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Hochgenuß, den unvergleichlichen Künstler an der Seite Mizzi
Theater und Kunst.
Günthers wirken zu sehen, jener Sängerin, deren Stimme und
Gesangskunst sich — ein Glück für die Wiener Operette — noch
Die „Concordia“=Vorstellung im Carl=Theater.
immer prächtiger entfaltet. Als Mütterchen und als Braut bot
Frau Günther einen gleich entzückenden Anblick; besonderen Reiz
Es war eine überaus gelungene Vorstellung, die gestern nach¬
strahlte ihr Tanz aus. Die Dritte im Bunde war Fräulein Walde
mittags, vom Journalisten= und Schriftstellerverein „Concordia“
vom Raimund=Theater; als Jugend von fesselnder Erscheinung (ein
veranstaltet, ein glänzendes Publikum im Carl=Theater versammelte.
wahres Bijon) und schausvielerisch von anmutigster Schalkhaftigkeit.
Das Haus war schon seit einigen Tagen ausverkauft. Es herrschte
Direktor Sigmund Natzler von der „Hölle“ hatte das Werk
eine gewisse Spannung, wie vor jedem Theaterereignis, das ein
ausgezeichnet inszeniert
wenig sensationell angetan ist. Ein originell gemischtes Programm
eine Aufgabe, die viel Feinheit und
Geschick erfordert hat. Von den Obationen, die am Schlusse den
erwartete die Hörerschaft. Zuerst ein literarisches Viertelstündchen,
Darstellern und mit ihnen Leo Fall bereitet wurden, der vom
von Artur Schnitzler geboten, dann eine wirkliche Operettenpremiere
Orchesterpult auf die Bühne gerufen wurde, wollen wir hier nur
— Oskar Straus mit seinem in Wien noch nicht aufgeführten Ein¬
nebenbei sprechen. Sie waren der stimmungsvolle Abschluß dieser
akter Venns im Grünen“ — und schließlich eine Girardi=Premiere.
—„Dus heißt nämlich: Errardi un Toltäverkmeister Drechsler in der
Veranstaltung.
Zaus der „Hölle“ bekannten Operette „Brüderlein fein“ mit Mizz
Günther und Fräulein Gerda Walde als Partnerinnen und mit dem
Der außergewöhnliche Erfolg der gestrigen „Concordia"¬
Komponisten des reizenden Werkchens Leo Fall am Dirigentenpult.
Vorstellung und die zahlreichen Wünsche nach einer Wiederholung, die
" Dietes Programm fand außerordentlich dankbare Aufnahme.
namentlich aus jenen Kreisen laut wurden, welche für die gestrige
* Schnitzlers Einakter aus dem Anatol=Zyklus „Die Frage an
Matinee keine Karten mehr erhalten konnten, veranlassen das Komuee
das=Schilfal“ wurde von einem Ensemble der Neuen Wiener Bühne
die Vorsiellung mit dem selben Programm am Sonntag den
Iganz vortrefflich gegeben: Charlé als Anatol, Herr Ziegler
20. d., halb 3 Uhr nachmittags, im Carl=Theater zu wieder¬
als Max und Claire Wallenstein als Cora waren geistreiche
holen. Der Karten=Vorverkauf wird übermorgen Mittwoch¬
Interpreten des Dichters; die leifeste Nuance des sinnigen Dialogs,1 9 Uhr vormittags, bei den beiden Tageskassen des Carl=Theaters
die feinste Anspielung nach dem Schalkhaften hin — wie lebhaft eröffnet.
wurde sie sofort vom Publikum aufgeariffen! Herr Charlé und #
Fräulein Wallentin verstanden es auch, durch ein sanftes Unter¬
streichen der wienerischen Note das Problem sozusagen gemütlicher
zu gestalten. Der Einakter hatte einen warmen Erfolg und die
Darsteller wurden oft gerufen; mit ihnen mußte auch Direktor
Steinert, der ausgezeichnete Regisseur, erscheinen.
