago, Genf, London, Newyork, Paris, Rom, Stockboim.
Tägliohe Hundschau, Berin
Ausschnitt aus:
vom 7
7/0
Theater und Musik.
gestellt, in eine „Soloszene“ umgewandelt und mit
aller Theaterkunst ausgestattet, kann nun endlich
Das Überbrettl.
auch Mode werden.
Bald werden nun auch die
Was ist das „Überbreitl“ und das „Bunte
Lyriker wie die Dramatiker große Einnahmen be¬
Theater“? Die Bekenner und Gläubigen sagen:
kommen. Hoffentlich schlägt's der Lyrik besser an,
ein veredeltes und vergeistigtes Variéte=Theater,
als es dem Drama angeschlagen hat.
die Pessimisten meinen, eine auf den Hund des
Eine kleine Komödie von Schninler mäßig
Aubry herunterkommende Litteraturbühne. Die
an Witz und Geist, nuch mäßig gespielt, konnte
Einen sehen ein neues
Anzeichen, daß die
sich neben der Lyrik Bierbaums und der
reine und die wahre Kunst immer weiter
sentimentalen Grisettenlyrik Wolzogens nicht be¬
ihre Herrschaft über die Menschheit ausbreitet
haupten. Die Morgensternsche Parodie
und daß das große Zeitalter der Kunst nun an¬
Für
d'Annunzios sing besser an, als sie aufhörte;
bricht: schon erobert der Goethische Geist die Szene!
unsere deutschen Dichter denken noch immer, daß sie
der Reckturner und Akrobaten, und der Tag ist
einer Satire litterarischen und künstlerischen Cha¬
Fnahe, wo sich die Schlangenmenschen nur noch in
rakter aufprägen, wenn sie litterarische Dinge satiri¬
.10 Entzückungen über Höldelinsche und Lenausche
sieren. Kunst braucht nicht Stoff zu sein, aber die
Gedichte winden. Die anderen reden um¬
Behandlung soll Kunst sein. Es gab noch ein
gekehrt; die Zeit ist angebrochen, wo alles,
Schattenspiel zu einer Parodie auf Lilien¬
Abonns was Ihr heute noch Kunst nennt, so ganz
Abonne
cron, und eine Pierrot=Pantomime; herz¬
sacht und allmählich aus der Kultur sich heraus¬
lichen Beifall fand Olga Wohlbrück, herzlichen
drückt. Schon erobert die Seele der Barcisons die
Beifall Vozena Bradsky, Beifall fand alles,
Inhalt Bühne Shakespeares und Goethes, und der Tag ist
vor allem aber gab es an dem Abend Ernst von
brüttnahe, wo alle Lenaus und Hölderlins zu Schlangen¬
Wolzogen, der sich als der rechte Tausendfassa
wolure menschen geworden sind. Will das Publikum, das
und Salon=Schwerenöter bewies, wie es ein über¬
des In heute zum „starken Mann“ läuft, zum „goethereifen“
Er brachte einen
brettl=Direktor sein muß.
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werden werden, oder werden die, welche sich heute für goethereif
gemütlichen familiären Ton ins ganze hinein,
halten, einem tieferen Drange ihrer Natur folgen
er war die launige Stimmung, welche die
und den Stierkämpfer demnächst für den wahren
einzelnen Teile zusammenhielt; er plauderte und
Übermenschen erklären? Das liberbrettl ist so ein
deklamierte, kann als Poet und Musiker, als Vor¬
Zwischen= und Bindeglied. Da weiß man nie recht:
tragshumorist und Satiriker. Er bewitzelte d'Annunzie
Will ein Affe Mensch werden oder wurde ein Mensch
und Alfred Kerrsche Kritik. Man war ganz daheim
Affe? Handelt sich's, wie Haeckel sagt, um ein
bei Wolzogen, in seiner Welt und seiner Wohnung.
besseres Hirn, oder hat Virchow recht, wenn er
Sein überbrettl ist das Brettl der alten und ewigen
von einem erkrankten und schlechteren Gehirn redet?
Kunst, bei der man sich amüsiert. Aber mehr als
Vielleicht giebt's nur ein untrügliches Zeichen für den,
Amüsement will sie auch nicht sein.
der noch im Anfang der Entwicklungen steht: die
Julius Hart.
Entwicklung zum Höheren vollzieht sich stets unter
hweren Kämpfen, im Widerstand gegen das All¬
eine, und der nach oben steigende wird zunächst
tal mit Steinen beworfen. Die Entwicklur
unten hingegen geschieht stets unter all
Zustimmung und Begeisterung,
Idee wird, kaum daß sie auftaucht
trefflich erklärt. Die Gedanken vom „I
Pariété=Theater“ haben, als sie vor ein pa
zum erstenmal laut wurden, sofort überall
und jeder fand sie groß, schön und wahr as
freiend: doch ich will damit nichts gesagt aben.
Gewiß wird jede Regel ihre Ausnahme besitzen.—
Nun haben wir die erste Aufführung des „bunten
Theaters“ auf der „Sezessionsbühne“ hinter uns,
und das Ganze wirkte so, als ob man eine hübsche,
leichte und gefällige Humoreske Ernst von
Wolzogens läse.
Wolzogen hat die neue
Bühne geschaffen, und alles
dort oben war
von seinem Geiste durchtränkt. Wie ein guter