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4.3.
Denksteine
box 7/6
A ULIN A E E A
G
Seite 2.
22. Juli 1897.
a es billiger
Freunden und Bekannten reichlich mit Blumen
schlechte Erziehung zeitigte in ihr die Exallation, wie
stark besucht.
und Bombonieren bedacht, sagen wir dem schönen
in ihrem Bruder Haus (Herr Biensfeldt) die rohe
einem ande¬
Marienbad Lebewohl, aber nicht auf immer,
Bengelei. Durch schlechte Romaue in ihrer Phantasie
nder, dessen
C.
nächstes Jahr kommen wir wieder!
erhitzt, machte Eva, fast noch ein Kind, einen dum¬
hmack einge¬

men Jugendstreich und ging mit einem Gecken
im eleganten
durch. Obgleich sie auf dieser Irrfahrt bald von
Theater.
rden. Des
Ekel erfaßt wurde und „rein an Leib und Seele“ von
dort zu er¬
*.* Deutsches Volkstheater. (Zum ersten
dem Abentener zurückkehrte, wirft ihr die Mutter be¬
Male „Im Frühfrost“ von René Maria
ständig das „schmutzige Verhältniß“ vor, dieselbe
eutend ver¬
Rilke und „Denksteine“ von Arthur Schnitz¬
Mutter, die kein Bedenken trägt, ihr Kind thatsächlich
chtvolle luf¬
ler. Gastspiel des Berliner Eusembles.)
in den ärgsten Schmutz der Gemeinheit hineinzustoßen.
anda bietet
Knapp vor Thorschluß führt uns das Berliner Gast¬
Die Lage des Vaters gibt den Anlaß zu dieser Schänd¬
as Theater
spiel noch ein neues Vild vor, die Arheit eines heimi¬
lichkeit. Der Eisenbahnbeamte Girding (Herr Rein¬
s ist längst
schen Antors, dem ein berechtigtes Interesse entgegen¬
hardt) bat dreihundert Gulden aus der Lohncassa ver¬
wachsenden
kommt. Der junge René Maria Rilke, der Verfasser
untreut und, um das Desicit zu decken, den Betrag
em schönen
des Dramas, „Im Frühfrost“, das die Berliner zur
von einem in der Ferne lebenden Bekannten dem
Bei dem
Aufführung brachten, hat sich als Lyriker durch ausehn¬
Agenten Merzen (Herr Heine), entliehen. Als er das
en vielen
liche Talentproben hervorgethan. Iu seinen lyrischen
Geld in Händen hatte, verwendete er es nicht für den
gjentlich be= Gedichten („Larenopfer“ und „Traumgekrönt“) beglau¬
dringenben Zweck, sondern für einen Landaufenthalt,
hier gastirt bigt er seinen Beruf durch ein feines Formgefühl,
den seine Familie beanspruchte. Nun drängt das Ver¬
Llanzrollen
Eigenthümlichkeit des Ausdrucks und Sinn für unge¬
hängnis von zwei Seiten herein, auf der einen Seite
es Publi¬
wöhnlich zarten Stimmungsreiz, Vorzüge die durch
droht die Entdeckung des Unterschleifs, auf der andern
kleine Ausschreitungen der Originalitätssucht hie und
ig sind die
die Rohheit des Gläubigers, der sich aus der Ferne
Häuser er¬
da verschleiert, aber nicht verdunkelt werden. Nun einfindet, um die Schuld einzutreiben, und nicht nur
drängt das frühreife Talent auf die Seene hinaus,
mit Klage und Pfändung, sondern auch mit Enthül¬
wo die meist verlockenden Erfolge winken. Scheinhar
derr Löwe
lung des ihm bekannten Verbrechens droht. Frau
ite. Das
gähnt eine große Kluft zwischen den abgetönten lyrischen! Girding (Frl. Bünger) faßt sofort den Plan, den
und Lor¬
Stimmungsbildern und den grellen Bühnenstücken des
Bedräuger zu zähmen; sie schmeichelt den brutalen
ie Bühne,
jungen Autors; im Wesentlichen wirken doch die glei¬
Genußmenschen in das Haus hinein und verkuppelt
in den
chen Kräfte hier und dort: früh entwickelter Formsinn, ihm ihre Tochter. Eva wehrt sich eine Weile und
mit seiner
glückliche Beobachtung im Einzelnen, eine gewisse
zeigt dem abscheulichen Gaste Verachtung. Die uner¬
vurde viel
Freudigkeit am raschen Gestalten, de. noch der starke
loschene Liebe zu einem Bewerber aus früberer Zeit,
Lebensgehalt fehlt, der innerlich erworben sein will.
