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Theater und Alufik
Arthur Schnitzler: Drei Einakter
Von Goktfried Kellers Muse hat irgendwer einmal
gesagt, sie sei ein hübsches und dralles Bauernmädchen
gewesen, das der Dichter gern zuweilen auf den Schoßz
genommen und in die Backen gekniffen habe: und von
der Muse Wilhelm Raabes dürfte man mit Fug sagen,
es sei ein genz lichtblondes Wesen, dem der Dichter zu¬
weilen gas tief in die blauen Augen geschaut habe. Solche
Verkildlichungen und Verleibungen rein geistiger Vor¬
gänge mögen manchem ein wenig geschmacklos vor¬
kommen; aber es ist ganz reizvoll, nach der Regeldetri
Arthur Schnitztlers Muse zu errechnen, dessen 60. Ge¬
burtstag das Schauspielhaus gestern mit der Auf¬
führung dreier Einakter beging. Auf den ersten Blick
scheint diese Muse ein zieres Wiener Madel zu sein,
wie man sichs aus der Ferne wohl vorstellt; schaut
man näher zu, hat sie einen Stich ins Kesse und
Parsümierte; und tritt man ganz nahe heran, ist's
ihr eigner Schatten, ein Großstadtkind mit verlebten
Zügen. „Literatur": ein reizender und seinge¬
wobener Scherz, wenn man sich einmal auf den
Standpunkt stellt, solcherlei Dinge seien des Ver¬
dichtens wert; „Abschiedesouper“; ein hübsch
dargestollter Vorgang wenn man schon einmal
lebensernste Dinge in sebernden Gesprächen erledigen
will. Die einzige tiefere Berechtigung wärfs, wenn
diese Stücke als Satiren erkenntlich wären; aber das
sind sie nicht ausschließlich genug, um nicht davon zu
überzeugen, daß Schnitzler selbst von dieser müden
Lebenshaltung angefressen sei, kein Weltverdichter, ein
Halbweltdichter.
Wie sehr er das ist, beweist seine „Groteske“ Der
grüne Kakadu, ein Stück aus der französischen
Revolution. Wie Schnitzler da in dem Gasthaus des
ehemaligen Theaterdirektors Prospere seine Schauspieler¬
truppe allabendlich auftreten läßt mit mimischen Vor¬
führungen von Verbrechen und Gruseltaten, die in
Wahrheit ihm ermöglichen, in seinem Haus die Treiber
der Revolution zu versammeln; wie in demselben Raum
die Aristokraten zusammenkommen und sich dieser
Ernsthaftigkeiten freuen, weil sie sie als Späße, als
Nervenreiz, ansehen; wie der Schauspieler Henri in
den Saal stürzt und gesteht, daß er seine ihm eben
angetraute Frau Léocadie in den Armen des Herzogs
von Cadigman angetroffen und ihn ermordet habe; wie
da keiner weiß, ob das Verstellung oder Wirklichkeit
ist, bis Cadigman in den „grünen Kakadu“ tritt und
nun von Henri, der erfährt, daß er nur zu gus er¬
funden hat, wirklich erschlagen wird; wie dann die
Bürger nach dem Fall der Bastille ihre große Rache
beginnen, auch an den Aristokraten im „grünen Kakadu“:
wie das alles geschieht, erkennen wir die unsehlbar
sicher bauende Hand des Theatermannes Schnitzler mit
besonderer Unmittelbarkeit. Aber auch das Ethos des
Dichters? Er soll ebensowenig, wie Büchner im
Danton, auf einer Seite stehen, aber er soll überall
mit drängendem, leidendem Herzen dabei sein. Es
wäre falsch, zu sagen, Schnitzler hätte kein Ethos, keine
„Sitte“ in Schillers Sinn, doch ist es kritisch rück¬
blickend gerichtet, nicht aber nach vorn. Daran liegt
es, daß Schnitzler im heranwachsenden Geschlecht keine
Freunde hat, während das deutsche Geschlecht auf und
nach der Mittagshöhe aufmerksamer auf diesen Bespötter
der eignen Zeitläufte zu horchen pflegt. Es wird sich
wohl in Kürze entscheiden, ob dieser Dichter, dem wir
übrigens ja eine kleine Anzahl besonders feingesetzter
Novellen verdanken, ein Vaumeister am deutschen Wesen
und Schrifttum gewesen ist; er wird eine Abkehr er¬
leben, denn es ist die Zeit der Wiederkehr der Ideale
heraufgekommen. Und hier beginnt Schnitzlers per¬
sönliche Tragik; sein Lebenswerk ist in sich einheitlich
und geschlossen erbaut, Zeuge einer großen Begabung,
und doch muß und wird derlei Kunst unbarmherzig fallen
müssen, wenn es aufwärts gehen soll in Deutschland.
Es müssen verschiedene sehr günstige Umstände zu¬
sammengetroffen sein, daß die Aufführung im Schau¬
spielhaus, zumal die der Einakter, so ausgezeichnet ver¬
lief. Warum gelangen gerade diese gekünstelten Stücke
so gut? In „Literatur“ gab Friedl Münzer das
Weibchen Schriftstellerin, im „Abschiedssouper“ die
Annie außerordentlich; Grazie, Wehmut. Gier, Reiz¬
samkeit in einer Mischung, die ihr auch in ihrer Rolle
im letzten Stück besondern Glanz gab. Korth, in
den ersten Einaktern Spielleiter, setzte erst den Literaten
Gilbert, dann den glatten Max und endlich den Wirt
m „grünen Kakadu“ rund hin. Hätte Korth seine
Sprache besser gepflegt, er wäre heute vielleicht ein
großer Schauspieler. Weinlein gab den adligen
Freund der Margarethe im ersten Stück sehr hübsch;
Aßmann im zweiten als Anatoi wußte aber doch
die Unwiderstehlichkeit des Kavaliers besser zu treffen,
es ist das seine Domäne. Nitzgen gab den Kellner.
Aus der Aufführung des „grünen Kakadu“ ragte die
Gestalt des Schauspielers Henri über alle andern hervor;
Pfund gab sie elementar, aus Tiefen, aus Stürmen.
Daß am Schluß Adele Schönfeld als Léocadie in
ihrem Aufschrei nicht hinter Pfund zurückstand, will
nicht #reniges besagen; es war aus Könnensvollkraft
hrafgepreßt. Senden als entnervter, zittriger
Edelmann, Goetz als ein schon in der Maske treff¬
licher Marquis. Gode als brüllender Schauspieler und
Eggerth als der Philosoph Grasset seien aus der
großen Reihe der Mitwirkenden herausgegriffen. Dr.
Liebscher hatte die Spiekleitung; Raum, Verteilung
der Massen, Herausschälung der tragenden Spieler
waren ihm gut geglückt, immer war eine Abgewogenheit
des Bildes bemerkbar, die nur aus einem Gesetz in der
Brust des Spielführers erklärlich ist. Übrigens ist der
„grüne Kakadu“ sprachlich genommen, ein Stück
sichen eing Doefiebe Oiebschers. —ü—.
Symphonie und ##