Der Einakter Oskar Straus' „Venus im Grünen“ nennt
sich ein „musikalisches Fastnachtspiel“; es ist die „Vertonung“ des
lustigen Stückchens Rudolf Lothars, das vor zwei Jahren im
Deutschen Volkstheater so erheiternd gewirkt hat. Schauplatz:
Irgendwo in Toskana. Zeit: Achtzehntes Jahrhundert. Ein junges
Bürschchen wird auf die Brautschau geschickt; er soll Viola zum ersten
Male sehen, die ihm der Vater zur Gefährtin auserwählt. Auf dem
Weue, gerade vor dem Schiosse des Bräutchens, wird der Freier von
Banditen seiner Kleider beraubt. Da gibt es, meint der Räuber¬
hauptmann, nur eine Rettung: der Jüngling möge sich von Passanten
andere Kleider mit Gewalt — ausborgen. Der Jüngling tui's sehr
wider Willen. Da kommen zwei junge Herren von einem Masken¬
fest; der Freier und der Räuberhauptmann zwingen die beiden,
Frack, Weste 2c. als Beute zurückzulassen — bis sich herausstellt, daß
die beiden Opfer niemand anderer sind, als Viola und ihre Zofe
Giulietta. Selbstverständlich Verlobung auf der Stelle. Oskar
Straus hat sich keine der lustigen Situationen entgehen lassen, sie
durch eine leichte, so recht ins Ohr gehende Musik festzuhalten. Das
Ständchen des Freiers, zwei Quartette, das Kußlied des Räubers und
Gi
nliettas und die lyrische Nummer des Räubers wider Willen fanden den
msten Widerhall; den größten Erfolg jedoch hatte der Walzer
las und Giuliettas. Das ist eine Piece, mit der sich Oskar
aus wieder einmal von seiner schönsten Seite gezeigt hat. Der
lzer ist süß und weich und hat den richtigen sieghaften „Schmiß“.
u Keplinger (Viola) und Frau Zwerenz (Zofe) sangen,
ten und pfiffen ihn hinreißend. Die Zwerenz hat mit dem lustigen
merkätzchen ein Soubrettenröllchen ganz nach ihrem Herzen ge¬
en, ihre Laune und Feschheit wirkten elektrisierend. Frau
linger sah reizend aus und sang den Hörern zu Herzen; wie lieb
ielte sie nur die Erkennungsszene mit Herrn Rohr, dem Freier.
Dieser geschmackvolle junge Tenox bereitet immer Freude; er war
gestern glanzend bei Stimme. Den Räuberhauptmann gab Herr
Waldemar in seiner drastisch=komischen Art mit gutem
Gelingen. Das Werkchen hatte durchschlagenden Erfolg. Die beiden
Damen mußten ihre Walzer wiederholen. Oskar Straus, die Dar¬
steller und Direktor Kadelburg, der die Novitat vortrefflich in
Szene gesetzt hat, wurden vielfach gerufen, um den Dank des Publi¬
kums entgegenzunehmen.
Mit Spannung wurde die letzte Nummer des Programms er¬
wartet. Das Wiener Publikum kennt Leo Falls reizende Alt¬
Wiener Operette „Brüderlein fein“ aus der „Hölle“; die entzuckenden
Musiknummern, der liebenswürdige, in seinen Stimmungen dichterisch
empfundene Text Julius Wilhelms sind schon populär ge¬
worden. Gixardi hatte sich in diese Operette verliebt und es
reizte ihn, den alten Domkapellmeister zu spielen, der am vierzigsten
Hochzeitstage in einem holden Traumbild wieder einmal ein
Stündchen Jugend lebt. Girardi bot eine wahre Meisterleistung,
erfüllt von Liebenswürdigkeit und Diskretion und von jenem Charme,
den wir an Alt=Wien im allgemeinen und an allen alten Herren
bewungern, die uns Girardi bis nun verkörpert hat. Es war ein