dem wunderlich sentimentalen Doctor Bauer (Herr
ist sehr
Auch die etwas gewaltsame Neigung zum Außerordent¬
Runge), gibt ihr dabei anfänglich einen Halt. Aber
Frl. Lotti lichen tritt in Ritkes dramatischen Versuchen stark her¬
der gefühlvolle Doctor Bauer ist von der seltsamsten
Mitglied vor. In seinem Dramolet: „Jetzt und in der Stunde
Pfeudo=Rechtschaffenheit; er hat sich ein halbes Jahr
Walter des Absterbens“, das im Vorjahre von den Kräften
bei der Geliebten nicht blicken lassen, und Eva muß
bling ist, des Volkstheaters gegeben wurde, wie in seinen. Drama
von ihrem gassenbübischen Bruder erfahren, daß der
„Im Frühfrost“, dessen sich vorgestern die Berliner
Verächter alles Mammons — dafür gab sich der Lieb¬
auf die annahmen, sucht er alles Krasse, das die Gegenwart
haber aus — sich unterdeßen mit einer reichen Ban¬
iherrscht auf die Bühne bringt, zu überbieten; in beiden Stücken
quierstochter verlobt habe. Dasleidenschaftliche Mäd¬
besonders kann man eine geschickte Concentration der Vorgänge
chen wendet sich brieflich um Aufklärung an den
ie Leute
gewahren, welche mannigfache Entscheidungen auf einen
Treulosen, der daraufhin auch sich bei ihr einfindet,
Langsam
Punct hindrängt, und in beiden wird die Tragik auf
sich neuetlich zu ihr hingezogen fühlt, zumal er erfährt,
gt, halb
die Scheide des äußerlichen Irrthums und des ver¬
#aß das vielbesprochene Jugendabenteuer ein unschul¬
herzhafte; paßten Momentes gestellt. In den neuen Drama
niges gewesen, aber nichtsvestoideniger der seinem Elt
reizendes
handelt es sich um ein Mädchen, das gegen den An¬
schlusse, sich anderswo zu vermählen, verharrt. Er
Officiere,
trieb einer besseren Natur durch trostlose Familienver¬
küßt die Eine und freit die Andere. Auf die Ver¬
zur Cur hältnisse in die liefste Gemeinheit hinabgezerrt wird.
lassene wirkt nun die kupplerische Mutter mit gewalt¬
sich der
Eva Girding (Frl. Gabri), die Tochter eines schwachen,
samer Uiberredung ein, sie erklärt dem Mädchen, daß
der an¬
durch Geldsorgen moralisch zerrütteten Vaters und
der Vater ein Dieb sei. der nur durch die Opferung
einer vollständig verderbten Mutter, sehnte sich früh
der Tochter vor Schande gerettet werden könne. Da
n rahen
aus der bedrückenden Enge ihres Lebens hinaus. Die
thut denn Eva das vermeintlich Unvermeidliche und



34 —
messe geschaffen, die der Frankfurter das Blut
neraden,
Sie hatte schon eine Zeile an die Corrodi
aussaugte. Um so mehr aber mühte sich die
geschrieben, die alles aufhob, da wurde ihr der
nbeschla¬
Stadt, von der Messe noch zu retteu, was zu Besuch des Prinzen Aurel angemeldet. Er be¬
retten war.
grüßte sie mit kaum verdeckter Ironie in Frank¬
ien sich
Die Prinzessin Marie Luise hafte am
furt, er erkundigte sich so ausführlich nach den
zetzel zu Abend sich ihrer Gefolgschaft zu entledigen ge¬
Roben, die sie bestellt habe, sie wußte ihre Un¬
muth kaum zu bemeistern.
wußt. In Mantel und Kapuze dicht umhüllt,
Beschlag, begleitet von ihrer Kammerfrau, verließ sie in
Nur um so süßlicher und zuvorkommender
Häuser der Dunkelheit den russischen Hos, Frohnhäuser
wurde ihr Prinz. Als dieser sie endlich verlassen
schon
ging mit der Laterne vorau.
hatte, zerriß sie den Brief an die Corrodi. Es
werk ge¬
Daß man den nicht allzulangen Weg zu
stand bei ihr fest! Ich gehe!
atten es
Fuß machen mußte, verstand sich in dem Me߬
Sie hatte sich alles überlegt, was sie Georg
cht; s
quartier von selbst. Der Prinzessin schlug das
zu sagen hätte — ein letztes Aussprechen sollte
Sitna¬
Herz; sie vermochte keinen ihrer durcheinander¬
es sein — die Wegräumung der Mißverständ¬